Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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59 pretalionen weichen. Ein einfaches Beispiel bietet H. Tal Tora I. 13, dar, wo er, sonst immer der Verehrer geistiger Tbätigkeit, erst es gern steht, daß auch Frauen das Gesetz studiren, dann aber wieder es, mit den Rabbinen, kadelnswerth findet, ein Frauenzimmer darin zu unterweisen; dann wieder dieses auf Tradition beschränkt, dagegen die h. Schrift nicht unbedingt verbietet, vielmehr eigentlich es für unerlaubt erklärt, aber wenn es geschehen ist, es auf sich beruhen laßt. — Offenbar rührt alles dies von der geringen Vorstellung der, welche die Rabb'nen — nicht aber die h. Schrift, die den Frauen gebietet bei den Vorlesungen zugegen zu sein — von dem weiblichen Geschlecht batten, und die Commentare sprechen dies vollständig aus. Frauen, Kinder und unwissendes Volk bilden eine Kategorie. C. F. Maim. Theschuba Ende. Wie .wenig die heutigen Talmudisten, selbst die allerstrengsten, stch an die noch so allgemein ausgesprochenen Grundsätze des Rabbinismus in der Praris hatten, kann man leicht wahrnehmen, wenn man die drei Abschnitte 9 —11 von Hilch. Accum, insbesondere mit Rücksicht auf 9 §. 4 (.nach welchem in Palästina den Juden aller Verkehr mit Christen mehr als 5/7 des Jahres, nämlich % wöchentlich, und außerdem noch wohl mehr als %, versagt ist) mit dem heutigen Leben der Conservativen vergleicht. Man kann geradezu sagen, daß die Gesittung, welche ganz besonders Maimonides durch seine vortresslichen Lehren über den freien Willen, über die Wirkung wahr^ Reue, über die ächte Weisheit des Lebenswandels, über die innige Liebe zu Gott, u. s. w. auf eine sehr hohe Stufe führt, den Fanatismus, welchen derselbe Maimonides mit den stärksten Ausdrücken anempfiehlt, durchweg paralysirt. Die Rabbinen haben zwar die Theorie, als Ausfluß der alten Tradition gutgeheißen, aber in ihr selbst immer auch Entschuldigungsgründe gefunden, um nicht die Härten auszuüben, zu welchen die Autonomie sie berechtigte, und welche hie und da in der That ausgeübt wurden, wie man aus allen Rechtsgutachten der autonomischen Zeiten ersehen kann Ein solcher Zustand der religiösen Angelegenheiten, ein so prinziploses Schwanken, eine solche Halbheit in der Treue, eine solche augenscheinliche Unwahrheit im Bekenntniß, ist aber höchst bemerkenswerth, denn damit hängt das Wohl und Weh vieler Tausende von Familien zusammen. Leicht möchte es jedem Einzelnen werden, zu erklären, Talmud und Rabbinismus seien für ihn nickt da, leicht findet stch eine Anzahl welche stch dieser Erklärung anschließt, und man verständigt stch über Anerkennung der Bibel und deren Interpretation. Allein damit haben die Einzelnen stch nur selbst ihr Recht genommen. Das Uebel ist dadurch für die Gesammtheit nicht abgestellt. Im Gegentheil es sind die Elemente, welche im Fortgange sich zu entwickeln und zu läutern hätten, zerrissen und ein Theil dessen was die Zeit bereits gereift hatte, wird vernichtet, um einem neuen Baue Raum zu schassen, während andrerseits dies ganze Verfahren als Empörung gegen den Geist des Judenthumes, welchem alle jene Schöpfungen angehören, dargestellt wird. Offenbar sehen sich die, welche im alten Besttzthume verbleiben, als die Berechtigteren an, und erwarten von den Abfallenden eine Darlegung vollgültiger Beweise für die Aechtbeit des neu zu begründenden Jndenthumes; diese können aber, nachdem der geschichtliche Faden zerrissen worden, nur nach Willkür angeknüpft werden, und Willkür und Offenbarung vertragen einander nicht. Die Unmöglichkeit aber auf der bisherigen Bahn langsam fortzukriechen, während die Welt Riesenschritte macht, ergibt stch von selbst, und der Widerspruch konnte jetzt nicht mehr ausbleiben. Es mußte ein gewisser Unmutb von beiden Seiten Platz greifen. Der Rabbinismus fühlt endlich wobl, daß nicht alles, was in der Theorie steht, stch werde behaupten können, aber ihm stebt die Gewohnheit und der alte Besttz zur Seite; die jüngere Generation begreift allerdings, daß sie nicht so weit geben könne, eine nicht im Wesen des Herkommens selbst begründete Umgestaltung zu fordern; aber zur Bewirkung eines unerläßlichen raschen Umschwunges gebt sie mit jugendlichem Feuer ans Werk; die Zeit mit ihren Forderungen und die geistige Bildungsstufe treiben vorwärts. Gin Kampf muß erfolgen, ein Rebeneinanderlaufen ist nicht möglich; sich gegenseitig anerkennen hieße auf den eigenen Charakter verzichten; zweierlei Judenthume kann es nicht geben. So wäre denn ein Zerfall, ein Schisma fast unvermeidlich, wenn nicht die ruhige Forschung zu einer Verständigung führen dürfte. Auf diese aber zu verzichten ist um so weniger Grund vorhanden, als noch kaum die eigentlichen Elemente des Streites ins Bewußt-