Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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58 Zeremonial der Religion gehören, als vielmehr das Gebiet der Sittlichkeit berühren. Mancher wendet sich gleichgülttg hinweg; was liegt an der antiquarischen Untersuchung? Der Talmud ist ja todt, von der heutigen Intelligenz der Verwesung überlassen; was liegt daran, ob seine Moral Werth habe oder zu verwerfen sei? Uns scheint aber das, was noch in der entschiedenen Mehrzahl gleichviel ob mit Recht oder irrthümlich als wesentlich betrachtet wird, nicht so ganz antiqm'rt zu sein, und wenn dasselbe Verderbliches enthalt, gebietet schon die Menschenliebe, daß diejenigen, welche es nicht wahrnehmen, darüber aufgeklärt werden, so wie umgekehrt, wenn ungerechte Angriffe auf das alte Erbe unternommen werden, und diese gar die Besitzer sonstwie gefährden, es die Pflicht erheischt, dasselbe zu vertheidigen. Allein auch ein anderes Mißverständniß waltete noch ob. Die Zuden können sehr leicht die Autorität des Talmuds abwerfen, ihm das Recht über Privatleben und Führung im Einzelnen zu entscheiden, absprechen; sein Einfluß auf die Gestaltung des Judenthums aber, seine historische Wirksamkeit, wer will diese hinwegleugnen? wer kann sie vernichten? Etwas anderes ist der Talmud, etwas anderes dessen Geist. Jener ist der Körper, an welchem wir tausenderlei Mängel entdecken , und vieles als Gebrechen bezeichnen können; der Geist desselben aber hat das ganze Judenthum dermaßen durchdrungen, daß es nicht auf ihn verzichten kann, ohne sein Leben auszuhauchen. Viele Rabbinen haben es schon ausgesprochen, daß nicht alles im Talmud als Tradition zu bettachten sei, aber sie haben sich sehr gehütet, eine vollständige Uebersicht dessen zu geben, was denn nunmehr, und nach bestimmten Kriterien erweislich, als Tradition und was nicht als solche anzunehmen. Der Grund dieser Aengstlichkeit ist leicht zu errathen: theils muß es sehr schwer kalten, die erforderlichen Kriterien aufzufinden und gehörig zu stützen, theils facht man nicht gern ein Feuer an, desien Zerstörungen weiter gehen könnten, als beabsichtt'gt worden. So ist nun der Talmud in seiner äußern Erscheinung der Kritik übergeben, während seine Lebenssäfte immerfort das Judenthum durchziehen, und dieses auch recht eigentlich darin sein Dasein empfindet: Sabbath und Festtage sind in hinsi^t ihrer astronomischen Bestimmung jedenfalls talnudisb, die Festtage insbesondere durch die Kalender-Eichung. Eine Verlegung derselben wurde der Willür Äür und Tbor öffnen und alles in Verwirrung bfrigel. Der öffentliche Gottesdienst, lokal leichter von allmTalmudischen zu reinigen, ist im Allgemeinen noch in Men seinen Theilen, und in seinen AuffassungsweisM btteffend die Bedeutung der Feste, so sehr vom TaftzUdisäen durchtränkt, daß eine Zurückführung desselber auf Wische Elemente ihn fast bedeutungslos macher, jedenfalls die Gesammtheit nicht ansprechen, und deren religiösen Sinn, der des Symbolischen bedarf, licht fördern würde. Dieselbe Schwierigkeit wird sich bi Fann'lien-Angelegenheiten finden. Jede Feier wird, "inmal des Herkommens entkleidet, vollst^dig erbleiche:, und höchstens ein augenblickliches Leben gewinnen, wem der fmgirende Geistliche es versteht, dem Gemühe religiöse Erbauung einzuflößen. Erbauung aber ist nicht ausreichend für confessionelles Judenthum. Dies alles möge nur die Aufmerksan^cit dabin lenken, daß mit der Autorität des Talmuds, der Einfluß desselben nicht verschwindet, und mit der Abn'isung jeder Pflicht, seinen Inhalt zu vertreten, doch nicht de Pflicht, seinen Geist einer ernsten Prüfung zu unterziehöl, ganz erledigt ist. Was in unserer Gemeinde historish berechtigt fortwirkte, gleichviel ob Alle dessen Berechnung anerkennen, muß untersucht werden, theils um Arä? '• tungen weiter auszumerzen, theils auch um das Jud thum immer mehr von Vorwürfen zu befreien, die i gemacht werden können. Der Talmud, als solcher, befaßte sich im All meinen nicht mit Prinzipien; e, setzt diese, als in r Bibel gegeben, voraus; nur selrn spricht er allgemein Grundsätze aus, doch eben nur gelegentlich, und nicht formulirt, daher auch nicht äs solche anzuerkennen. Der innerste Kern der großen Geisteöthätigkeit, die er umfaßt, kann nur aus Abstpktion erkannt werden. Selbst die Sammlungen der talnjldischen Entscheidungen, die sogenannten Gesetzsammlung«: gehen nicht sehr auf allgemeine Ansichten ein. Mainvnides ist der Einzige, welcher diesem einige Beftimmtbet zu geben strebt, aber man sicht auch ihm manche Vejegenheit an, wenn er in der Anwendung auf Jnconse«:enzen stößt. Alle seine innere Festigkeit muß bisweilen len talmudischen Inter-