Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1846)
- Date
- 1846-02-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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50 der Reform des israelitischen Gottesdienstes durch das Herbeiwünschen eines veränderten Gebetbuches implicite zugegeben wird, so ist es doch offenbar besser, gleich jetzt damit anzufangen, als die Erbauung eines neuen Gotteshauses abzuwarten. Ich halte eine durchgreifende Umwandlung des Gottesdienstes für ein viel schwierigeres, weit mehr Zeitaufwand erforderndes Werk, als die Construktion einer neuen Synagoge. Zch halte es überhaupt für verfehlt, etwas so Geistig-Innerliches, wie die Einrichtung eines neuen Gottesdienstes, mit etwas so Körperlich-Aeußerlichem, wie die Erbauung einer neuen Synagoge irgend zu verknüpfen. Es find ganz andere Bausteine, die zur Erbauung des Gemüthes, und die zur Erbauung eines Hauses verwendet werden. Ein Haus kann in einer gegebenen Zeit fertig sein. Kann man dasselbe von einem Gottesdienste sagen? — Läutert Euern Gottesdienst, macht ihn für jedermann verständlich, so daß jedermann fich darin erbaue und das Bedürfniß darnach empfinde, — das neue Haus wird nicht auf fich warten lassen. Die neue Amtstracht in Galizien; Renegat Mayer. (Aus Galizien.) Es heißt hier allgemein, daß mit nächstem eine zeit- und standesgemäße Trachtvorschrift für Rabbinen, Relkgionsweiser und Vorsteher, von weiten des Guberniums zu erwarten sei. Genannte Stände bilden bekanntlich hierzulande in Allem die Tonangeber, sonach dürste durch fie die so verpönte Landestracht in Aufnahme kommen, und wer mit den hicfigen socialen Zuständen bekannt ist und weiß, wie sehr die Verschiedenheit der Kleidung einer freundlichen Annäherung zwischen Juden und Christen hinderlich ist, stehet mit gespannter Erwartung der Verwirklichung dieser Nachricht entgegen. Ein derartiges Mandat stößt mit nichten, wie's vielleicht auf den ersten Blick den Anschein haben dürste, an das bekannte Tolcranz- Evict; indem einerseits kein gesetzliches Muster des Klciderschnitts eristirt und andererseits bleibt ja den Hyperorthodorcn die Freiheit*) fich durch Entsagung ihres Postens demselben zu entziehen, und nach wie vor in Streimel, Spodek, Zobelmütze, Pekeschc, Jupize, Radziwiluwka, wie a schönes Jüdchen cinherzustolziren. Hingegen erregt der bekannte, ähnliche russische Ukas wegen der kosackischen Barbarei bei der Vollziehung gerechte Indignation. Man würde in Deutschland von der Brutalität die dort an der Tagesordnung ist, sich kaum einen Begriff machen können. Es heißt wohl in dem Ukas, daß cs den sich weigernden Juden vorläufig freistehe, bis nach Verlauf von 5 Jahren gegen Entrichtung eines zu fixirenden Klcidcrzolls, der *) Eine schöne Freiheit! Die Red. auf Fondirung der Schulen verwendet werden soll, sich der beliebigen altväterischen Tracht unangefochten zu bedienen, und doch, o Wunder! wird abseiten aller einschlägigen Behörden auf soglciche unvcrschiebliche Ausführung mit beispielloser Härte und Strenge gedrungen. Moscowitische Teufel in Menschengestalt reißen den armen Juden auf öffentlicher Straße die Kleider vom Leibe, das Kappet vock Haupte unter Höhnen und Lachen der Umstehenden, ja in manchen Städten werden sogar die Schornsteinfeger mit dem lucrativen Aufträge betrauet, jedes ihnen aufstoßend jüdischgekleidete Individuum mit diebischer Frechheit auszuziehen und die Kleider für sich zu confisciren. Denken Sie sich die unglücklichen, gehetzten, jammernden Juden, verfolgt und mißhandelt von betrunkenen Kosacken und beuteschnaubenden Kaminfegern, die weder Alter noch Geschlecht schonen, und sagen Sie selbst, ob dies nicht ein Schauspiel zum Rasendwerden sei! Der berüchtigte Renegat Bonaventura Maper, der in seiner wetterwendischen laxen religiösen UeberzeUgung sich darin gefällt, den Gegner c^ser Reform zu spielen, und in seiner Dummdreistigkcit sich zum Ritter aller Orthodoxie, auch der jüdischen, aufwirft, machte auch in Galizien seine Rundreise, in der löblichen Absicht, die Beutel der frommgläubigen Juden in Contribution zu setzen, was ihm aber wie notorisch, auf höchst unbefriedigende Weise gelungen. Die hierländischen scharfsichtigen Polen lassen fich nicht so leicht wie ein David Samose in Breslau ein X für ein U machen, und haben den Fuchs gleich erkannt. Aber er stellte es auch so ungeschickt tölpelhaft an, daß man in Zweifel war, ob. man mehr über seine Frechheit indignirt oder über seine Dummheit erlustrirt sein soll. Er gab sich für einen gebornen spanischen Granden — ein Landsmann des Hrn. Jalius Fürst oder Joseph Alsari in Leipzig — aus, und seine der polnisch-jüdischen Jargon wie ein Ei dem andern ähnliche Aussprache, wie seine bodenlose Leerheit von jeglichem Wissen bis auf das armselige sogenannte Lernen, verriethen ihn im ersten Moment — er machte fiasco! So erging's ihm leider in Jaroslau, Stry, Czernowicz, Lemberg, Brody re. re. und ohne seinen schützenden Talisman, einige erschlichene Schreiben vom Herzog von Modena, Fürsten Metternich u. dgl. wäre er mit Schande fortgejagt worden, indem auch die Behörden sein schnödes Treiben mit scheelen Augen ansahen. — Armes, armes Galizien! ich sehe dich schon unter seinen Geißelhiebcn, die er dir in seiner zu veröffentlichenden Scharteke in Hülle und Fülle zu versetzen angedrohet, zucken, ich sehe schon, wie er mit glühenden Zangen und Schrauben unter haarsträubenden Flüchen und Verwünschungen dir jedes Glied ausrenkt, jede Faser zerreißt, jede Ader aufschlitzt, ich sehe dich unter höllischen Martern winden und krümmen, und — jach verbluten. — Hui, welch grausiger Anblick! Vivo l’inquisitiou! — Dir aber o Jisrultschi in Sadagure und dir o Frankel in Pzcschow wird er Lobsalm fingen, deine Gastfreundschaft und deine Mildthätigkeit, deine Klugheit und deine Frömmigkeit, dein Augendrehen und dein Fuchsschwänzeln preisen und anrühmen, daß sich darob die Engel im Himmel fteuen und ein Hosiana anstimmen. Amen. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.