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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-02-08 · Heft 6 (8.2.1846) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 6 (8.2.1846)
Date
1846-02-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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48 lieben immer die Veränderung, wodurch auch die talmudischen Satzungen hier fast alle Geltung verloren haben. Was die jüdische Bevölkerung bis jetzt gleichsam instinktartig unterlassen, dies hat in den letzten Jahren der wackere vr. Leeser ihr zum Bewußtsein gebracht. In Vorlesungen und Schriften bereitet er für ganz Amerika eine durchgreifende Reform vor, in welcher er, den Talmud ganz übergehend, nur die Bibel fest ins Auge faßt. In Philadelphia, wo er das geistliche Hirtenamt bekleidet gibt er den „Occident und American Jewish Advocate" heraus. In derselben Stadt erscheint auch unter einer andern Redaction „der Israelit" in deutscher Sprache, und verfolgt dieselbe Tendenz, als jene Zeitschrift. Unter dem erwarteten „Mcsfias" versteht Hr. Leeser und mit ihm die Gebildeten dieses Erdtheils, einen vorzüglich begabten Menschen, welcher bei seinen Glaubensgenossen ein solches Ansehen genießen wird, daß er ohne Schwierigkeiten, gleich Moses, die Reform des Judenthums durchführen wird, von welcher er und andere schon jetzt mehr als eine Ahnung haben. Der von der Braunschweiger Rabbiner-Versammlung besprochenen Verheirathungslicenz mft Andersgläubigen stellt er sich indessen streng entgegen und will das alte Volk durchaus unvermischt erhalten. Doch hat er bereits zum Behufe der religiösen Belehrung den Sabbath auf den Sonntag verlegt. Auf diese Reformbestrebungen der amerikanischen Juden sehen die christianifirenden Misfionsgcsellschaften dieses Erdtheils mit einem verdrossenen Auge herunter. Man sollte es fast kaum glauben, daß so ein fteies, und ich möchte sagen, ungläubiges Land, wie die Freistaaten find, sich noch solchen Schwärmereien sollten hingeben wollen. Und doch ist es so. Gen. Gesellschaften bieten hier für die Bekehrung der Juden mehr auf, als vielleicht keine andere mehr auf dem ganzen Erdenrund. Sie haben 1827 eine schon bebaute und paradiesähnliche Landstrecke, Neu-Paltz genannt, an sich gekauft, um daselbst die convcrtirten Juden ganz sorgenfrei leben zu lassen. Sie laden in ihren Journalen Juden, getaufte und ungetaufte, aus allen Weltgegenden ein, um sich daselbst niederzulasscn. Allein es gelingt ihnen nicht. Schon wenige Jahre später, mußten sie, aus Mangel an Interessenten, die Besitzung wieder aufgeben, oder besser, mit einem bedeutenden Verluste verkaufen, und haben nun die geretteten Geldruinen der gescheiterten Conversionsspekulation dazu angewandt, daß sie aus Cassel, den Missionär Johann Neander nach New-Iork beriefen, um daselbst sein Werk zu treiben, und einen gewissen Schauster nach Europa geschickt haben, um hier auf seine Weise thätig zu sein. Gleich dem deutschen „Dibre Emeth" (herausgegeben von Hartung in Frankfurt an der Oder), volemisiren die hiesigen Missionsjournale gegen-das Streben der jetzigen Juden, im Gegensätze gegen den Talmud und der christlichen Eiferer, den Mosaismus, vom Standpunkte der Wissenschaft und des Lebens aus auf eine dreiste Weise zu reformiren. Das Leben einer solchen Reform ist der Tod aller Missionsanstalten. Dies sehen die Missionszeloten ein, und daher datirt auch das reaktionäre Tteiben außerhalb des Judenthums. Mit Recht hat daher unser Hr. Leeser an die Spitze seiner Reform die Umwandlung der alten Vorstellung von einem Messias gestellt, und wäre dies schon zur Zeit geschehen, wo sich Cultur und Bildung unter Juden in der civilisirten Welt hervorthat, so würde die Londoner Misfionsanstalt keine siebzig Agenten, noch weniger 36 Juden unter ihnen haben, so würde Berlin keine 1000 convertirte Juden aufweisen können, so würde Tholuk nicht vor Kurzem haben behaupten können/ daß das Christenthum in den letzten 18 Jahren mehr Proselyten unter Juden gemacht habe, als in allen 1800 Jahren seiner Eristenz zusammen. Nachlese aus den Zeitungen. Neuerdings sind in Preußen, namentlich in Pleß undKosel Juden zss Stadtverordneten gewählt worden. Literarische Anzeige. In der Olawskischen Verlags - und Sortiments - Buchhandlung zu Trzemesrno erscheint Ende dieses Monats eine Monatschrift unter dem Titel: Israelitischer Volksfreund für das Großherzogthum Posen, welcher durch alle Buchhandlungen des Innnd Auslandes zu beziehen ist. Der halbjährige Pränumerations-Preis ist 20 Silbergroschen. Jnsertions - Gebühren werden pro Spaltzeile mit 1 Silbergroschen berechnet. Die gute Tendenz, sowie die populäre Haltung, welche dieses Blatt stets an den Tag legen wird, gibt dem Verleger bei dem billigen Preise die Hoffnung auf eine allgemeine Theilnahme. Trzemesrno, am 1. Januar 1846. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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