Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1846)
- Date
- 1846-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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47 sich etwa kundgebende Empfänglichkeit für das Bessere zu unterdrücken. Ich sage nicht ohne Grund: in seiner gegenwärtigen Gestalt. Denn dieser, dem Geiste des rabbinischen Zudenthums widerstrebende, zuerst nur spärlich sich äußernde bald aber weil und breit um sich greifende Chassidismus hätte in vieler Beziehung der religiösen geistigen Entwickelung der polnischen Zu.en förderlich sein können, hätte er nicht im Laufe der Zeit seinen mcsciit. lichen Gehalt aufgegeben und wäre er nicht in spätern Zeiten von seiner eigenthümlichen Natur so abgewichen, daß er jetzt in seiner förmlichen Entstellung zur materiellen Spekulation niedriger Seelen herabgewürdigt worden ist. Es läßt sich in seinem ursprünglichen Wesen keinesweges manches gute Element verkennen, namentlich das Bestreben nach religiöser Innerlichkeit, nach Belebung und Durchdringung des religiösen Gefühls im Menschen, vorzüglich aber die entschiedene Abneigung gegen Formenstarrheit und äußeres Zeremonialwesen. Zhn rief unstreitig jenes Mißver. gnügen hervor, welches das menschliche Gemüth bei dem Drucke äußerer Glaubensformen empfindet, die sein Inneres mit keinem belebenden Hauche geistiger und gemüthlicher Anregung durchdringen. Gegen diesen Druck der Starrheck suchte das Gemüth in seinem Znnern ein Gegengewicht. Daher will der Chassidismus die Stabilitätssatzungen des Talmuds wie auch Biele der Bibel nicht für die alleinige Norm des Thuns und Strebens anerkennen, wodurch die menschliche Seligkeit erstrebt werden könne. Dieses Bewußtsein war freilich kein reines, klares, wie es in gegenwärtiger Zeit namentlich in Deutschland den größten Theil des Volkes durchdringt; es war kaum ein Embryo, der bei regelmäßiger Entfaltung zur Reife gelangen könnte. Allein diese negirenre Richtung, da sie von ven spätern Anhängern des Chassidismus nicht einmal dunkel geahnt ward, ging bald zu einer mystischen Gefühlsreligion über, die jedem Einwirken der Vernunft auf das Nachdrücklichste widerstrebte und die religiösen Wahrheiten als für den menschlichen Geist undurchdringliche Geheimnisse erklärte. Und indem der Chassidismus auf diese Weise seine eigene Natur verleugnend das im Menschen inwohnende geistige Forschen nach Wahrheit geradezu außer Wirksamkeit setzte, überließ er den Mensche» den Eingebungen seiner schwärmerische» Phantasie, die er für übernatürliche Erleuchtungen und Geistesoffenbarungen hielt. Bei solcher Gefangenschaft der Vernunft war es nicht anders möglich, als daß die Chasfivim in den finstern Fanatismus geriethen, in dem sie jetzt noch stecken. Ihre tiefe Verblendung geht jetzt so weit, daß sie Manchem aus ihrer Mitte eine supranaturalistische Macht beilegen, der durch den erxlufiven Besitz kabbalistischer Kenntniß Wunderdinge vollbringen kann. Solcher für heilig geltende Rabbis gibt es hier mehrere, die durch ihre mysteriösen Handlungsweisen den krassen Fanatismus im Volke zu erhalten und zu kräftigen sich bestreben. Es ist unmöglich die sittliche Entwürdigung des Menschen, die das chassivistische Treiben an den Tag legt, in ihrer ganzen scheußlichen Natur sich zu denken, wenn man mit eignen Augen manche Lebensscenen derselben nicht angesehen hat. So sieht man zur wahren Schande der Menschheit, noch jetzt die häufigen Wallfahrten zu den Rabbis, durch deren Vermittelung der Arme reich, der Kranke gesund, der Kinderlose Vater zu werden hofft. Zeder der den Segen vom Rabbi zu empfangen wünscht, muß im Voraus das sogenannte dem Rabbi einhändigen, sonst erhält er feinen Segen nicht. Die Jnfallibilität solcher Rabbis hat bei dem unwissenden Volke so tiefe Wurzel gefaßt daß zu einem solchen Rabbi Pilgrimme von entfernten Orten, besonders auf den Sonnabend wallfahren, um an der Tafel seiner Herrlichkeit theilzunehmen. Bei der Tafel zeigt sich erst die heilige Glorie des Rabbi, der ganz weiß angezogen wie eine Majestät von zahlreichen Gästen umringt ist, in ihrem ganzen Umfange. Hier entströmt dem Munde des R. eine tiefe Weisheit, die von den Gästen für göttliche Wahrheit gehalten wird, während sie tm Grunde eine gedankenlose Auslegung irgend eines Bibel, oder Talmudspruches ist. — Ihre Abneigung vor Allem, was nur den Namen Wissenschaft führt, gränzt ans Unglaubliche. Der und andere von den gröbsten Zrrthümern strotzende Werke bilden fast den ausschließlichen Gegenstand ihrer geistigen Nahrung; von dem glauben sie, er sei der menschlichen Seel, heilsam und wohlthnend, wenn man seine Worte auch nur flüchtig adliest, ohne dieselben zu verstehen. Zhr Beten in der Synagoge geschieht nicht auf jene ruhige innere Andacht und wahre Ergebung in den Willen des höchsten Wesens verkündende Weise, sondern mit jenen lärmende« uad höchst anstößigen Bewegungen, der Hände und Füße mit jenem fürchterlichen Schreien, daß der nicht Eingeweihte eher ein Zanken oder einen großen Skandal zu vernehmen glaubt. Dieß ist der Zustand eines großen Theils der hiesigen Juden! Alles Gegenreden, möge es die Wahrheit noch so rein und offenbar enthalten, ist Danaidenmühe; bei solcher starren Unempfänglichkeit zündet die Fackel der Vernunft nicht. Amerikanische Zustände.*) Zn unserem Jahrhundert haben die jüdischen Einwanderungen nach der neuen Welt der Art zugenommen, daß große Landesstrecken von ihnen bevölkert werden könnten. Die Ankömmlinge *) Aus brieflichen Mütheiluugen.