Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1846)
- Date
- 1846-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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45 und dem veralteten jüdischen Religionswesen überhaupt zu rechtfertigen suchte. Es wurde sogar häufig gerade ausgesprochen, daß man den gebilvetern und mit der Zeit fortgeschrittenen Juden gern das volle Bürgerrecht ertheilen würde, daß man aber die Gesammtheit im Auge haben müsse. Da galt eS, für das Judenthum in seiner Total - Erscheinung in den Kampf zu treten und jede partikularistische äußere Bevorrechtung zurückzuweisen, welches aber eben nur durch die Vermeidung der innern kirchlichen Spaltung von Erfolg sein konnte. Diese beiden wichtigen Momente aber, das innere sowohl, als das äußere, find in unserer Zeit nicht mehr vorhanden. Die deutschen Juden find bereits in den Kreis der allgemeinen Bewegungen bineingezogen, die gebildeten und aufgeklärten deutschen Juden stehen nicht mehr vereinzelt, sondern in dichten Massen da, das orthodoxe Judcnthum wendet sich nicht mehr von der allgemeinen Bildung und Wissenschaft ab sondern es will sich mit ihnen versöhnen und sie zu Bundesgenossinnen gewinnen. Der Gährungsstoff schwimmt nicht mehr obenauf, sondern liegt bereits in der Hefe selbst. Die Gährung aber hat Alles ergriffen und dauert schon so lange, daß nunmehr das Abgeklärte abgezogen werden muß, soll anders nicht Alles versauern und zu einem trüben Gemische werden. Die Gegensätzlichkeit der besondern Prinzipien, welchen die verschiedenen Parteien im Judenthume huldigen, ist scharf hervorgetreten und in das Volksbewußtsein eingedrungen, der innere Kampf muß aber natürlich um so heißer werden, jemehr man die Parteien gewaltsam vereinigen will. Dies war in den früheren Jahren nicht der Fall. Damals drehten sich die Reformen nur um den äußern Cultus, um Pre. digt oder Deraschah, Cautor oder Chasan, Piutim oder Gesänge re., der Cultus hat aber in diesem seinem äußern Wesen nie eine solche Bedeutung erlangt, daß er Veranlassung zu tieferen Spaltungen werden konnte. Das polnische Rabbinerthum bekämpfte zwar auch diese Reformen, es erblickte aber nicht in denselben eine wesentliche Abweichung vom historischen Judenthum, sie erschienen ihm nur eben als Reformen, als neue Formen verwerflich und erfuhren daher mit der Zeit, mit ihrem ebenfalls historisch gewordenen Bestände immer geringem Widerstand. Das Ceremonialgesetz ist freilich auch schon damals von Vielen größtentheils übertreten worden, es hat sich aber noch kein theologischer Standpunkt geltend gemacht, von welchem aus auch nur eine theilweise Aufhebung des Ceremonialgesetzes ermöglicht würde. Blicken wir nur auf die zu dieser Zeit erschienenen rabbinischen Reformschriften, ja, betrachten wir selbst noch die ersten Bände der Geiger'schen Zeit- .schrist, mit welcher Bedächtigkeit, mit welcher Rüstung von talmudischen und rabbinischen Waffen wird da nicht gegen die lächerlichsten Gebräuche gekämpft! Dies Alles ist nun aber anders geworden , es hat sich im Judenthum eine theologische Schule herausgebildet, welche die ganze Entwicklung, welche das Judenthum in rer nachbiblischen Zeit genommen hat, abweist oder abweisen muß und wird, und dieser Schule ist das Leben des größere» Thciles der deutschen Juden vorangegangen; das Ceremonialgesetz wird von diesen mehr oder weniger mit Füßen getreten, und zwar aus Ueberzeugung. mit ficherm Bewußtsein. Die Gegensätze bewegen sich nicht mehr auf der Oberfläche, sondern sie sind bereits in den Mittelpunkt eingedrungen, unv die einzige Lösung derselben besteht eben darin, daß man sie von einander löst, nicht aber, daß man sie sich gegenseitig zum vrrschwimmenden Jndiffercntismus aufreiben läßt. Denn nur zum Jndifferentismus kann es führen, wenn hier ein Grundsatz als aus der tiefsten Ueberzeugung hervorgegangen aufgestellt wird, und dort wieder Concessionen gemacht werden, welche diesem Grundsätze widerstreben, wenn z. B. die Rabbiner-Versammlung den irdischen Mesfiasglauben verwirft und doch wieder manche die Rückkehr nach Palästina und die Wiederherstellung des Opfercultus erflehenden Gebetstücke stehen läßt. Gehen wir zum äußeren, staatlichen Momente über, so finden wir bald, daß dieses jetzt die kirchliche Trennung nicht minder erheische. Tue Emancipation rer Juden in Deutschland ist zu einer stehenden Forderung der öffentlichen Meinung und der meisten Stände - Versammlungen geworden, man betrachtet sie nunmehr als die nothwendige Folge der allgemeinen Gewissensfreiheit, welche dem minder Gebildeten eben so wenig als dem Hochgebildeten geschmälert werden darf. Und wenn von der einen und der andern Seite noch gegen dre Emancipation gesprochen wird, so kann man doch nicht sagen, daß diese Feinichkeit mehr gegen die Altgläubigen, als gegen die Reformer gerichtet sei, im Gegentheil, find nicht wenige Anzeichen vorhanden, daß manche Regierung jene mehr als diese begünstigen möchte. Jedenfalls würden jetzt den ausscheivenden Reformfreunden keine partikularistischen Emancipations-Jntereffen angedichtet werden können. Die Altgläubigen selbst wünschen eine solche Trennung und diese würde jetzt auch auf dem rein kirchlichen Gebiete stehen bleiben, die andern Verbindungen aber nur dadurch befestigen, daß die bisherigen religiösen Zänkereien und Abzwackungen aufhören würden. Das Judenthum kann in seiner freien Entwicklung nur erstarken, die verschiedenen aus seinem Kerne auslaufenden Richtungen werden den Zweigen des festwurzelnden Baumes gleichen, welche obgleich auseinanderstehend, doch in ihrem Stamme vereinigt find und dieselben Früchte tragen; wollt ihr aber die Abzweigung des Stammes verhindern und ihn mit eisernen Reifen umziehen, so macht euch nur darauf gefaßt, daß er früher oder später in seinem innersten Lebensmark ersterben und verdorren werde.