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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-02-08 · Heft 6 (8.2.1846) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 6 (8.2.1846)
Date
1846-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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43 den muß, die sie aber, da ihnen jede tiefere Einsicht in dieselbe natürlich abgeht, als einen juridischen Prozeß betrachten, und da die gegenseitigen Befugnisse und Verpflichtungen durch keinerlei Statuten festgestellt sind, so ist hier die Willkür an ihrem Orte. In den Gemeinden aber, wo der größere und wichtigere Theil zu ihren Fahnen hält, kennt ihr von Selbstsucht genährter Fanatismus keine Schranken, und es gelingt ihnen nur zu gut, jeden edlern Keim, jede bessere Stimme zu ersticken und zu betäuben. — Es giebt indeß auch schon mehre Rabbiner, die als gebildet gelten wollen, und so auch allen Parteien genügen zu können glauben. Denn sie haben zu diesem Ende mehre hundert Romane durchgelcsen und sich eine leidliche Kenntniß der deutschen Sprache angceignet, sie haben zum Theil auch philosophische und andere wissenschaftliche Schritten gelesen; aber sie batten keinen eigentlichen Appetit dazu, sie betrachteten sie vielmehr als ein noch wendiges Uebel, als bittere Pillen, die sie denn auch mit zugedrückten Augen in den Magen warfen, wo sie unzerkaut und unverdaut liegen und in den Lebensprozeß nicht inflniren können. Verkältnißmäßig nur sehr wenige machen eine Ausnahme, wie namentlich die R. R. zu Pesth. Arad, Groß-Canisü, Szegedin rc., die aber auch noch zu sehr von kleinlichen Rücksichten und rabbinischen Be. denklichkciten sich leiten lassen. Aus dem bisher Gesagten wird man nun sehr erklärlich finden, daß auch das Schul- und Synagogen, wesen und die gesummten gemeindlichen Verhältnisse ganz danieder liegen. Zn sebr wenigen Gemeinden sind eigentliche Schulen organisirt, in den meisten wird der Unterricht den Melamdim oder den von allen Winden bergejagten Privatlehrern anvertraut, denen häufig nicht nur die nöthigen Kenntnisse, sondern auch jeder Beruf und alle innere Lust zum Lekrfache abgehen, die den Unterricht wie ein gemeines Handwerk mechanisch betreiben, bis sie sich ein gehöriges Sümmchen gesammelt haben, um zum Handel übergehen zu können. In den Synagogen herrscht noch immer der alte Unfug, die verjährten Mißbräuche werden als heilige Minhagim festgehalten, UN- und mißverstandene Worte steigen zu Gott empor, aber die stille Andacht liegt gebannt yn Herzen und cs ist Keiner da, der sie erwecke. Und vollends in den gemeindlichen Verhältnissen geht Alles durch und über einander, nirgends Ordnung, überall Willkür und Anarchie. — Es fehlt auch nicht an strebsamen und einflußreichen Männern, die das Uebel in seinem Grunde erkannt haben, und ihm auch theilweise dadurch abzubelfen trachten, daß sie sich bei der Regierung für ein, in den Erbländern bereits erlassenes Edikt verwenden, wonach nur studirte oder wissenschaftlich gebildete Rabbiner angestellt werden dürften. Aber diese Männer stehen vereinzelt da, finden im Allgemeinen keine Unterstützung, von vielen Seiten aber selbst heftigen Widerstand, und ihre Bemühungen sind bisher noch ohne Erfolg geblieben. Rach dieser allgemeinen Uebersicht will ich nun auf einzelnes eingeben, insoweit es in den jüdischen Blättern nach unerwähnt oder ungewürdigr geblieben, woraus sich zugleich der Commentar und die Belege zu dem Bisherigen ergeben werden. — Die geographische Eintheilung in Ober- und Niederungarn giebt «ns auch hinsichtlich der Juden eine scharf markirte Grenze. In Oberungarn beurkunden sie sogleich durch die langen „Haarccken" und Bärte, durch Tracht und Sprache ihren polnischen Ursprung; in vielen Gemeinden haust auch der Chassidäismns in seiner ganzen Scheußlichkeit. Sein Haupksitz ist Ujhely im Zempliner Comitat, wo der nunmehr verstorbene Moses Teutelbaum eine großartige K a m o o t h-Fabrik und daS größte Papiergeschäft etablirt hatte, indem er die ersten Minister des Engelstaates so recht eigentlich in der Tasche trug. Es sind aber doch auch schon in Ujhely neuere Elemente vorhanden, wie sie sich in Oberungarn nicht leicht finden, und cs besteht auch daselbst eine sehr gut fundirre Schule, die aber leider schlecht verwaltet und inspizirt wird. Auch in Ungyvar, im Ungyvarer Comitat, haust der Chassidäismns, und zwar irr besonderen, finstern Klausen, wo er sein Wesen nur um so brutaler treibt; der größere Tbeil der Gemeinde gehört jedoch dem nüchternen Rabbinismus. Der Rabbiner, der älteste Schüler des verstorbenen Moses Sofer zu Preßburg, hält jetzt die größte Jeschi bah in Ungarn, die ich etwas näher charakterisiren will. Zweimal des Jahres versammelt sich der Senat dieser Hochschule, bestehend aus den mächtigsten Pilpulisten der Gemeinde und der Jcschibah, und deliberirt über die zuwählende Talmudstelle, auf der der Held des Tages seinen Chiluk oder Babelsthurm unter dem heftigsten Bombardement jener Pilpulisten aufführen soll. In dieser hoch-

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