Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1846)
- Date
- 1846-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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43 Rad der Zeit spurlos darüber hinrollte und man es bereits für ein versteinertes Unthier hielt. Aber nach langem Schlafe erwachte es wieder und durchbrach mit Riesenkraft seinen Kerker, und vermochte es sich noch nicht aus dem Ungeheuern Schutte hervorzuarbciten, so bieren doch seine dießfälligen unermüdlichen und bei stets wachsender Kraft immer erfolgreicher« Anstrengungen dem Beobachter das interessanteste und lehrreichste Schauspiel. Zn diesem Schauspiel nun spielt auch das ungarische Zsrael eine, wenn auch nicht bedeutungsvolle, doch bemerkenswerthe Rolle, die ich mit wenigen Umrissen nach selbsteigener Anschauung darstellen will. Da bietet sich uns vor Allem, die auch anderswo vorkommende Erscheinung dar, daß die Juden in Allem, was nicht unmittelbar in ihr Religionswesen eingriff, trotz aller Ausschließung und Absonderung, die Landessitten und Weisen angenommen haben, die, einmal stereotyp geworden, sofort mit dem Nimbus des ererbten Herkommens umgethan und vor jeder Verletzung gesichert wurden. War Mn der Charakter Ungarns von jeher Gesetzlosigkeit und Willkürlichkeit, herrscht noch jetzt in dm verschiedenen Comitaten ein verschiedener Geist der Verwaltung Md des ganzen öffentlichen Lebens, so mußte in den jüdischm Gemeinden, wo die Adelsaristokratie durch die Geldaristokratie ersetzt ist, nur die schrankenlostste Willkür Platz greifen, um so mehr als bei den frühern Handelsverhältniffen Ungarns großentheils Leute aus der untersten Volkshefe zu Reichthum zu gelangen pflegten, die aber doch bei dem meist wenig gebildeten Adel, der, wie der Freiherr v. Kölvös treffend sagt, nur die goldgefüllte Hand des Juden freundlich drückt, das Meiste gelten und eo ipso an die Spitze der Gemeinden oder über sie gesetzt werden. Hingegen behandeln die gewöhnlichen Edelleute, die keinen andern Anspruch airf Achtung, als dm des Adels anerkmnen mögen, dm stattlichen Juden mit feinerem Benehmen Md gediegener Bildung auf die schnödeste und kränkendste Weise. Sie wollen nur den gebückten Juden im dreieckigen Hute and mit dem schwarzen Barte, de« sie auch, nachdem sie sich im Bewußtsein eigener Große über ihn moquirt haben, einen gnädigen Blick binwerfen. Dies Alleerklärt die auffallende Erscheinung, daß, währmd sonst die Reichem gewöhnlich einer freiem BÜduug Md der Abstreifung der äußern jüdischen Eigenheiten zuftrebm, in Ungarn meist und selbst in Städten wie Preßburg, die Reichsten in der gedankenlosen Denk - und Handlungsweise aus ihrer Hausircrzeit verharren, und auch ihrerseits die neuere Bildung als Rivalin ihrer Geldaristokratie fromm zurückzudrängen streben. Von diesen Optimaten werden auch die Rabbinerwablen geleitet und bestimmt., wobei oft Nepotismus und Simonie die Hauptrollen spielen; die zuwählenden Rabbiner sollen aber selbst in denjenigen Gemeinden, wo ein besserer Geist sich regt, lieber zur alten Schule gehören und zu Hause über den Talmuden hocken, aber nicht durch Mahnung an die immer größern Forderungen der Zeit die gemächlichen Weltleute belästigen. Dies war auch die stärkste Triebfeder zur Wahl jenes nunmehr so berüchtigt gewordenen Emanzipationshelden zu Preßburg und so sind die meisten ungarischen Rabbiner noch vom alten Schlage, aber nicht von jenem echten alten Schlage mit seiner riesenmäßigen talmudischen Gelehrsamkeit, die in schlaflosen Nächten und mit mühevollen Anstrengungen errungen worden, mir seiner Verschmähung der irdischen Güter bis zur „Nichtkennung der Münzen", nein, sie haben sich nur in die Löwenhäute jener Ritter gesteckt, um den vielen Schafen in ihrer Heerde Furcht einzujagen, müssen aber doch bald durch ihr Eselsgeschrei ihre wahre Eselsnatur verralhen. Mit der verführerischen „ Gestalt der Münzen" nur allzusehr vertraut, „schwebt sie ihnen auch stets vor Augen", und da, wo sie in Mitten verschiedener Parteien gestellt sind, nehmen sie sich wohl in Acht, daß sie mit keinem Worte irgendwo anstoßen, und mögen die in ihren Augen heiligsten Gesetze mit Füßen getreten werden, sie wollen in vorgeschützter, ihnen sonst so fremder Friedensliebe, Nichts gesehen haben. Regt sich aber etwas, das ihren rabbinischen Rechten und Revenüen irgend wie Eintrag thun könnte, da zeigt sich sofort ihr bissiges Wesen, und nachdem sie vergeblich die kriechendste Schmeichelei und die gemeinsten Umtriebe aufgeboten haben, stacheln sie nun den Fanatismus auf. „Sie wollen das Gesetz zerstören, und man müsse sich aufopfern!" Die Gemeinden theilen sich nun in zwei feindliche Lager, und während die Rabbiner heuchlerisch den Frieden predigen und keinen Antheil am Streite zu haben versichern, schüren sie heimlich die Gluth, bis jede Aussicht zu friedlicher Ausgleichung verschwindet, und die Sache vor die Comitatsbehörden gebracht wer-