Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1846)
- Date
- 1846-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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40 Schranken, mich frei zu bewegen, und darum gestatte ich mir zuvörderst eine allgemeine Betrachtung über das Früher und Jetzt im Zudenthume. Jene Zeit, wo feierliche Grundsteinlegungen, Synagogen- Weihen, mit fungirenden Predigern und Chören, im Beisein der nieder« und höher« Behörden, eines zahlreichen christlichen und jüdischen Publikums, wie sie uns die A. Z. d. Z. eine Reihe von Jahren allwöchentlich mit Pathos vorführte, jene so glückliche, unschuldige Zeit, ach! sie ist auf immer dahin. Sie war vor unserm Decennium das goldene Zeitalter. Daß derartige kirchliche Spiele eine geraume Zeit einem nicht unbedeutenden Theil des jüdischen Volkes zusagte, finde ich ganz in der Ordnung« Denn sehen Sie, in jenem Zeitabschnitte waren derartige feierliche Synagogen- Scenen ganz der kindlichen Anschauung der nichtdenkenden Leser völlig angemessen. Der intelligentere Theil, die sogenannten Indifferenten, standen ganz außerhalb des israelitischen Kreises. Sie kümmerten sich wenig um die Judenheit, noch weniger um das Judcnthum, am allerwenigsten um dessen Zeitung. Jetzt aber, wo durch das unermüdliche Streben zeitgemäßer Religionslehrer, i. e. Rabbiner, das intelligente Israel nicht nur zu unserer Gottes. Erkcnntniß zurückgeführt, sondern durch kräftige Belehrung ihnen ein heiliger Eifer für religiöse Interessen eingeflößt ward, hat sich auch ein ganz anderer Geschmack unter uns heimisch gemacht und der wahre Religiöse richtet nur an sich jene jesaische Frage: „Wer hat mir jene herangebildet, da ich doch allein, so vereinsamt vastand?" Allein die aus der Fremde in die religiöse Heirnath Zurückgekehrten brachten aus derselben Ideen, Erfahrungen mit, die sie hier in den heimathlichen Fluren nützen wollen. Die Judenheit gleicht nur einem aufgerollten großen aber auch ziemlich kuriosen religiösen Tableau. Unstät und flüchtig schweift unser Blick auf demselben einher. Sie hat hier die Breslauer Reformer mit ihren unmaßgeblichen aus dem Leben gegriffenen nöthigen religiösen Verbesserungen (Israelit Nr. 30) dort die gemüthliche Berliner Reformgenosscnschaft, die wie es scheint, es Allen recht machen will, weiter hin die lieben Frankfurter Religionsstürmer. Ihnen gegenüber erblicken wir Frankel mit der Conservativ-Reformermiene, mit seinem religiösen Ernste (Septemberheft Nr. 45) der ihn nie zur Religion kommen läßt, mit seinem ewigen Herunv Hinfaseln, ganz vergessend, daß eine wohlthätige Handlung gleich der Rabbiner-Versammlung mehr ftommt, als tausend gelehrte Abhandlungen. Den Hintergrund dieses wunderlichen Bildes machen unsere Hyper - Orthodoxen, deren Geistes - Auge noch schlummert, und die nicht nur dem Bilde Schatten, sondern sogar Finsterniß verleihen. Was Wunder also, daß das Auge desunparteiischen Beobachters mit wahrem Entzücken auf jetten Lichtpunkten, den beiden Rabbiner-Versammlungen, die in diesem religiösen Tohn.Wabohn flimmernd ihr mildes Licht werfen, weilet? In der That find die Rabbiner - Versammlungen in anserer zerklüfteten Gegenwart zwei hehre, würdige und erhabene Erscheinungen. Sie find um so wohlthuender, je weniger wir sie in unserer zerrissenen Gegenwatt vermuthet, und je mehr Finsterlinge sich beeifern, ihren reinen Glanz zu trüben, was ihnen aber nimmer gelingen kann und wird. Hier zu Lande wundert sich jeder sehende unv denkende Israelit, wie Menschen, deren größtes Verdienst in Unthätigkeit zu suchen und zu finden ist — wie solche lichtscheue Subjette vor unfern Augen es wagen, dem hochherzigen Wirken und Schaffen von Männern, deren ganzes Leben ein unermüdliches Streben zur Verherrlichung und zur Wiederbelebung unserer Religion ist, und die im wahren Wortfinne: eifern den Eifer des Herrn, auf daß das Judenthum durch sie (die Finsterlinge) und unter ihnen nicht aufhöre," nicht nur schroff entgegen zu treten, sondern noch auf jede mögliche Weise zu begeifern streben. Dieses Problem laßt sich nur einigermaßen durch den ftüher herrschenden Jnvifferentismus lösen. Dieser war unter den Gebildeten, eines Urtheils fähigen so groß, daß der Rabbinismus, welcher die Gegenwart nur vom Hörensagen kennt, noch jetzt mit Zuverlässigkeit auf ihn rechnet, vnd wähnet, daß gegenwärtig dem denkenden Israel, das religiöse Gebiet wie ehedem noch immer eine terra incogoita ist, unv somit nur für die sich sehend dünkenven Zeloten einigen blauen Dunst bedürfen, den zu machen sie sich auch pvssirlich gebärden. Allein diesmal täuschten sie sich gewaltig unv machten die Rechnung ohne den Wirtb. Jene religiöse Gleichgültigkeit schwindet Gottlob allmälig unter uns, und wohl wissen es die Besonnenen, wem sie ihre religiöse Wiedergeburt zu danken haben. Wir verehren aber so hoch jene Männer, die sic herbeigeführt, als wir jene tief verachten, die großentheils den Jnvifferentismus verursachten, und nun sich gar bemühen, durch zelotischen Ungestüm ihn zu verewigen. Die Maaßbeachtung eines Ptiefes gebiet mir hier einstweilen übzubrechen. (Fortsetzung folgt.) Nachlese aus den Zeitungen. In der zweiten sächsischen Kammer brachte der Abgeordnete Brockhaus eine Petition des Dresdener Gemeindevorstandes um Aufhebang der auf den Juden lastenden Beschränkungen ein, und bemerkte dazu, er fei ersucht worden, diese Petition zu überreichen, und er thue dieses mit Freuden, obgleich es in einigen Kreisen kein Mittel sei sich populär zu machen, wenn man sich für die Juden verwende. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.