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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-02-01 · Heft 5 (1.2.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 5 (1.2.1846)
Date
1846-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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3S setzen und au ihrer Statt Rappoport zu berufen, bei widrigen Verhältnissen in Ausführung zu bringen sein. Keinesfalls wird man bei unserem dritten Rabbinatsasscssor, Dr. Sachs, in der Ausfiihrung dieser Reform auf Schwierigkeiten stoßen, da der gemäßigte reßormatorische Sinn dieses Gelehrten sich in neuester Zeit auf eine unzweideutige Weise herausgestellt. Nachdem die Cultusrcform ins Leben zetteten sein wird, beabsichtigt man eine Ritualreform vorzunchmen, welche schon während der Ausführung der gottesdienstlichen Fortbildung eingeleitct werden wttd. Zedoch kann ich Ihnen über die Ritualrcform noch nichts Näheres sagen, da mir solches noch nicht mitgcthcilt worden ist, während ich Ihnen dasjenige, was ich Ihnen von der gottesdienstlichen Entwickelung soeben kund thue, in so weit verbürgen kann, als ich cs von erster Hand entgegengenommen; ja, ich kann Ihnen hinzufügen, daß die Vorsteher, wenigstens die neuen Mitglieder unter ihnen, entschlossen find, in dem Augenblick chr Amt nicdcrzulegen, wo sie, was indessen nicht zu erwarten, auf unübersteigliche Hindernisse stoßen würden. Aus Gesagtem ersehen Sie, daß die Reformbestrebungen der Genossenschaft dieses Namens, sind die Anhänger der letzter» nur gleich wenige, doch einen Neformhauch über die hiesige Zudenheit ergossen hat, welcher, jenem göttlichen Hauche gleich eine lebendige Seele dem ganzen Gemeinwesen verleiht. Das beinahe ausgcstoßene Kind wird sich von der Mutter lehrend und lernend, wiederaufgenommcn sehen; „lehrend" durch seinen kühnen Muth, und „lernend" von der mütterlichen weisen Besonnenheit; „lehrend" indem es gezeigt, daß die Religion der Juden nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat, „lernend", indem ein Blick auf die vielen Zurückgebliebenen . die seine jugendlichen Sprünge nicht nachmachcn wollen, dasselbe zum Bewußtsein bringt, daß die Zukunft nur aus der Vergangenheit hervorgehcn kann, zumal wenn cs sich um eine solche Vergangenheit handelt, deren wesentliche Elemente nicht aufzuheben, sondern blos zu modificircn sind, mit deren Aufhebung aber auch der Grund und Boden, worauf sie felsenfest ruhten, unter den Füßen unserer noch so geistigen Nachkommen eben so sicher sinken muß, (?) wie das Wesen des natürlichen Gegenstandes in Nichts übergeht, wenn man ihm seine sichtbaren chemischen Bestandtheile, in die sich jenes auslcgt, genommen. Bewegungen im Großherzogthum Baden. (Mannheim, im Jan.) — Ein ungemein reges Leben herrscht jetzt unter den badischen Juden. Alle möglichen Schritte geschehen, um eine Verbesserung der äußern und innern Verhältnisse herbeizuführen. In ersterer Beziehung ist natürlich Alles einig, und die Petition an die Ständeversammlung um Gleichstellung der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern ist mit zahlreichen Unterschriften aus allen Gemeinden bedeckt. Aber gottlob! auch in letzter Beziehung nimmt die Anzahl der Guten ungemein zu, während die Schaar der Orthodoxen, welche diesen lichtvollen Bestrebungen entgegen find, immer mehr zufammenschmilzt und nur noch in der alten Carlsruher Gemeinde selbst eine Stütze hat. — Der in Bühl beschlossenen Petition*) an das Ministerium des Innern um Anstellung eines theologischen Mitgliedes des Oberrathes, .welches nicht zugleich Rabbiner der Gemeinde Karlsruhe und dadurch unabhängig von deren Standpunkt sei, hat sich daher auch bald der größere Theil des Landes angeschloffen, und die Gesinnungen, welche in diesem öffentlichen Aktenstücke ausgesprochen find, find in Wahrheit von so edlem und erleuchtetem Geiste, daß ich mich nicht enthalten kann. Ihnen einige Stellen daraus mitzutheilen: Zwar— sagen die Bittsteller — find auch in Bezug auf die Verbesserung des Cultus einzelne Versuche gemacht worden, wie namentlich die Einführung der Predigt, des Choralgesangs und des Ornates für die Geistlichen. Allein diese Verbesserungen find zu unbedeutend uin dem Bedürfnisse und den Anforderungen an eine würdige unv erhebende Gottesverehrung vollkommen zu genügen, und find daher auch nicht zur Lebendigkeit dediehen. Indem sie neben das Alte hingestellt wurden, dienten sie nur dazu den Contrast zwischen Veraltetem und Neuem um so greller hervorzuhcben, uuv den Widerspruch beider klar vor Augen zu stellen. Bon allen Seiten äußerte sich darum das dringende Verlangen nach durchgreifender Verbesserung deS Gottesdienstes, nach Herstellung einer Nebereinstimmung zwischen ihm und unsern Gefiihlen und Empfindungen, nach Läuterung des religiösen Lebens und Lösung des gefährlichen Zwiespalts, der zwischen der Lehre und dem Leben eingetreten, gar oft dem Judenthume und der Synagoge die Herzen ihrer Angehörigen entfremdet, und diese einer jevem Glauben, jeder ächten Bildung des Geistes und Herzens ja jeder Sittlichkeit gefährlichen Gleichgültigkeit in die Arme ge. liefert hat. Gefährlich nennen wir diesen Zwiespalt zwischen Leben und Lehre, weil er, dem Blicke des unmündigen Kindes sich aufvrängcnd, schon in ihm alle Begriffe von Glauben unv Sitte zu zerstören droht, in den Erwachsenen aber, wenn sie nicht zur höchsten Geistesreife und Bildung sich emporheben, zugleich mit der *) S. Nr. 51 « 52 d. B. I. 6.

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