Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1846)
- Date
- 1846-01-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt zum Israeliten des 19. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Recensionen, literarische Aphorismen rc. rc. für die gelammte höhere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdheim, Zunz, Jost, Rießer, Herzfeld, Wechsler, Maier, Rebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten redigirt und herausgegeben von Dr. M. Heß, Großherzogl. Weimarschem Land-Rabbinen in Eisenach. $tv. 4, Sonntag den 35. Januar 1846. i. Jahrgang. S endschreib en den Rabbinen vr. I. Aub. (Schluß.) Worin bestehet die ganze Steinheimsche Theorie, mit der man um so schonungsloser verfahren darf, als Steinheim stch gleich einein Großinquisitor gebärdet und jeden auf seine Theorie nicht Schwörenden aus dem Judenthum hinauswirft? Ein mathematischer ^Punkt hat keine physische Cristen;, sagt Steinhcim. Unsere Vernunft vermag nie etwas anders als Gedankendinge zu begreifen; die wirkliche Existenz, auch nur eines Steines, muß sie als' gegebene Thatsache hinnehmen. Stünden wir auf ver Meerestiefc, so würden wir nie eine Vorstellung von einem Meeresspiegel bekommen; für uns müßte es immer Wasser geben, bis zur hoch, sten denkbaren Höhe hinauf. Daß das Waffer aufhört und Lesst an ressen Stelle tritt, wissen wir nur, weil es eine gegebene That. sacke; eine Offenbarung ist; es ist so, gerade weil unv obgleich es unserm Denken widerspricht. Dieses die Fordersätze Steinheims. Der Nachsatz ist leicht. Tic Existenz Gottes, der Welt und der Unsterblichkeit kann doch nicht schlechter sein, als die eines Steines. So wenig wir in unserm Denken einen Stein haben, vielmehr der wirkliche Stein unserm Denken diametral widerspricht, so wenig haben wir den wirklichen Gott in unserm Denken. Gott ist uns eben so ein von Außen Geoffenbartes, unserer Vernunft geradezu Widersprechendes und gerade deshalb Wahres, wie der wirkliche Stein. Ebenso verhält es stch mit der Schöpfung aus Nichts und mit der Belohnung und Bestrafung oder die Unsterblichkeit. Lieber Hr. Dr., Sie scheinen ein großer Verehrer Stein, heimischer Weisheit und finden es wohl daher ganz in der Ordnung . wenn ich Ihnen meine Bedenken gegen dieselbe offen ausspreche. Diese theilen sich aber in philosophische und theologische. Die philosophischen habe ich bis jetzt auf dem Herzen behalten und will sie hier auch nur andeuten. Die theologischen habe ich zum Theil in meiner Schrift über Reform entwickelt. Was jene anbelangt. so behaupte ich; Steinheim ist in einem argen philosophischen Jrrthum befangen. Er stehet noch ganz auf dem Standpunkt der Eleaten und wirft uns, nur in einer andern Form, das alte längst bekannte Zenonische Räthsel an den Kopf. Wie kann der schnellste Pfeil die langsamste Schildkröte erreichen, fragte bekanntlich dieser. ra die langsamste Schildkröte unendliche Raumtheile vor dem Ps.ile voranshat; der Pfeil muß. um die Schildkröte zu erreichen, unendliche Naumtheile durchlaufen, was doch unmöglich. Daher schlossen die Eleaten, ganz wie Steinheim, das Dasein d s Bielen der Welt der Bewegung, ist nicht zu begreifen; sic ist dennoch, aber sie widerspricht der Vernunft. Ganz so Steinheim. Von der Mathematik, von der Einerleiheit und Idenvität zur Mannigfaltigkeit gibt es keinen Uebergang. Giebt es also doch eine Mannigfaltigkeit, eine Außenwelt, so ist sie gerade, weil sie der Vernunft widerspricht. Die Leidenschaftlichkeit, mit der Steinheim in jeder ferner Schriften auftritt, müßte die innere Unsicherheit dieses seines Standpunktes schon ahnen lassen, wären wir nicht ohnehin längst über die Eleaten hinaus. Ist die Philosophie, d. h. rer menschliche Geist, frage ich Sie, so arm, daß sie» weiter keine Begriffe kennt, als Identität und nicht Jdrnvität? Freilich wer weiter keinen Begriff zu fassen vermag als den des mathematischen Punktes, des mathematischen Raumes, wird nie an die wirkliche Welt herankommen. Aber die Philosophie ist unendlich weiter unv es ist bloßer Dunst, wenn wir das Dasein nicht sollen begreifen können. Ich muß mich hier freilich auf äußerliche Reflektionen beschränken, denn um Strinheims Standpunkt, der wesentlich der der Eleaten ist, aus sich zu widerlegen, mußte