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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-25 · Heft 4 (25.1.1846) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 4 (25.1.1846)
Date
1846-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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31 Zustände in Prag. (Prag im December.) — Sie wundern sich, daß i Ihnen von hier ans so selten etwas berichtet wird. Aber was; kann eine Gemeinde der Zeitgeschichte bieten, die keine hat, in 1 welcher noch ganz der Zustand ist, wie in den großen deutschen Gemeinden vor 50 Jahren. Prag, das jüdische Prag nämlich, ist von dem neuen Geiste, der das Judcnthum erweckt und belebt, ganz unberührt geblieben,,. Wan hat nur das ganz Aeußcre der deutschen Eultur. ab er >z auch dieses nur in verschrobener verzerrter I Gestalt ausgenommen. .Wenn'Sie in unsere Häuser und gesellige Kreise kommen, so tritt Ihnen das ganze Wesen entgegen, wie es vor 50 Jahren in Frankfurt a. M., in Hamburg, Berlin und anderen großen Gemeinden geherrscht. Die Aelteren mauscheln, und die Jüngeren, besonders die Damen affectiren; sprechen französisch , wenn sie spaziren gehen, und tragen bei jeder Gelegenheit ihre große Bildung und Belesenheit zur Schau. In wissenschaftlicher Beziehung ist gle-chfalls der alte Zustand. Keiner unserer Gelehrten ist es im wahren Sinne des Wortes. Keiner erhebt sich zu dem großen Gedanken des Judenihums, keiner zu einer wissenschaftlichen Anschauung und freiem Blick in jene Geschickte, vielmehr sind Alle in einer Ucbersetzungs -. Sammler - oder einseitigphilologischen Thätigkeit besangen , ganz wie vor 50 Jahren. Und wie es da in praktisch-religiöser Beziehung aussieht, können j Sie leicht ermessen. Wir haben der Fanatiker und Siarrorthodoren > in Massen, der sogenannten Neumodischen, die Trephoth essen, aber! kein Bewußtsein davon haben, d. h. sich keine Rechenschaft davon! geben, auch eine Anzahl; deßgleicken. wie überall wo man hartnäckig auf dem alten verknöcherten Zustand beharn, e.ne Anzahl getaufter Juden, hingegen wahrhaft Erleuchteter, die von dem innersten Wesen des Judenthums durchdrungen, ihm auch eine Verwirklichung , eine Zukunft zu erringen streben, blutwenige, und ein! kleines Kind kann sie aufschreiben. — Und da wollen Sic noch öfters Berichte aus unfern Gemeinden? Woher sollten diese ihren Stoff nehmen? Nicht einmal ein Zeitraum von zehn Jahren reichte da aus. Hat man ja in den letzten zehn Jahren, obgleich man; so vieles von sich reden machte, der wahren Reform, der rechten j Erneuerung unseres inneren Gebens und der erhebenden Gestaltung! unseres äußeren, kaum einen schwachen Dienst erwiesen. Man I richtete neben den alten Synagogen, die noch in großer Anzahl! bestehen, noch einen Tempel ein, gab ihm nach dem Beispiel der Wiener einen pompösen, die Sinne besteckenden Gottesdienst, aber keineswegs einen innerlich veredelten, vereinfachten, gehobenen. Das zufällig damals aus einem Paar Aufgeklärten bestehende Comitst berief Zunz, aber wie sehr sein Standpunkt dem der Gemeinde widersprach, wie wenig heimisch er sich unter ihr fühlte, bewies sein baldiges Weggehen. Nun kam Sachs. Er genügte, ja er enthusiassimirte die Prager, denn er machte alle Reformbestrebungen der Gegenwart zum Gegenstand einer beißenden Satpre; er predigte zwar, d. h. er erbaute, niemals; aber er amusirte dafür sein Publikum, spendete ihm reiche Witze und Bilder und lehrte es, wie man jede bessere Regung der Gegenwart mit Hohn überschütten könne. — Rappoport endlich, den man auch in den letzten Jahren hiehcr berief, steht zu dem gegenwärtigen sich verjüngenden und erneuernden Judenthmn in gar keiner Beziehung. Er versteht den neu erwachten Getst der Gegenwart gar nicht, da ihm Klarheit, ^erleuchtete Auffassung und wahre Bildung ganz und gar abgehen. Er ist Nichts weuer als ein kritisch-rabbinisch-philologisches Talent, und war auch nur in dieser Beziehung für die Prager Elite ein Stern, den sie gern an ihrem Horizonte wollten leuchten lassen. Ich würde mich nun noch trösten, könnte ich den politischen Zuständen unseres Landes einen wesentlichen Anthcil an den unsrigen zuschreibeu. Aber dem ist nicht so. Die Negierung, welche dort möglichst einen positiven Boden zu erhalten sucht, ist darum keineswegs den Resormbestrebungen im Judenthum abhold^). wohl wissend, daß diese sich ganz aus jenem bewegen, und nichts anderes bezwecken, als es durch Hinwegraumung alles dessen, was in seiner heutigen Gestalt den besseren Gefühlen und dem gemeinnützigen, ächtbürgerlichen Streben seiner Bekenner widerspricht, diesen wieder lieb und theuer zu machen. Es fehlen uns selbst aber die Männer, „auf welchen ein besserer Getst ruhete," und der Jünger des „Orients" welcher, wie ich höre, in der Tempelgemeinde zu jenen Predigten berufen, wwd auch schwerlich die schon so lange „verdorrten Gebeine" wieder beleben! — Gott bessere es! — Zustände in Mecklenburg-Schwerin. (Schwerin, im Dec.) — In unserem kleinen Ländchen regt sich ein Geist des Fortschrittes mit lebendiger Rührigkeit, der eines größeren Landes nicht unwerth wäre. Von der in die Verhältnisse der Gegenwart scharf einschneidenden Bewegung aus politischem Gebiete geben die öffentlichen Organe hinlängliche Kunde. Aber auch die jüdischen Verhältnisse sind von dieser allgemeinen Bewegung nickt ausgeschlossen. Unter die auf dem gegenwärtigen Landtag zu Sternberg zur Verhandlung kommenden Gegenstände zählt man auch einen Antrag auf völlige Emancipation der Juden, und ist dieser Antrag von einem Mitgliede der Ritterschaft selbst gestellt worden. Natürlich können die Juden auch ihrerseits nicht ganz müssig dabei bleiben und es liegt in der That eine im Manuscript gedruckte Petition *) Dieses beweis't auch die freie Ecnsur bei den freilich sehr dünn gesäeten resormatorischen Schriften.

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