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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-25 · Heft 4 (25.1.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 4 (25.1.1846)
Date
1846-01-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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30 Und so — um wieder auf das Specielle zurückzukommen, kann man auch in unserem Kreise wohl sagen, der Stillstand sei nur ein scheinbarer, denn eben so wie die Reform nicht fortschreitet, gewinnt auch die Orthodoxie keinen festen Boden und alle Bemühungen der Finsterlinge haben kein anderes Resultat, als daß der Indifferent ismus um sich greift und für eine künftige Reform vorbereitet. Es ist freilich zu beklagen, denn es wäre möglich, eine ruhige, allmählige Reform herbeizuführen, wenn die Führer es aufrichtig meinten und wenigstens ehrlich und redlich in ihren Aussprüchen wären. Da sie dieses aber nicht sind, so muß früher oder später das Licht aufgchen und der Boden wankt ihnen unter den Füßen. Aber auch hier ist es wieder eben dieses Zuweitgchcn, welches sicherlich den lctztbezcichncten Moment nur um so schleuniger herbeiführt. Es ist ein großer Unterschied zwischen den Orthodoxen der alten und neuern Zeit. Jene waren es durch die Zeit und also aufrichtig. Um den Ruf war es ihnen gar nicht. Sie hatten den Ruf der Orthodoxie, weil sie orthodox waren, während die jetzigen deshalb orthodox sind, weil sie den Ruf der Orthodoxie haben wollen. Während auch darum jene rücksichtslos zuweilen freisinnig waren, sind diese überaus vorsichtig und orthodoxer als orthodox, nicht blos auf den Buchstaben des Gesetzes bedacht, sondern auch auf das Urtheil ihrer Anhänger und legen dem Buchstaben einen rigoristischen Sinn unter' blos ihrer Partei zu Gefallen, sprechen tadelnd und verdammend über Personen und Einrichtungen, denen sie gerne zugethan wären, blos ihrer Partei zu Gefallen. Eben diese Rücksicht ist es auch, die fanatisch und intolerant macht. Man wetteifert, seine orthodoxe Gesinnung zur Schau zu tragen und zu bewähren, wie ließe fick das leichter machen, als durch Verfolgung. Ich mag nicht ins Einzelne cingchen, ich könnte sonst manches Factum als.. Beleg anführen. Um indessen doch ein schwaches Bild von den Verhältnissen vorzuführen, wollen wir uns die jüdischen Zustände der Kreishauptstadt Würzburg anschen. Es ist eine ziemlich zahlreiche und überaus wohlbegütcrte jüdische Gemeinde. Sie hat eine ganz schöne, prachtvolle Synagoge d. h. als Gebäude. Im Innern aber treffen Sie den Gottesdienst, wie er vor zehen Jahren war d. h. seit er so ist, wie er nicht sein sollte. An der Spitze der Gemeinde stehen zwar einige wackere Männer, die sehr viel Sinn für das Gute haben, namentlich der dermalige erste Vorstand ist von einem sehr guten Geiste beseelt, aber weder der Vorstand noch die Gemeinde tbut etwas, was für den Cultus oder die jüdischen Verhältnisse überhaupt förderlich ist, denn die Leitung ruht in den Händen des Rabbiners, der so zartfühlend ist, daß er diese sanfte Ruhe nicht stören will. Schroff jeder Verbesserung sich widcrsetzend, jeden deßfallfigen Antrag des j Vorstandes zurückweisenv, erschlafft auch dieser und zieht sich von der Thätigkeit zurück. Da schwimmt denn, ich darf nicht sagen das orthodoxe Judenthum, sondern die mittelalterliche Verschrobenheit oben an und eine theologische Charlatanerie, eine bigotte Koketterie und ascetische Affektion macht sich breit und scheint am Ruder zu sein. Daß die Liturgie unverändert bleibt, soll gar nicht befremden, obgleich man sieht und weiß, daß ein großer Theil dem Gottesdienste ganz entfremdet, aber da soll selbst der Lärmen im Gotteshause als eine geheiligte, Reliquie unangetastet bleiben, da sieht man wieder die Parteilichkeit zum^Gesetz erheben und fast wagt es kein Jünger des ascctischcn Rabbiners ^ro rpjrft ♦ Da sehen sie wieder den deutsch-polnischen Juden mit scinem bärtigen Gesichte so krampfhaft den Kopf schütteln und Grimassen machen, daß man staunt, während neben an Bärtige und Unbärtige sich mit Scherzen und halblauten Spässen unterhalten. „Alles muß bleiben"; das ist der Wahlspruch. Aber eben dieser Wahlspruch ist es, der leider Alles unterdrückt, alles religiöse Gefühl tödtct, nach Innen die Glaubensbcföstigung hindert, den Fortschritt lähmt, den Geist umnebelt und nach Außen Geringschätzung und Verachtung veranlaßt. Alles, was diese Menschen thun, befördert sichtbarlich die Irreligiosität und giebt dem Jndifferentismns neue Nahrung. Dennoch, wie mit Blindheit geschlagen, gehen sie ihren Weg und graben an der Untiefe, die das Judenthum verschlingen soll. Man müßte wirklich an der Zukunft verzweifeln, wenn es nicht eben über jeden Zweifel gewiß wäre, daß alles seine Mränze findet und wie der Aberglaube und mönchische Betrug dem Jndifferentismus nur in die Hand arbeitet, gerade dieser der wahren Religiosität und einer geläuterten Frömmigkeit den Weg bahnt. In seiner äußersten Gränze findet er eine Schranke, ein unwillkürliches Stillestehen tritt ein, eine schmerzliche Sehnsucht und sehnsuchtsvolle Wehmuth; der frivole Leichtsinn geht in denkenden Ernst über und eine denkgläubige Frömmigkeit ist das Resultat. Wenn darum dieses freilich unangenehme Treiben einer gewissen Partei auch nach keiner Seite hin Besorgniß einznflößen geeignet ist, wenn wir uns darum trotz der düsteren Gegenwart die Zukunft nicht so finster vorstellcn. so ist es doch hinsichtlich der Gegenwart sehr zu beklagen, sowohl bezüglich der Religion, die wenigstens jetzt darunter leidet, als auch unserer bürgerlichen Verhältnisse; für Verbesserung dieser wird von jener Seite gar nichts gethan. und diejenigen, die sich ihrer noch annehmen, werden sogar mit scheelen Augen betrachtet, welchen man kein rechtes Vertrauen mehr schenkt. Doch dieser Gegenstand bedarf einer ausführlichen Darstellung und ich will mir ihn für einen besonderen Artikel Vorbehalten.

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