Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1846)
- Date
- 1846-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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den Donntag feiern soll? Wie kann der Philolog eine Anstellung in einer Schule verlangen, wenn es ihm verboten ist, am Samstag einen Buchstaben auf die Tafel zu schreiben? Wie kann er Rechtsanwalt werden wollen, wenn er am Sabbath seinen Clienren zurückweisen muß, weil er sich nicht die gehörigen Notizen machen darf? Ja, wie soll in solchen Städten, wo am Sabbath Hauptmarkt ist, der jüdische Kaufmann mit dem christlichen concnrrircn können, wenn er an diesem Tage seinen Laden schließen muß? Ich weiß wohl, auf alle diese Fragen haben in der neuesten Zeit die Gegner, die uns von Herrn vr. Landau als Lehrer anempfohlen worden, eine Antwort, die für Alles ausreiast, indem man solche, die ähnliche Fragen stellten, mit dem Titel Judenfeinde beehrt und Eisenmenger und Vary von ihnen noch lernen läßt. Ich weiß aber auch, daß eine spätere Zeit richtig beurtheilen wird, wo das Judenthum gehaßt und wo cs wahrhaft geliebt wird, da wo man seine Lebensfragen ohne Scheu vor Verketzerung aufwirft und auf eine entscheidende Lösung hindrängt, damit es wiederum ungehindert seiner hohen Bestimmung Nachkomme, oder da wo man sie, aus Furcht sich in seiner Stellung zu schaden, umgebt und cs so in der Klemme läßt, in der cs verkommen muß, wenn der liebe Gott nicht bald durch eine Umkehrung aller Dinge aus der Noth Hilst. Seit wann ist denn das Leben so flach, so von Gott verworfen und ohne alle göttliche Immanenz, daß es so ganz als unberechtigt bei religiösen Fragen zurückgewiesen werden darf? Wer nur den Nabbinismus kennt, kennt auch seine kernhasten Sprüche, in denen das Leben seine volle Berücksichtigung findet, wie: ’in p‘2 mtyn ’DnPgP mm rurv>j xb ,-on rwp und p;n px ro mayp ppD’ "insn nn pst?; wer den Nabbinismus kennt, weiß, daß er sich mit dem Leben amalgamirte und mit ihm sich naturgemäß fortentwickelte; wer einen Begriff von Religion bat, weiß, daß sie nicht dem Leben abstrakt gegenüber stehen kann, ebensowenig als das Leben in ihr, daß vielmehr beide in der Geschichte sich vermitteln und in dieser Vermittelung ihre volle Wahrheit erst erhalten. Wenn also Gemeinden die Anfoderungen des gegenwärtigen Lebens einer Rabbinerversammlung gegenüber aufweisen nnd verlangen, daß dieselben berücksichtigt worden, wer bat das Recht dies unter der Larve des religiösen Ernstes zu verdächtigen und in frivoler Sprache sich über .ine so große Anzahl unsrer Glaubensgenossen auszulassen? Womit wären in der Tbat auch diese Lebensanforderungen zurückzuweisen, etwa damit, wie dies auch schon geschehen, daß man sage, dies Leben solle sich der Religion bequemen? Man bleibe alsdann nicht auf halbem Wege steken und spreche auch die Eonsequenzen aus: man spreche es geradezu aus; wir können nicht abhelfen , müssen vielmehr von Euch fordern, daß Ihr cs forttreibet, wie Ihr es bis zu der Zeit, da die Collis ' eingetreten ist, triebet, daß Ihr von allen bürgerlichen G Zerben, von allen künstlerischen und wissenschaftlichen Nabrungszwcigen lasset und wiederum dem Klein - und Zwischenhandel ausschließlich euch zuwcndet. Zwar durste auch dieses nicht mehr ausreichen, da es nicht schwer fallen dürfte, nachzuweisen, wie man selbst in diesem nicht gerade ehrenden Betriebe der Collision mit dem Sabbath nur so lange entgehen konnte, als der Jude nebenbei durch Karl V. zu einem höheren Zinsfüße, als er den Christen gestattet war, berechtigt gewesen ist. Man müsse auch noch weiter gehen, und zu einer allgemeinen Petition um Widererlangung dieses Privilegiums rathcn. Bildeten die Juden die Mehrheit des geblldeten Europas, so ließe sich etwa noch etwas Verständiges in die Anforderung, das Leben der Religion anzubequemen — in dem Sinne natürlich, in de»' sie hier gestellt ist — hineinbringen; wie die Verhältnisse jetzt stehen, gewiß nicht. Länger denn drei volle Jahrhunderte arbeitet die Geschichte an der Entfaltung eines neueren Staates aus dem mittelalterlichen, in welchem der sich dem Handel fast ausschließlich hingebende, und als solcher auch privilegirte Jude seine wohlgeordnete Stellung batte, schon sind die inregrirenden Momente dieses neuen Staates herausgebildet, und wird er selbst von den Tiefcrblickenden in seiner Totalität angeschaur. So viel siebt ein jeder, der überhaupt zu sehen vermag, voraus, daß in demselben nicht wie ehedem die mit dem Charakter der natürlichen Zufälligkeit behaftete Geburt die Stellung anweisen wird, wohl aber das individuelle durch Arbeit nnd Aufopferung für die Gesammtbeir errungene Verdienst. Eine Association, die sich in ibm nicht aus individueller Freiheit, sondern gezwungen durch die noehwendige Voraussetzung der Geburt zusammen und gegen denselben kastenartig abschließen w. e, würde sich eben dadurch auch von ihm aussch...ßen. Können wir Juden diese strenge Arbeit der Weltgeschichte ^u Nichte machen und die Geburt dieses neuen Staates verhindern? Und wäre uns auch die Macht gegeben.