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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-18 · Heft 3 (18.1.1846) · page 11

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 3 (18.1.1846)
Date
1846-01-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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11 terlchiede von geoffenbartem Gesetz und geoffenbarter Lehre die Vortrefflichkeit des Judenthums bewiesen zu haben. Wer ver-! möchte hierin aber noch Mendelssohn zu folgen? Wenn ich glau-! den muß, daß Gott das Verbot von diesem oder jenem Thiere zu! genießen, an diesem oder jenem Tage diese oder jene Arbeit zu! verrichten u. s. w. geoffenbart hat, setzt das nicht nothwendig eine j bestimmte Lehre über das Wesen Gottes selbst voraus? Kann ich an ein geoffenbartes Gesetz glauben, ohne vom Gesetzgeber selbst Vieles ausgesagt zu haben? Und ist es nicht möglich, daß diese Aussagen vom Gesetzgeber den Aussprüchen des abstrakten Verstandes über das Wesen Gottes geradezu widersprechen? Ist also mein Verstand durch die Annahme eines geoffenbarten Gesetzes nicht schon auf jedem Schritt gefangen geuommen? Um den Weg zur Annahme von Glaubenssymbolen zu finden, brauchen Sie also den Umweg über Mendelssohn schwerlich zu nehmen. Sobald dasJudxnthum Religion ist, muß es Aussagen über die höchsten Wahrheiten, über Gott und Mensch, enthalten, und zwar bestimmte, ihm eigenthümliche, in keinem andern Kreise so wiederzufindende Ausj sagen, denen es auch entsprechende Ceremonien geschaffen haben! muß. Sie haben übrigens Recht, wenn Sie sagen, „Nicht immer hat die Einsprache gegen ein Gesetz in der forschenden Vernunft ihre Wurzel; häufig, vielleicht häufiger liegt die Quelle des Widerstandes in dem unbezahmten Herzen." Aber die Anwendung, Hochgeehrter Herr, die Sie diesem Grundsätze zu geben belieben, hinkt. Nach Ihnen wird consequenter Weise alles Forschen auf dem Gebiete der Religion ein leeres und überflüssiges Spiel. Was hilft mir auch meine Einsicht in das Prinzip und dessen nothwendige Entwicklung einer Religion; nie darf sich mein Forschen zur That gestalten; nie darf ich meiner Einsicht trauen und derselben gemäß handeln; denn die Quelle meiner Einsicht kann möglicher Weise ein unbezähmtes Herz sein. Nicht blos darf ich meiner, als des Einzelnen, Einsicht nicht folgen — ich gebe zu, daß ich als Individuum mich täuschen, daß ein sündhaftes Verlangen meinen Blick getrübt haben kann — nein, ich darf nicht einmal der allgemeinen Vernunft, der Einsicht aller Zeitgenossen trauen. Kön, nrn Sie, Hochgeehrter Herr, der Wissenschaft und Bildung eines ganzen Zeitalters, eines Zeitalters, das an den Brüsten der heiligen Schrift gelegen und dort seinen Lebensathem gesogen und das nur Zeitliches und Vergängliches vom Ewigen zu unterscheiden sich unterfängt, daß nun die Kritik übt, die positive Kritik, und nachweist, diese Ceremonie, die Opfer z. B. waren auf einer gewissen Bildungsstufe des Volkes nothwendig, wirkten auf dieser Stufe zur Erweckung religiöser Gefühle, find aber heute nicht nothwendig und würden gerade schädlich wirken und falsche Vorstellungen von Gott verbreiten, können Sie, Hochgeehrter Herr, diese Wissenschaft und Bildung eines ganzen Zeitalters auch „eines unbezahmten Herzens" zeihen? Der Bruch, Hochgeehrtester, ist einmal geschehen. All Ihr Gerede, all Ihr in schöne romantische Träume sich Ein. wiegen, hält vor der wohlbegründeten Subjektivität nicht Stich. Ein Maimonides, ein Aden Esra konnten freilich naiv sein, denn auch die Kirchenlehrer ihrer Zeit waren es. Sie konnten ihre Gedanken über die Symbolik haben und doch sich dieser sklavisch unterwerfen, denn der Gedanke hatte sich noch nicht in seinem Rechte erfaßt. Man suchte damals nur so viel als möglich seine Gedanken mit den pofüiven Satzungen auszugleichen und wo das nicht möglich war, unterwarf man sich der Kirche und dem Talmud, denn man traute in der That dem Gedanken nicht. Aber Sie, hochgeehrter Herr, leben einmal in einer verkehrten Welt, in einer Welt, die sich auf den Kopf gestellt, die nur den Gedanken anerkennt, die behauptet, was für den Geist ist, muß sich geistig bewähren, und da hilft Ihre Jeremiade „über das unbezähmte Herz" nichts. Das Individuum mag ein unbezähmtes Herz haben, mag daher Gedanken erfinden, die nicht in der Wahrheit, sondern nur in diesem unbezähmten Herzen wurzeln, ein Zeitalter, eine ganze Zeit niemals. Nicht deshalb, „weil die Bedeutung dieser oder jener Ceremonie einem Theil der Zeitgenossen entfremdet ist" soll die Synagoge sie beseitigen, sondern weil die Zeitgenossen das Wesen uns die Bedeutung dieser Ceremonie einsehen —das gerade Gegentheil von Entfremdet sein — weil die Geschichte nachweist, daß sie nur auf einer gewissen Bildungsstufe ihre Anwendung und wohlthätige Wirksamkeit üben konnte und übte, soll sie von unserer Zeit aufgegeben werden. Wenn Sie sich auf die fromme Gesinnung berufen, die aus Pietät sich auch dann noch unterwirft, wenn sie geistig vollständig mit dem Gebote gebrochen, so setzen wir dieser eine andere eben so berechtigte fromme Gesinnung entgegen. Wenn ich nicht aus Lust, Laune oder Willkiihr, sondern aus Geistestreue und weil ich den Muth der Wahrheit habe, irgend ein Gebot für unsere Verhältnisse nicht mehr anwendbar erkläre, wer dürste mir da die fromme Gesinnung absprechen? Oder ist es minder Gehorsam gegen Gott, wenn ich dem, was Gott den redlich Forschenden schauen läßt, glaube, als wenn ich dem mich unterwerfe, was irgendwo geschrieben stehet? Sehen Sie, hochgeehrter Herr, Ihre Waffen find gar nicht einmal jüdische, sondern ächt katholische. Denn gerade auf diese Weise verfährt die katholische Kirche. Auch sie läßt der Subjektivität vollen Spiel, raum; aber diese darf nie sich selbst vertrauen, sondern muß sich in Allem der Kirche unterwerfen, denn „die Quelle des Widerstandes liegt in dem unbezähmten Herzen." Und mit diesen verbrauchten, aus einem ganz fremden Heerlager herbeigeholten Waffen wollen Sie gegen uns fechten! Glauben Sie denn, daß uns nicht

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