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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-18 · Heft 3 (18.1.1846) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 3 (18.1.1846)
Date
1846-01-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dahier sehr mächtigen und regsamen Association zur Förderung der Bildung im Lande ausschMße, daß Jeder nach Kräften mitwirke und da ist wieder der fa^ke Hemmschuh! — Nächstens wird an diesem Orte und im ganzen Lande das bekannte Pestalozzi-Fest gefeiert und sind dazu alle Einwohner ohne Unterschied der Confession eingeladen, so wie auch Schreiber dieses nicht bloß zu den Eingeladenen, sondern auch zu den Einladenden gehört, da er bei einem Festkomite, das sich zu diesem Zwecke gebildet, sich als Mitglied angeschloffcn hat. Und wohl ist der Name Pestalozzi geeignet, jeden confessionellen Unterschied zu beseitigen und auch uns zur Feier dieses Genius des Schulwesens, dieses Herrn in der Pädagogik, zu rufen. Denn der Schule verdanken wir ja den, wenn auch bis jetzt nur theilweisen Sieg der Vernunft und von ihr muß ja auch die Bildung ferner ausgehen, wenn sie Gemeingut werden soll. Mögen sich darum überall unter unfern Glaubensgenossen frohe Theilnahme an diesem Feste finden und so es auch bei dieser Gelegenheit an den Tag geben, daß der Jude mit Recht behaupten und von sich sagen darf: ml humani mihi est alienuiu! Rießer über das Charakteristische der deutschen, französischen, holländischen und englischen Juden.*) Wir glauben, daß auch unter dem bürgerlichen Drucke Aufklärung und geistiger Fortschritt gedeihen könne, und daß wiederum der Zustand der Freiheit jene eben so wenig nothwendig zur Folge hat, wie er sie wesentlich voraussetzt, daß vielmehr Beide von ganz verschiedenartigen Momenten unv Bedingungen abhängen. Fassen wir als das Zeichen des Fortschritts unter den Juden das Ausgeben der s. g. Ritualgcsctze auf, so findet sich, daß die Zahl derer, die in dieser Hinsicht dem Fortschritte huldigen, in Deutschland größer ist, als in irgend einem von jenen Staaten, in welchen die vollständigste Gleichstellung in bürgerlicher Hinsicht stattgehabt hat. So wie in Deutschland noch auf manchen anderen Punkten im Vergleich zu anderen Ländern die geistige Bildung vorangeschritten, aber die bürgerliche zurückgeblieben ist, so auch auf diesem. In Frankreich freilich, namentlich in der Hauptstadt, hat dieselbe Geistesfreiheit oder Frcigeisterei, — wie man sic nun je nach der individuellen Ansicht von ihrem Werthe nennen mag — die den Katholicismus in den Gemüthern erschüttert hat, in gleiche* Weise das Judenthum in vielen ferner Anhänger ergriffen und die *) Aus dessen sehr zu empfehlenden „Bemerkungen über die zweite Schrift von Schreckfuß." (Berlin 1644, Veit & Comp.) Bekenner der einen wie der andern Religion von den Dogmen unv Ceremonien derselben abgewendet. Gleichwie es jedoch ein Jrrrhum wäre, wenn man den Katholicismus in Frankreich gänzlich abgethan oder in den letzten Zügen liegend wähnte, während er in den Gemüthern sehr vieler Franzosen noch feste Wurzeln hat, eben so würde es ein Jrrthum sein, wenn man das Judenthum in Frankreich für erloschen hielte. Nicht allein in den östlichen, sondern auch in den südlichen Provinzen Frankreichs hat dasselbe noch zahlreiche, warme Anbänger. Und hiebei muß nun daran erinnert werden, daß jene Uebergänge unv Vermittelungen. durch die man in Deutschland den überlieferten Glauben mit den Bedürfnissen moderner Bildung auszugleichen sucht, in Frankreich unter allen Confesfionrn wenig Raum gewonnen unv auch im Jurenthume höchstens der äußeren Form sich zu bemächtigen vermocht haben. Den theologischen Rationalismus, der Vernunft und Glauben — ob zum Vortheil over auf Kosten Beider, wage ich nicht zu entscheiden — vereinigt zu haben wähnt, kennt das katholische Frankreich kaum, man ist dort entweder Katholik im Sinne der Kirche, oder man ist es nur dem Namen nach, in so fern man eben nichts Anderes ist; selbst der Protestantismus Frankreichs hat jene Elemente nur in geringem Maße in sich ausgenommen. So läßt denn auch das Judenthum in Frankreich moderne Bcstandtheile in viel geringerem Maße zu, als in Deutschland, cs läßt höchstens den äußeren Anstrich seines Cnltus davon berühren; man ist dort — mit wenigen Ausnahmen — entweder Jude im alten Sinne, oder man bekümmert sich gar nicht um das Judenthnm. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß derjenige Theil der Franzosen, der siä> zu den Grundsätzen der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts bekennt, in dem alten Juventhume, gleichwie im Katholicismus , viel Thorheit, Vorurtheil, Aberglaube und Geistesknechtschaft erblickt; aber ich behaupte, daß es keinem gebildeten Franzosen einsällt — und zwar ganz eben so wenig dem Juventhume wie dem Katholicismus gegenüber — aus einer Frage der religiösen Aufklärung eine Frage der bürgerlichen Freiheit, der Rechtsgleichheit unv der Nationalität zu machen, und der aufgeklärteste Franzose vürd jene rationalistische Engherzigkeit unv Unduldsamkeit nicht begreifen, die einen Mann, der seine Pflichten gegen sein Vaterland pünktlich erfüllt, deshalb in politischer oder socialer Hinsicht zurückgesctzt wissen will, weil er aus religiösem Vorurtheil diesen oder jenen alten Gebräuchen anhängt. — Noch anders steht die Sache in Holland; wo vas orthodoxe Wesen aufs entschiedenste unter den Jucen vorherrscht, ein Umstand, aus den die Zähheit des holländischen Bolkscharacters nickt ohne Einfluß sein dürfte. Es gibt keine Gegend in Deutschland, in der die Anhänglichkeit an die alten Gebräuche noch so vcrbrei-

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