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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-18 · Heft 3 (18.1.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 3 (18.1.1846)
Date
1846-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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und von der Stellung, welche sich die Gewählten geben, nichts verlauten. Natürlich lauscht man mit Spannung auf diese Stellung, denn sie ist von gewichtigem Einflüsse auf den ganzen Norden Deutschlands. Sie, die Gewählten, finden in Schule und Synagoge ein zum Theil noch braches Feld, das fleißiger Umarbeitung bedarf. Gebe ihnen der Himmel den lichten Meist zur schweren Arbeit, auf daß ihnen die Thatkraft und die Thatlust nicht fehle.' Besonders hört man häufig den Wunsch, der neue, junge Rabbiner in Hannover möchte sich nicht seinen Vorgänger zum Vorbilde nehmen, der in seinem weiten und breiten Sprengel eine gar seltene Erscheinung war und cs vorzog, zu Hause zu bleiben und alle sieben gerade sein zu lassen, höchstens einmal die E'EITii? vor seinen Nichtcrstuhl citirte, die dann ein Liedchen von der Strenge und der Scrupulcsitat zu singen wußten, mit der er bei diesen Prüfungen verfuhr. Als wenn Talmud und L'pO'S nicht selbst schon die Saiten dieser Strenge aufs Straffste angespannt hätten, so daß sie heutzutage überall reißen. Das Hemmende, Störende,, Ungeeignete derselben zeigt sich besonders in hiesiger Gegend, wo viele Juden vereinzelt auf dem Lande wohnen und nicht leicht einen Schächter halten können. Wie müssen sich oft diese armen Menschen abquälen, um einem Gesetze Genüge zu thun, das für die Gegenwart und für das gegenwärtige sociale Leben der Juden ein Hemmschuh der freien Bewegung ist! Unv va noch minutiös erschweren? Ich hoffe, es soll vielmehr bald die Zeit kommen, wo auch dieser Punkt kann'einer durchgreifenden kritischen Sichtung unterworfen werden und wahrlich, sie findet eine reichliche Ausbeute, denn nirgends mehr als in den Speise- und iltHD besetzen haben der Talmud und seine Jünger ihr Anhäufungssystem walten lassen. Und auch nirgends mehr als in ihm zeigt sich der Conflict mit dem Leben, wenn besonders, wie hier, in geselliger und bürgerlicher Beziehung die Absonderung und Trennung zwischen Juden und Christen nicht mehr so unbedingt besteht. So ist, um nur ein Beispiel anzuführen, in den hiesigen Gemeinden und K.rchspielen das Armenwesen der Juden in der Ziegel nicht mehr gesondert , sondern die Juden tragen zur allgemeinen Armenkasse pro rata bei und ihre Armen werden aus derselben unterstützt. Da aber die Unterstützung der Art ist, daß die Armen meistens von der Direction gänzlich übernommen, resp. ernährt und zu diesem Zwecke ausvcrdungcn und in vie Kost gegeben werden, so begreift sich leicht, daß hier oft Klage und Verwirrung entstehen kann, wenn es sich um die Unterstützung eines jüdischen Armen handelt, da sich nicht immer ein Jure findet, der für eben so geringes Kostgeld wie ein Christ den Armen übernehmen will» Der Stadtrath in Jever, einer kleinen Stadt des Herzogthnms Oldenburg, hat vor Kurzem, als es sich in dieser Stadt um die Aufnahme der Juden in den Bürger- und Armenverband handelte, weil alte, städtische Privilegien früher die Aufnahme gehindert hatten, diese» Umstand scharf betont und seine WeiMmg der Aufnahme unter Andern auch dadurch motivirt, daß „manche Einrichtungen des Armenwesens mit den Sitten und der Religion der Juden nicht vereinbar seien." Der skeptische, minutiöse Stadtrath wurde zwar wegen dieser Weigerung tüchtig zurecht- und die Aufnahme, da sie gesetzlich nicht verweigert werden kann, durchgesetzt. Aber wehe thut es denn doch, wenn unsre eignen Sitten, wenn unsre göttliche Religion der judenfeindlichen Gesinnung die Waffen zur Ausschließung und Zurücksetzung in die Hand liefern. Die Rückwirkung dieser Gesinnung auf die bürgerlichen Verhältnisse kann natürlich auch nicht ausbleiben und bleibt nicht aus. In Hannover zwar soll das neue Gesetz im Ganzen trotz seiner Beschränkungen nicht ohne wohlthätige, befreiende Folgen sein und es ist dies scho n ein wesentlicher Fortschritt, daß die Juden nicht mehr derQuälerei desSckutzsystcms unterworfen sind. daß sie überall, ohne -erst der Controlc der Regierung untergeordnet zu sein, sich ansässig 'machen können. Im Herzogthum Oldenburg aber besteht leider, diese Controlc und dieses Schntzwescn noch nebst noch manchen andern daraus fließenden Ausnahnisgesetzen unv hat es bis jetzt nicht gelingen wollen, die Zähigkeit der Gesetzgebung, die besonders in unserm Norden den Schneckcngang langsame/Entpuppung geht, zu überwinden. Die Regierung zeigt sich im Einzelnen und in der Praris gegen die Juden oft milde unv human, aber zu einer Theorie ver allgemeinen Gleichstellung und Gleichheit vor dem Gesetze hat sie sich bis jetzt nicht entschließen können, dazu hält sie die Zeit und die jüdischen Zustände noch nicht reif, darin w'ttert sic Gefahr für den Wohlstand des Landes und was der Einwände mehr sind. Doch wird gegen diese Apathie jetzt schärfer als früherhin angekämpft unv angcpocht und so ist jetzt von mehreren jüdischen Gemeinden eine energische Petition beim Großderzog um Aufhebung der lästigen Ausnahinsgcsetze eingcreicht worden, die, wie man hoffen darf, nicht ohne Folgen bleiben wiev. Vielleicht bin ich später im Stande, Ihnen Bruchstücke aus dieser interessanten, das ganze Kapitel der Emäncipation und was sie vorgeblich hindern soll mit Geschick und Gründlichkeit behandelnden Denkschrift mitznthcilen. Sie ist in so fern von allgemeinem Interesse, als darin auch unsere theologischen und kirchlichen Wirren hinlänglich berührt und auseinandergesetzt sind. Unterstützt wird diese Petition von der Intelligenz unv der geistigen Bewegung, die sich im Hcrzogthuine und besonders in der Stadt Oldenburg kund gibt und die auch den In-! den zu Gute kömmt, da sie sich jeder religiösen wie socialen Beschränknng wiversetzt. Nur will sie, daß sich auch keiner aus Ver- I nrtheil und religiöser Befangenheit von der Bewegung und der

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