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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-18 · Heft 3 (18.1.1846) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 3 (18.1.1846)
Date
1846-01-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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18 und Zucker an diesem Feste" erlaubt haben will? Ich lebe in einer Gemeinde, die sonst der Mehrzahl nach nichts weniger als streng altgläubig ist, die sich mit gar vielen ibr nicht zusagenden Ecremouialverboten schon längst abgefunden bat und doch würde ihr eine Erlaubniß in diesen Punkten auffallend sein, als Beweis, daß überhaupt das religiöse Bewußtsein Kleines und Großes nicht auf der Wagschale der Schrift- und Talmudgelehrsamkeit abwägt, sondern gar häufig seine eignen, oft wunderlichen Maßstäbe bar. Doch, wie gesagt, ich will auf diese Jrrthümer und Znconsequcnzen jener Ritter und Vorkämpfer im Lager der sich der Orthodoxie Rühmenden weniger Gewicht legen, weil Znconscqnenz ein menschlicher Fehler ist, der uns Allen begegnen kann und gar oft begegnet, besonders in Religions-Angelegenheiten, wo Herz und Gcmüth nicht selten in der Entscheidung noch schwanken und zum Fürsprecher des Bestehenden sich aufwerfen, während die kalte, strenge Richterin Vernunft längst das verwerfende Urthcil ausgesprochen bat. Größeres Gewicht scheint mir die andere Tbatsache;n haben, daß die Reform fast überall, wo sie über den Wortstrcit hinaus und in die Wirklichkeit tritt, mit Beffall ausgenommen wird und Anhänger gewinnt, daß da der Einwand und die Abneigung schwindet, oder sich doch in seine Maulwurfslöcher verkriecht. Hat bicvon der, nach allen Berichten erhebende Gottesdienst der Reformpartei in Berlin an den heiligen Feiertagen, gegen welchen selbst der „Orient" keinen Schmähartikel aufzubringen vermocht, Zeugniß abgelegt und mich in der Meinung bestärkt, daß die Wirklichkeit allein über den Werth und die Lebensfähigkeit einer neuen Richtung zu entscheiden habe und nickt der Principicnkampf von welchen in der Regel nur die Wenigsten eine Ahndung oder doch einen klaren Begriff haben; so konnte ich das. in kleinerem Maaße auch in meiner Nähe und unmittelbaren Umgebung an den genannten Feiertagen bemerken. Auch da hat der Gottesdienst gerade an diesen Tagen einen nicht unbedeutenden Ausscheidnugsprozeß erlitten, cs bleiben viele hebräische Gebete weg und werden durch deutsche ersetzt, tbeils Steins rran piin Heils dem Hamburger Gcbctbuche entnommen. Wie gerne läßt man diese neuen Elemente zu, wie freut man sich, in der Wüste langer, unverstandener Gebete eine wohnliche Herberge für seine religiösen Gefühle und Gedanken zu j finden. Der Widerspruch, der grelle Widerspruch hat! freilich dadurch in diesemGottesdienst noch einen Zuwachs! erhalten. Man denke sich z. B. die moyn “HD am 3"» | wie sie sich in unfern v'vvs vovßndet und gleich darauf; als Widerspiel das herrliche, Tempel, Opferdienst und; äußere Form würdigende und zur wahren Buße für uns nicht mehr nöthig erklärende Gebet im Hamburger Gebetbua'.e (S. 288 ff.) das mit einigen Abänderungen hier eingeschaltet wird und das wegen seines trefflichen , Inhalts, verbunden mit einer gediegenen Sprache, jeder Gemeinde zu empfehlen ist. Aber die Menge geht über den Widerspruch unbefangen hinweg und klammert sich mit Freude da an, wo sich für ihre Erbauung ein Haltpnnkt findet, und wer diese naive Unbefangenheit nicht bebält, nnd wer den befremdenden Eonflict nicht unbemerkt lassen kann und wem er ein Anstoß ist, nur der muß sich mit der Hoffnung trösten, daß er endlich überwunden werden wird, daß das Leben über den Tod endlich siegen wird, ja siegen muß. Aber zum Siege .führt nur die Tbat, nicht das Wort, und wenn cs auch noch so laut erschallet und wenn es auch noch so laut sich erhebt und darum sage ich: führt die Reform ins Leben ein, laßt sie zur Tbat werden überall, wo sich eine Stätte und ein Anklang für sie findet, bequcmt euch und beruhigt euch, wenn sie auch nach den gegebenen Umständen und Zuständen nur theil- und stückweise zur Ausführung kommen kann, wenn sie sich auch zur Zeit eine Abfindung gefallen lassen muß, sagt da nicht, entweder, oder, entweder das Ganze, oder gar Nichts, denn mit dem Nichts gewinnt ihr nichts, wo kein Anfang ist, da ist auch kein Weiterkommcn. Jener nichtsnutzige, fanle Grundsatz: die Zeit sei zur Reform des Judenthums noch nicht reif, man müsse ihr zuerst noch wissenschaftlich und theoretisch den Weg langsam bahnen, müsse sie noch zuerst mehr rumoren und ausrcden lassen, ebc man zur That schreitet — was ist er anders als die alte vis inorliao, als jene Schwerkraft des Geben- und Vcrkommenlassens, die uns an die Scholle fesselt, die der Geschichte ihren Hebel, die dem Geiste feing Flügel nehmen will, damit es ja nicht zur Bewegung komme, was beißt cs anders als das Kind vom Versuche des Gehens abhalten wollen, weil — es fallen könnte? Mit diesem Grundsätze verschwistert ist ein anderer, der ebenfalls oft gehört und zum Abwehrschilde gegen die Zulässigkeit von Neuerungen gebraucht

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