Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1846)
- Date
- 1846-01-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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7 sucht, das Judenthum in den Entwicklungsgang der Zeit zu drin- - gen, so hätten gewiß die frischeren Geister und Gemüther mit In- | nigkeit an dieser Bewegung Theil genommen; allein Dies geschah > nicht, und wollen wir auch diese Vertreter nicht anklagen, da auch! sie unter der Nothwendigkeit des natürlichen historischen Bildungsi Verlaufes standen; wie können wir jedoch zürnen, daß der neue! Wein sich nicht in alte Schläuche füllen lassen wollte, daß der ge-! weckte Sinn, froh das Tageslicht begrüßend, sich nicht alsbald wiej der in Finsterniß der Vergangenheit vergrub? Allervings mußte > auch bald die Anerkennung folgen, daß was man verachtet und bei Seiten gelegt, doch nicht so ganz werthlos sei, daß es einen tieferen Kern enthalte, als man bisher aus der trüben Umhüllung kennen gelernt; aber zu dieser Einsicht konnte man erst allmälig gelangen, erst dann, als man nicht mehr unter den Mißverstand so tief gebeugt werden sollte, bis dahin fand entweder Unwissenheit oder Lossagung Statt. Von einem Feilbieten des Alterthums konnte da kaum die Rede sein, man hielt es für ganz werthlos, man wollte es nicht verkaufen, es nicht vertauschen um ein anderes Gut, man warf es ganz weg; und zwischen diesen beiden Thatsachen ist ein großer Unterschied. Wer eine Sache für gering hält, wenn auch im Jrrthum befangen, dessen Ansicht können wir bekämpfen, aber wir können sein Verfahren nicht als ein unsittliches verdammen; wer aber ein Gut des Geistes um ein Gut der Bequemlichkeit, des äußern Lebensgenusses vertauschen will, der verdient den Tadel des leichtsinnigen und sträflichen Schachers, und das eben liegt in dem ungerechten Ausdrucke vom „Fcilbieten ihres Alterthums für die Emancipation!" Für die Emancipation? O nein! Wo das Streben nach Emancipation erwacht ist, da ist auch bereits das Bewußtsein der eigenen Selbstständigkeit vorhanden, da ist auch die Anerkennung der Eigenthiimlichkeit lebendig, die man, soweit sie einen Werth hat, anerkannt und geachtet wissen will; und in der That, sobald das Verlangen nach Emancipation die Gemüther erfüllte, da nahm es auch mit der Entfernung vom Judenthum ein Ende. In seinem Gefolge kam dann auch das Streben nach Reform, der Wunsch, sich voll und lebendig an das Judenthum anschließen zu können, sich von ihm durchdringen zu lassen, in ihm seine Ueberzeugungcn ausgedrückt zu sehen, durch es zu Gedanken angeregt, religiös bewegt zu werden. und als dieser Wunsch ein lauter und allgemeiner wurde, da kehrte man auch bald mit doppeltem Eifer zur Beschäftigung mit der Literatur zurück, da grub man nach dem Geiste, der die Jahrhunderte durchzieht, um diesen wieder für die Gegenwart zur Erscheinung zu bringen, wenn man auch die Hüllen, in welche er sich früher gekleidet, für uns nicht mehr angemessen fand. Freilich, wer da glaubt, man müsse sich begnügen, zu wissen, „welches Jahrhundert zu dem Leben der Gegenwart den Grund aufgeführt hat" (S. 28) und nun sittig und fromm zuhören, was diese Männer der Vergangenheit gesagt, mit Ehrfurcht auf das Alterthum Hinblicken, als auf ein Altes, der mag der jugendlichen Reformlust zürnen. der mag davon sprechen, daß wir „die Blumen des Judenthums zertreten und Glauben und Liebe weit hinter uns zurückließen" (das.) Wir wollen Brod für unfern Hunger, Wasser für unfern Durst, der Geist soll frische kräftige Nahrung erhalten, und man tändelt mit uns und reicht uns Blumen, noch dazu sehr zweifelhaften Geruches; wir wollen einen Glauben, der den Geist erfüllt und zu Thaten für die Gegenwart begeistert, und man will uns zu Menschen erziehen, die blos in der Erinnerung an die Vergangenhett träumen, wir wollen eine Liebe, die Früchte trägt, und man füttert uns mit weichlicher Pietät und herzloser Sentimentalität. Nur aus einer frischen Gegenwart erwächst eine Theilnahme an der Vergangenheit; wenn das Judenthum als eine Lebenskraft an uns sich erweist, dann wissen wir. daß diese Kraft auch zu allen Zeiten schöpferisch aufgetreten sein muß und wir werden diese Schöpfungen mit Aufmerksamkeit betrachten; soll unsere Theilnahme nicht an dem eignen Herzblute, sondern an den kalten Grabeslüften der Vergangenheit erwärmt werden, dann mögen wir wohl zu Leichenbeschauern taugen, aber wahrlich nicht zu mitwirkenden und mitstrebenden Söhnen der srischtreibenden Gegenwart. Es ist das Verkehrteste von der Welt, wenn man die Reform immer unv immer als ein Zerstören und ein Zertreten hinstellt, ein Gemeinplatz, den Zunz den Flachköpfen hätte überlassen mögen, den salbungsreichen Schwätzern, die ihren Mangel an eigner Religiosität mit erkünstelter Wärme für Ueberlebtes, die ihre eigne Impotenz mit hohlem Pathos für die alte Tüchtigkeit, die aber uns nicht mehr in ihrer Weise tüchtig machen kann, bedecken wollen! Wo Leben geweckt wird, da muß auch manches verwelkte Blatt fallen, wo der Geist sich regt und treibt, da muß er auch Manches abstoßen, aber es ist da kein willkürliches Vorvrängen, kein lieb- und glaubenloses absichtliches Abstreifen. Man erfrischt weder das Leben noch die Wissenschaft durch ein ehrfurchtsvolles Aufpaffen, das nicht in Herz unv Seele eindringen kann. man meistert nicht die Zeit durch erbauliche Thefillin-Betrachtungen, durch ein Gebot über die Ehrwürdigkeit alter Institutionen, deren Ehre und Würde blos im Alter, nicht in der inner» Weihe nachgewieien wird, nicht durch vorgeblich alte Stimmen, welche die neue Zeit und den neuen Geist anklagen und welche blos die eigne Stimme als eine veraltete kund machen könnten, nicht durch das Verlangen, man solle eine Literatur ehren unv anerkennen, wenn man ihren vollen Gehalt, ihre geistige Tiefe nicht nachweist, sondern sie blos in Bausch und Bogen als Literatur geachtet wissen will, weil sie die Druckerpressen beschäftigt hat. Nicht „aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums wird die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben hervorgehen", sondern aus dem erwachten Geiste der Völker, aus der Regeneration des Judenthnms wird man zu theil. nehmender Erforschung auch der jüdischen Vergangenheit und zu einem gerechten Urtbeile über dieselbe gelangen. Unv also war es auch, also wird es auch. Durch das neue Leben wird auch die Geschichte und namentlich die Geschichte des religiösen Geistes mit aller Hingebung verfolgt, und wir zeigen uns hier recht als Deutsche, daß wir uns nicht mit der Gegen, wart begnügen, sondern dem geschichtlichen Werden ernst und sinnig nachgehn, ebenso zur Erklärung, wie zur Befruchtung des Vorhandenen. Die Beschäftigung mit der jüdischen Literatur ist zur ernsten Aufgabe geworden und zu einem großen Umfange gewachsen, und dennoch ist der Hr. Verf. auch mit diesen Bestrebungen unzuftieden. Die zweite Abhandlung nämlich: „Zur Literatur des jüdischen Mittelalters in Frankreich und Deutschland" (S. 22—213» enthält im ersten Abschnitte: Einleitendes (— S. 29), in welchem