Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1846)
- Date
- 1846-01-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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-8 die jüdische Literatur zuerst in eilf Epochen getheilt, dann aber auf den in der Ueberschrist genannten Zeitraum übergelenkt wird durch eine Charakteristck der gegenwärtigen Forschung. „Auf diesem Punkte, sagt der Vers. (S. 28) stehen wir gegenwärtig, die alte Zeit betrachtend, aber die Betrachtung ist nicht unbefangen. Aus düsterer abgeschlossener Unwissenheit zu dem Lichte freier Wissenschaft geführt, wurden wir berauscht und geblendet zugleich; in dem Anschauen unseres eigenen Alterthums zogen einzelne Werke und einzelne Denker uns schneller an als die Quelle und das Ziel ihres Denkens und Wissens, und in dem rasenden Lauf nach Lieblingsmeinungen zertraten wir unbekümmert die Blumen des Judenthums, und ließen Glauben und Liebe weit hinter uns zurück. So verweilen wir bei Punkten, die uns Zusagen, weil sie vergänglichen Zwecken dienen, aber wir weichen ganzen unerforscht: » Zeitaltern aus, und weil wir die Menschen und ihr Thun nicht um ihrer selbst willen aussuchen, sondern um des für uns zu erwartenden Gewinnes halber, so bleiben wir, in Vorurtheile versenkt, eben so ungerecht gegen viele Provuctionen der Vorzeit, als die spottenden Feinde, denen wir. um in einem Streite gegen einen Rabbinatskandioaten Recht zu behalten, neun Zehntheile unseres ehrwürdigen Altcrthums Preis geben. Nicht die Kenntniß Einer Epoche, Eines Schauplatzes, Eines Thuns ist die Geschichte und das Recht; es ist das umfassende, zusammenhängende und gerechte Wissen; manches mißkannte Jahrhundert hat zu dem Leben der Gegenwart den Grund aufgeführt, und nur weil dieses Leben ihnen nicht mehr behagt, verachten die außerhalb des Judenthums Gerathcnen die Männer jener Zeit und verhöhnen ihre Werke." Deßhalb also hat der Vers, gerade diese vernachläßigte Periode zu beleuchten gesucht. „Wenn selbst (wie der Vers, im 6. Abschnitte dieser Abhandlung: Charakteristik S. 138 sagt) bei jüd. Geschichtschreibern jener Schauplatz übersehen. oder doch stiefmütterlich behandelt worden, so hat nicht der Glanz der Spanier..., nicht die Seltenheit gewisser Erzeugnisse der französssch - jüdischen Literatur allein sie am Sehen gehindert, sondern es war jene Reaction gegen das specifisch Jüdische, die als Gefolge der Aufklärung sich geltend gemacht, die wie ein kränkendes Unrecht erschien, als ich mit Raschi's Leben (Zeitschr. f. d. Wissenschaft re. 1822 S. 277 ff) auftrat, und welches einzugestehen auch neuere Gelehrte (f. Geiger's Zeitschr. Th. 5 S. 413 ff) sich anschicken." Auch hier wieder ist, unserer Ueberzeugung nach, Wahres mit Falschem gemischt und, was wir schon mehrfach wahrgenommen, die als irrig bezeichnete Ansicht nicht als ein bloßer Jrrthum abgewiesen, sondern als ein Product verkehrter Gesinnung, bösartigen Willens verdächtigt, Haben wir früher von Hrn. Dr. Zunz in der Auffassung des Jüdischen bei dem Begriffe der jüdischen Literatur abweichen müssen, so können wir nun seine Ansicht über das, was als Literatur Geltung haben soll, nicht theilen. Es ist wahr. Alles ist Erzeugniß des Geistes, was gedacht und in Schriften niedergelegt ist, und gehört zum großen Umfange der Literatur eines Kreises: denn sobald es eine geschichtliche Betrachtung der Literatur giebt, so kann blos Dem Bedeutung eingeräumt werden, was Zcugniß ablegt von der ewig frischen Kraft geistiger Zeugung, von der Bewegung der Geister, welche fortschreitend und schaffend von einem Punkte rastlos zum andern führt. Es gibt in jeder Lit.-Geschichte klemere oder größere Zeiträume, die, trotzdem daß keine Armuth an schriftstellerischen Provuctionen vorhanden ist, doch eine bloß öde Steppe zeigen, so daß nicht die Mannichfaltigkcit des üppigen Pflanzenwuchses zu genauer Beobachtung eines jeden Einzelnen eben so reizt wie zwingt, sondern aus Einem auf Alles geschloffen wird und der sorgfältigste Beobachter rasch darüber hinwegeilen kann; es mag dennoch auf der Haide sich auch ein eigenthüml.ches Blümchen finden, und wir danken dem sorgsamen Entdecker, aber eine Bereicherung der Wissenschaft wird doch weit mehr auf den fruchtbaren Gegenden erwartet werden, und nicht bloß die Luft, sondern auch der reine Wissenstrieb wird sich dorthin wenden, wo die reiche Vegetation die volle Urkraft in herrlicher Entfaltung zeigt. Bei dem geistigen Leben, das nicht blos ein für alle Male schafft. sondern auch in unendlicher Fortwirkung, was wir aber als Geschichte begreifen, seine Schöpfungskraft fortsetzt, muß Dieß noch in höherem Maße zur Richtschnur dienen. Jene Zeiten freier, selbstständiger Entwickelung haben auch auf spätere Zeiten anregend, saamenausstreuenv eingewirkt, sie haben eine Geschichte, während die andern, trotz dem wuchernden Unkraute, das sie reichlich hervorgebracht haben, einen lebendigen Antrrcb nicht gegeben, sondern höchstens den Bodensatz für die wei. tere Geschichte bildeten, den tobten Stoff, welcher überwältigt werden mußte, der nicht die Kraft erzeugte, sondern fast erschöpfte. Und da soll dem Geschichtschreiber nun jede Zeit gleich sein? Gerade weil er nicht lustwandeln, sondern treu und cinsi'g der Wissenschaft dienen will, muß er der dürftigen Zeck spärliche, der reichen auch volle Kräfte widmen; dre Namen und die Werke nützen ihm nicht, der Geist und der Gehalr, das Wirken und der Einfluß geben allein Werth und für ihn den Maßstab. Freilich mögen dadurch unter der Fluth von unnützen Erscheinungen auch werthvollere übersehen werden, und es ist dankenswerth auf diese aufmerksam zu machen, aber wahrlich zu verargen ist es nicht, daß sie übersehn worden sind, und eine Verkennung der Geschichte kann aus diesen ignorirten vereinzelten Thatsachen des Geistes nicht entstanden sein. Und von diesem in der richtigen Auffassung von Geschichte und Literatur begründeten Verfahren sollte man sagen dürfen, „wir verweilten bei Punkten, die uns zusagen. weil sie vergänglichen Zwecken dienen", wir suchten die Menschen und ihr Thun blos auf uin des für uns zu erwartenden Gewinnes halber"? Ein vergänglicher Zweck wäre es, bei dem ewigen Geiste in seiner stets jugendlichen Kraft zu verweilen und aus seinem stets frischen Borne zu schöpfen? Im Leben meiden wir gern die Thoren nnv die Schlechten und suchen sie wahrlich nicht um ihrer selbst willen auf, wir wählen die Verständigen und die Guten zu unserm Umgänge, wenn man will, um ihrer selbst willen, das heißt aber eben nichts Anders, als weil uns das eigne Herz zu ihnen zieht, weil wir Genuß und Belehrung im Verkehr mit ihnen erwarten;. in der Geschichte können wir freilich nicht so wählerisch sein, wir durchwandern alle Zeiten, aber wir verweilen doch länger und lieber da, wo wir frische Kraft gewahren, als dort wo die Menschen kriechen und siechen, und, wenn Herr Dr. Zunz will, so thun wir es auch, „um des für uns zu erwartenden Gewinnes halber", weil wir dort lernen, uns selbst kräftigen, und das Herz erquicken, und hier fast an der menschlichen Natur irre werden. Und deßhalb gebührte uns Tadel, deßhalb sotten w.r als Selbstsüchtige gebrandmarkt werden? Wahrlich, es ist ein herrliches Ding um diese geistige Selbstsucht, die blos mit den Eveln und dem Eveln verkehren und sich von den Gemeinen und dem Gemeinen fernhalten will. Inwiefern nun Dies seine allerdings modificirte Anwendung findet aus die Zeit, welche der Verfasser in der genannten zweiten Abhandlung bespricht, das möge im Zusammenhänge mit dem übrigen Inhalte des Buches rin zweiter Artikel näher bestimmen. Breslau den 16. Nov. 1845. Verlag der I. C. Hermauu'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.