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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-11 · Heft 2 (11.1.1846) · page 10

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 2 (11.1.1846)
Date
1846-01-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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6 die Aufmerksamkeit der Christen, welche in deren selbstständiger Pst ege weit zurück waren, auf sich zog, und mit redlichem Fleiße schöpften sie aus ergiebigen und trüben Quellen, welche die jüdische Literatur ihnen darbot. Nachdem sie nun aber an den Brüsten gesogen und Männer geworden zu sein glaubten, ist es ihnen da zu verargen, wenn sie nun auf eignen Wegen, durch selbstständige Arbeit Manneskost sich zu erwerben suchen und nicht mehr mit der Muttermilch sich begnügen? Wenn die Kenntniß der alten Ucbcrsetzungcn, der semitischen Dialekte, die unbefangene Auffassung der orientalischen Eigcnthümlichkeit, der durch die Zeit erweiterte kritische Blick ein weit tieferes Verständniß der Sprache und der Schriften ermöglicht, als es den früheren Juden zugänglich war, mußte da'das Studium dieser jüdischen Werke nicht nothwenvig gar sehr in den Hintergrund treten? Allerdings vollkommen ausgebeutet sind sie noch nicht, und Wir sehen auch gründliche Gelehrte gerne sich Raths erholen, wenn er ihnen verständlich ist; thörichter Ucbermuth ist die wegwerfende Verachtung, mit der man die alten Juden behandelt, wenn man über sie hinausgeschritten zu sein glaubt, während sie doch die Grundlage bildeten; es fehlt auch nicht an Jrrthümcrn, wenn man der Hülfe jener alten Schriften bedarf: mag der Unverstand gegeißelt und derJrrthum berichtigt, mögen die Schätze, welche noch in dieser Litteratur verborgen sind, von jüdischen Gelehrten, welche derselben noch aus speciell religiösen Zwecken sich zuwenvcn, gehoben und zum allgemeinen Gebrauche verwertet werden, aber ungerecht wäre das Verlangen, daß dem Studium dieser Literatur von Seiten der Christen eine gleiche Emsigkeit wie früher zugewandt werde. Sicher ist dasselbe in vielen Beziehungen „an Goldkörnern reich" (S. 29); aber wer wird es tadeln, daß doch die Kräfte eher zum Bergbau verwendet werden, dem man die edcln Metalle nach sauerem Fleiße zwar, doch mitreichem Gewinne abringet, als zur Goldwäsche für den von manchen Flüssen mitgeschwemmten Goldsand, ja daß Letzteres ganz unterbleibt, wenn die Arbeit nicht dem Ertrage entspricht? Gilt Dies nun für die Studien christlicher Gelehrten, welche das Gebiet der jüdischen Literatur nahe berühren — wenn auch von ihnen eine möglichste Berücksichtigung derselben verlangt werden kann—, so gilt Dies mit um noch größerm Rechte von solchen Studien, welche in der jüd. Lit. nur höchst dürftig und gelegentlich angebaut werden , so daß eine sorgfältige Durchmusterung derselben zu dem spcciellen Zwecke durchaus nicht erwartet werden darf. Es mag sein, daß eine Bekanntschaft mit del Medigo's Schriften dem Forscher über die Opttk der Griechen ein Werk des Ptolomäus über die Katoptrik nachgewiesen hätte (S. 20); kann aber darum verlangt werden, daß der Forscher auf andern Gebieten deßhald die Schwierigkeiten, sich in die jüdischen Schriften hineinzuarbeiten, überwinden solle, weil irgend ein Polyhistor, der in seiner ausgezeichneten Universalität bis zur letzten Zeit kaum die gebührende Aufmerksamkeit jüdischer Gelehrten und Freunde der jüdischen Literatur aus sich zu ziehen vermochte, der, wenn auch tüchtiger Mathematiker, doch zu sehr in dem weiten Gebiete der verschiedenen Wissenschaften lustwandelte, um in dem einen Fache Originelles zu leisten, zu sehr innerlich zerrissen und äußerlich unstät war, um vollendete Leistungen zu liefern, weil, sage ich, ein Polyhistor dieser Art möglicherweise eine interessante Notiz beizubringcn vermochte? Ohne Zweifel sind die Untersuchungen über Münzkunde nach jüdischen Schriften (S. 534—564) schätzbare Beiträge nicht blos zum Verständnisse der Verhandlungen in diesen Schriften, sondern auch zur Aufstellung der Münzverhältnisse in den verschiedensten Zeiten; allein diese Beiträge sind aus dem weiten Umfange des vielverzweigten jüd. Schriftthums aufgelcsen, wo sie blos ganz gelegentlich erwähnt werden, oft entstellt, oft so unkenntlich, daß sie erst durch die anverweitig erlangten Kenntnisse über diesen Gegenstand ihre Erklärung finden, keineswegs aber zur Erklärung tauglich sind, und dennoch sollte der Tadel ausgesprochen werden dürfen, „man habe zuzuhören verschmäht"? Ich muß bekennen, ich finde hier nicht die unbefangene Gerechtigkeit, die dem Historiker ziemt, und der Dank, welcher freudig dem fleißigen, vielseitig gelehrten und scharfsinnigen Forscher dargebracht werden muß, mischt sich mit dem Bervruße über den ärgerlich strafenden Ton, mit welchem die Belehrung ausgesprochen wird. New, die jüdische Literatur kann nicht den Anspruch machen, von dem Gelehrten in jedem Gebiete durchwandert werden zu müssen; sie würde sonst mit Recht ihren Hochmuth büßen müssen. Sie diene als Denkmal der religiösen Bewegungen im Judenthume im weitesten Sinne, und dem Forscher in diesen Erzeugnissen des Geistes ziemt es denn, die Ausbeute, welche in ihnen auch durch gelegentliche Aeußerungen für fernliegende Gebiete des Wissens gewonnen wird, ohne Groll und ohne Mißmuth zum Gemeingute zu machen und dadurch der Wissenschaft nützlich zu werden, der Literatur aber, welcher er seinen Fleiß widmet, die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden. Also den Juden wird doch, möchte nun der Hr. Verfasser, wenn er in unsere Ansicht eingehen wollte, entgegnen, das fleißige und gründliche Studium der schriftstellerischen Denkmale aus ihrer eignen Vorzeit immer erspart werden, und so bleibt doch jedenfalls der Tadel, welchen diese über „die Verachtung der Grundlage ihres geschichtlichen Seins", über das Feilbieten chres Alterthums" erfahren haben, gerechtfertigt. Auch dieser harte Borwurf ist in eine Allgemeinheit hingestellt, daß er höchst ungerecht wird, und in Aus. drücke gekleidet, die mir des Historikers unwürdig scheinen. Die Juden! Sind alle Juden Gelehrte oder sollen sie es sein, daß sie sich, selbst bei höherer Bildung, nicht mit dem im Allgemeinen Wissenswürdigen begnügen dürfen, sondern noch der gründlichen Erforschung alles geschichtlich Gewordenen sich hingeben müssen? Es ist wahr, man ging in der Periode des Jnvifferentismus noch weiter, man wollte von allem Jüdischen durchaus Nichts wissen, es ganz hinweggeräumt sehen; mögen wir diese Erscheinung als ein trauriges Product der Geschichte beklagen, aber wir müssen auch die Nothwendigkeit derselben, wie eines jeden geschichtlichen Productes anerkennen. Nach jener tiefen Unwissenheit, welche die letzten Jahrhunderte unter den Juden in Deutschland geherrscht, ihre Religion zur Carricatur, ihre Gelehrsamkeit zum Unsinne ge. macht hat, wie konnte da der erwachte Geist, welcher so Frisches und Bildendes um sich her gewahrte, mit Freudigkeit sich dem Jüdischen, das ihm nur unter dieser widrigen Formerschien, erschließen wollen? Freilich wären die Lehrer und Führer im Judenthum von dem Geiste der Zeit berührt gewesen und hätten auch sie ge-

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