Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1846)
- Date
- 1846-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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15 ohne eigentliches Rednertalent, < das rechte, warme Wort von selbst. Aber diese talmudisch-scholastische Richtung berührt auch wirklich das Innerste des Menschen so wenig, ist durchweg eine so kalte, nüchterne, ungemüthliche, daß ihre Vertreter wohl Recht haben, wenn sie auf ein Ergriffenwerden und eine Begeisterung durch die bewältigende Kraft ihrer Sache selbst, nicht vertrauen. Sie werden mich vielleicht für persönlich eingenommen halten, wenn ich Ihnen sage, daß auch die ganze äußere Erscheinung des Hrn. Frankel hier die Gemüther von ihm fern hält. Aber es ist in der That so! Sein Wesen mag sonst etwas Jmponircndes haben,*) aber etwas Vertrauen Erweckendes, das was namentlich dem Seelsorger zu wünschen, hat es nicht, wozu fteilich hier noch die Thatsache kömmt, daß Frankel's stolzes und herrisches Wesen ihm auch auf längere Zeit die Herzen der Dresdner Gemeinde entfremdet hat. Sowie ich Ihnen überhaupt versichern kap< daß Keiner thatsächlich mehr gegen das Prinzip des Voljksbewüßtseins verstößt, als Hr. Frankel selbst. Alle seine gottesdienstlichen Reformen, (sie find fteilich unbedeutend) sind ohne Zustimmung, ja oft ohne Vorwiffen seiner Gemeinde vorgeno^imen worden, und liefern somit einen neuen Beweis, wie wenig selbst ein eifrig verfochtenes Prinzip den Gegenwirkungen der Anmaßung und Selbstsucht widerstehen kann, wenn nicht unser Innerstes von ihm erfüllt und durchdrungen^ wenn es nicht in unserem Gemüthe zur Herrschaft gekommen ist. Der Frankfurter Reform - Geist. / (Frankfurt a. M. im Dec.) Unsre Gemeinde ist mehr geeignet Neuerungen anzuregen als auszuführen, was daher rührt, daß bei uns ein reinpraktischer Sinn vorherrscht, und man weder wie im Norden zur Selbsttäuschung neigt oder doch deren Schein fefthalten zu müssen glaubt, noch wie im Osten das Schaugepränge liebt; Menschen und Dinge gelten, was sie werth find. Der Reform des Judenthums, wie sie von hier aus angeregt worden, lag der praktische Gedanke zum Gründe, einer in der Judenheit unläugbar bestehenden großen Partei Anerkennung nach innen und *) Aufmerksame Leser Ihres Blattes wollen sogar wissen, daß dasselbe auch aufJhren Frankfurter - Correspondenten, der sonst doch scharf genug sieht und zielt, einen solchen Eindruck gemacht, daß die gegen ihn gerichteten Artikel seit jener Zeit merklich an Schärfe abgenommen haben. außen zu verschaffen. *) Dieses ist zum Thcil bereits gelungen, und das Panier, welches man, als wir es erhoben, in den Staub treten zu können meinte, flattert aller Orte lustig und geachtet. Ob die hiesigen Reformfreunde, ob die in Preußen, ob einzelne Rabbinen, ob endlich die Rabbiner-Versammlung das Reform- Bestreben in Ansehen und Aufnahme gebracht, kümmert uns wenig; uns genügt, daß dem so ist. Auch die Schattirungen sind uns gleichgültig, sie werden sich schon von selbst ausgleichen; andre Zeiten kommen, Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht. Hier hat man sich zuerst gegen den andrer Zeit, Oerilichkeit und Bildungsstufe angehörenden Act der Beschneidung öffentlich aufgelehnt, und wackere, ehrenwerthe Männer find mit dem Beispiele vorangegangen; haben sie auch bisher nicht viele Nachahmer gefunden, weil die dazu noch erforderliche unabhängige sociale Stellung so vielen Gleichgesinnten abgeht, so wird die Zukunft deren um so mehr bringen. Auch der Gedanke an einen Sonntags-Gottesdienst ist von hier ausgegangen und hat vielfachen Anklang gefunden; nichts desto weniger bezweiflen wir, vaß er hier so bald zur Ausführung kommt. Uns fehlen Enthusiasten,**) und der praktisch: Sinn schlägt zu häufig in Nüchternheit um. Nicht die Geldopfer sind es, welche man scheut, sondern das öffentliche Aussprechen und Hervortreten, noch eigentlicher das Entgegentreten. Wiewohl nämlich unser Rabbiner, Hr. Stein, durch diese Einrichtung im geringsten nicht gestört würde, und uns auch nicht bekannt ist, daß er sich gegen sie ausgesprochen hätte, so glauben doch unsre Diplomaten, deren Zahl nicht unbeträchtlich ist, dies zum voraus setzen, und, da sie zwar nicht inehr auf die Ankunft eines Messias oder Bu - Maza, aber statt dessen auf das Verschmelzender Parteien hoffen, was schwerlich in ihren Tagen oder in ihrem Sinne statt finden wird, ven Vorschlag nicht unterstützen zu dürfen, wiewohl sie dessen Zweckmäßigkeit an sich nicht in Abrede stellen. Wie die Orthodoxen, richtiger ausgedrückt, die Malcontenten darüber denken, wissen wir nicht, möglich, daß, wenn sie glauben, Hr. Stein werde daran einen Aerger nehmen, sich der Vorschlag ihres Beifalls zu erfreuen haben dürfte; dies ist jedenfalls gleichgültig, da man von ihnen keine Unterstützung erwartet oder verlangt. Wie sehr übrigens die Einrichtung eines Sonntags-Gottesdienstes zeitge- *) Aber der Hr. Corresponvent übersieht, daß von einer solchen Anerkennung nicht eher die Rede sein könne, als bis jene „bestehende große Partei" auch eine konkrete Gestalt gewinnt, sich zu einer kirchlichen Gemeinschaft vereinigt. Die Red. **) Richtiger: Uns fcfytt der Enthusiasmus. X>ic Red.