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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-11 · Heft 2 (11.1.1846) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 2 (11.1.1846)
Date
1846-01-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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13 Avler. Auf dem Leadenhall - Markt findet man auch das koschere Fleisch, mit bleiernen Stempeln versehen; auch das Institut der Sabbath Gojes findet man in London, und in mehreren Häusern traf ich die alte Goja' aus Auerbachs Spinoza. DaS oben erwähnte Buch verstchert, daß ein Mann von literarischer Auszeichnung, dessen Name dem Publikum bekannt sei, fich vor einigen Jahren vom Christenthum losgesagt habe und regelmäßig die Synagoge besuche. Daß einige gemischte Ehen eristiren. ist kein Zweifel. Was Reform betrifft, so mangelt nicht dieGefinnung, sondern das nothwendigste Substrat: Bildung und Kenntnisse. Viele jüngere Männer unter den Juden haben tüchtiges einige sogar klasfisches Wissen; manche alte Herren wissen im Hebräischen so ziemlichen Bescheid, aber beides vereinigt findet man fast nie. .Unter diesen Umständen müßte die Reform sehr praktisch zu Werke gehen. Das plane Raisonnemerkk, das bei uns als Rationalismus verschrieen ist, findet in Enzland--wo es keine Romantik und keine Gemüths- Koketterie gibt, weit, mehr Anklang als ich dachte. Die Jugend läßt fich von der Abgeschmacktheit rabbinischer Satzungen, von der Ueberflüsfigkeit der Speiseverbote recht gerne überzeugen, es fehlt aber aller Sinn für speculative Erfassung der Reform. Die Leute find positiv, und wer den Muth hätte, geradezu eine Secte zu begründen, dürfte weiter gehen als bei uns. Dies wird vielen paradox klingen, ich sage es aber mit gutem Bedacht. Dr. Adler hat einen schweren Stand, obwohl er bei einigen, d. h. bei feinen Berufern großes Vertrauen genießt, und von den Meisten für einen braven Mann gehalten wird. In der Zeitschrift: Voice of Jacob, die bekanntlich das dümmste Blatt wäre, das Gott jemals auf Erden geduldet, wenn nicht noch ein Jewisto Chronicle (Sepher Sicorun) hier erschiene, — in der Stimme Jacobs also liest man zuweilen Gedichte zu seinem Lob. Ich sah ihn mehrmals in der Synagoge, er erscheint wie ein moderner Geistlicher mit Tatar und Bäffchen. — Die große jüdische Synagoge, in Duke- Street, ist übrigens ein schönes Gotteshaus, im Styl der großem englischen Kapellen; sehr hell und geräumig, die Frauen,fitzen auf zwei schönen und weiten Gallerieen, die von prächtigen jonisch«? Säulen gestützt werden. Auch eine andere, unter dem Chief-Rabbi Dr. Adler stehende, Synagoge, besuchte ich, dieselbe liegt auf St. AlbanS Place, schon im Westend. Sie ist ziemlich klein, und es geht darin lange nicht so anständig und schön zu als in der Hauptsynagoge. Es wird darin genäselt, geschwatzt, gestoßen, wenn - auch nicht so schlimm wie bei den sogenannten Freischülern. Auch die portugiesische Synagoge besuchte ich; Gesang und Gebet wer- | den mit Anstand und Würde verrichtet, doch sah ich in den Win- I kein furchtbar zerlumptes Dettelvolk. Einer der Chasonim soll eine i wunderschöne Stimme haben,, und wird in dieser Hinsicht mit dem berühmten englischen Volksfänger Draham, der ebenfalls ein Jude war, verglichen. Eine Predigt hörte ich bei den Portugiesen nicht, doch hat ihr Rabbiner, v. Meldvla. vor vier Jahren einen Vortrag drucken lassen. Derselbe dreht fich um einen Ausdruck in Maleachi: „die Sonne des. Gesetzes." Die Sonne sendet Strahlen überall hin; so wird das Gesetz einst allenthalben anerkannt werden. Die Sonne wird zuweilen verfinstert; so auch das Gesetz. Die der Sonne am nächsten find, werden von ihr am besten erwärmt; so auch beim Gesetz. Did Sonne hat ihre Morgenröthe, die noachidischen Gebote und die Beschneivung waren die Morgenröthe des Gesetzes. Am Versöhnungstag brachte ich einige Stunden in der Synagoge der Reformers zu. Diese liegt im Westend; und faßt ungefähr 250 Personen. Eine Inschrift bezeichnet sie als West-Synagoge of Britisch Jews; die letztere Benennung soll dazu beitragen, den Unterschied zwischen deutschen und portugiesischen Juden zu verwischen. Das Aeußere des Gottesdienstes ist sehr zu loben. Sie haben ein besonderes, von ihrem Geistlichen Dr. Marks besorgtes Gebetbuch, worin manche Abkürzungen, aber die Mesfiasgebete deibehalten find. In dem offiziellen Gebete für die Königin Victoria findet fich die Bitte, daß ein Erlöser für Zion kommen möge in unsren und in ihren Tagen, was der Königin nicht sehr am Herzen liegen wird. Uebrigens zeigt die Vorrede von verständiger Auffassung, und von Bekanntschaft mit deutscher Forschung, auch hielt Dr. Marks eine sehr correcte und gute Predigt im besten Englisch, worin von bloßem Ceremoniendienst abgemahnt wird. Es wird bei den Reformers wenig gesungen, und beim Gebet die portugiesische Aussprache gebraucht. Es gibt sehr fromme Leute unter ihnen, und die Spaltung beruht vielleicht zum Theil auf Stadtverhältnissen, Rivalitäten und dergl., doch haben sie den zweiten Feiertag förmlich abgeschafft. In allen Synagogen fand ich bequeme Gallerien für die Frauen; in keiner brauchen sie, wie z. B. in Frankfurta.M., durch Guckkasten- Löcher zu sehen. Unter den jüdischen Notabilitäten, die ich hier kennen lernte, macht David Salomons den wohlthätigsten Eindruck. Sie wissen, daß er die auf ihn gefallene Wahl zum Aldermann von London des damit verbundenen Eides wegen nicht annehmen konnte. Da nun inzwischen durch eine Parlamentsacte den Juden die Municipalämter eröffnet wurden, so wird er wohl demnächst zu der Würde gelangen. Salomons ist ein schöner, schlanker Mann, dem Heidelberger Schlosser nicht unähnlich, sehr freundlich, würdevoll und intelligent. An ihm hat die Bigotterie keine Stütze. Ueber Montefiore find Sie genugsam unterrichtet. Jsaac Lyon Goldsmith macht ein großes Haus, und steht an der Spitze der Reformer; eine seiner Töch-

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