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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-01-11 · Heft 2 (11.1.1846) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 2 (11.1.1846)
Date
1846-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1© nett haben dürften, daß es auch anderswo der Unpracticabcln gebe, die günstige Zeit gekommen, mich Ihnen ohne alle Scheu zu nähern. Ihre Liberalität macht mich übrigens einer gebührenden Nachsicht mit meiner unbehülflichen Diction sicher. — Nun zur Sache! Ich kann von obberegtem Punkte Ihrer, wie ich dessen gewiß bin, unmotivirten Gehässigkeit gegen unsere polnischen Mitbrüder nicht scheiden, ohne Ihnen, geehrter Herr, und mit Ihnen all' den andern unserer deutschen Brüder, die in diesen Fehler so oft verfallen, Einiges dieserwegen zum Bedenken anheim zu geben. Ist die Anfeindung einer ganzen Volksklaffe abseiten einer andern, aus Verschulden einige« Individuen derselben, an und für sich nicht zu rechtfertigen, «Dir in« er»N *)spn myn bo, wie viel weniger wenn dies unter Brüdern, und zudem ohne Grund und Ursache geschiehet!! Was finden Sie denn eigentlich an Ihren polnischen Mitbrüdcrn en müsse auszusetzen? etwa an ihren geistigen oder moralischen Eigenschaften? Gewiß nicht! die geistige Superioritär derselben und ihre moralische Ueberlegenheit sind notorisch, und in Hinblick auf den verwahrlosten Zustand ihrer christlichen Brüder aller Clasftn wirklich bewundernswertb. Die polnischen, »'«sonders die galizischen Juden bilden anerkanntermaßen den Lebensnerv ihres Landes, und wer sich hier ein wenig um--^ X los zu verunglimpfen. Galizien, dieses arme gottvergessene Land, dessen eigene Erwerbsquellen sich fast auf Rull reduciren, dessen Reichthum hauptsächlich in der von Jahr zu Zabr zunehmenden Volkszahl besteht, dessen Einwohnerschaft im Allgemeinen sich auf der hintersten Stufe der Cultur und Civilisation befindet, und unter denselben die unglücklichen, hartgedrückten, verachteten, von jeder Beamtung, jeder Bcdienstung, ja von manchem Gewerbe schmählich ausgeschlossenen Juden, deren Leben ein immerwährender Kampf um das Nöthigste zu . erschwingen , und die beinahe den auf ihnen schwerlastenden Steuern erliegen — was für ein Fond von geistigem Muthe, von moralischer Festigkeit wird da nicht erfordert, um sich fest, kräftig, redlich ^«d unbescholten durchzukämpfen! daß sie aber wirklich diesen Riesenkampf mit Ehren bestehen, wird von ihren ärgsten Feinden zugestanden, und die eigenen Mtbrüder in deutschen Landen, die auf sie mit Stolz (?) Hinweisen sollten, glauben — wahrscheinlich aus untrüglichem Schluffe von den etwa sie heimsuchenden polnischen Bettlern auf die ganze Vvlksklasse — sich berechtiget, sie vor aller Welt herabzusetzen und zu perhorresciren! Und wie, unsere deutschen Brüder, die nach Anerkennung ihrer Rechte mit aller Kraft ringen, die der schmählich vorcnthaltenen Emancipation möglichst Terrain abzugewinnen streben, unsere deutschen Mitbrüder, sag' ich, beanjpruchen Rechte für sich, während sie selbst gegen ihre eigenen Glaubensgenossen so ungerecht sind! Was soll man noch zu den, Ihrer Meinung nach, stigmatisirenden Ausdrücken: polnisches Wesen, polnisches Iudenthum re., was zu der, der Berliner Reformgenossenschaft beliebigen Adressirung ihrer Aufforderung an die deutschen Glaubensgenossen, was endlich zu der bekannten Debatte der Frankfurter Rabbiner - Versammlung über die Aufschrift des von rhnen zu führenden Siegels sagen? Läßt sich wirklich das^ächte unverfälschte Iudenthum, und darauf kömmt'sja^ einzig und allein an — welches übrigens sowohl Hier 'als dort durch viele fremdartige Zuthaten verunstaltet ist/— in vielfältige Nüancirungen zerfasern? — Zwar stehen die polnischen Juden in geistiger Bildung ihren deutschen Brüdern nach, was abzuleugnen ich gar nicht Willens bin, ob dies aber aus eigenem Verschulden sei, wird wohl schwerlich zu beweisen sein. Ueberdies gibt's auch hierzulande der erleuchteten, aufgeklärten Geister, die eine zeitgemäße Reform mit Sehnsucht herbeiwünschen, auch hier glimmt der Goltesfunke unter der Asche, und wird über kurz oder lang in Hellen Flammen auflodern, zur Erleuchtung und Erwärmung, zur Belebung und Erkräftigung! ja, ich behaupte zuversichtlich, wenn Polen, mit seinem lebhaften, kräftigen, raschen, zersetzenden Geiste, sich einst der Reformidee bemächtiget, sie würde in einem Decennium mehr an intensiver Ausdehnung gewinnen, eher in Fleisch und Blut der Masse übergehen, als dies anderswo der Fall ist..— Es wird wohl nicht so lange her sein, daß unsere deutschen Brüder ihre Rabbiner und Seelsorger von daher holten, und da zeigte sich das so verrufene Polen »yeir, weit humaner, und sollte man daher, wenn auch nur aus knapper Erkenntlichkeit, dessen unverschuldetes Zurückbleiben auf der Bahn der Civilisation eher bemitleiden. Ich sage Erkenntlichkeit, denn wenn die polnischen Rabbiner auch, Ihrer etwaigen Meinung nach, den deutschen Gemeinden kein peil brachten, ja wenn sich auch

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