Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1848)
- Date
- 1848-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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auseinander zu setzen hatte, hat von vorn herein den Grundsatz ausgestellt, daß sie nur mit der jüd. Orthodoxie kämpfen und sie bekämpfen, mit den orthodoxen Juden aber den Frieden nicht brechen wolle, d. h., daß sie die jüdische Orthodoxie als ihr feindliches Prinzip, von dem eine Anerkennung ihrer berechtigten Eristenz nie und nimmer zu hoffen ist, zu bestreiten und zn überwinden entschlossen sei, den orthodoxen Juden aber ihr volles Recht, dem orthodoxen Prinzip zu huldigen, zuge stehen und anerkennen wolle und von ihnen ein gleiches Recht und eine gleiche Anerkennung für ihr hetcrorthodores Prinzip in Anspruch nehmen. Das ist die einzige Art, wie der Friede unter Confessionen oder Religionsverwandten bei abweichenden Ueberzeugungen in einzelnen Punkten ungestört erhalten werden kann. Dadurch aber, daß die Genossenschaft zur Aufstellung dieses Grundsatzes auf dem eigenen Grund und Boden die nächste Veranlassung hatte, bat sie zugleich den Weg der Duldung und Anerkennung zwischen verschiedenen Konfessionen angebahnt. Tie Genossenschaft für Reform im Judenthum ist auch ein Verein, der sich die Aufgabe stellt, den scheinbar herrschenden Conflikt zwischen den Forderungen, welche das JuLenthum an seine Bekenner richtet, und denen, die ans einer sittlichen Lebens- und Weltanschauung für sie als Menschen hervorgehen, dadurch zu lösen, daß sie die Ueberzcngnug von dem Nichtvorhandenscin eines solchen Eoufliktö zu befestigen sucht. Sie hat daher auch in ihrem ersten Auftritte es erklärt, einerseits an das JuLenthum festhaltcn, andererm'ls aber ihre Geistcsfrcihcit von den todten Satzungen desselben nicht knechten lassen wollen, und somit nur das Judentbum für sich als ein wahres und berechtigtes anerkennen, dessen Forderungen mir denen, wie sie ans einer sittlich - humanen Lebcnsanschauuug stießen, identisch sind. Was sie hiezu berechtigte, ist eben die geschichtliche Tbatsache, daß das talmudisch orthodoxe, exclusive Judeuthum sich nie und zu keiner Zeit ganz und gar in die Juden cinzulebcn im Stande war, daß die extreme Theorie, daö exclusive Prinzip, wie cs in schriftlichen Denkmalen vorliegt, nie ein volles Eigenthum der Juden gewesen. Hat aber das Prinzip zu allen Zeiten, de» Lcbensforderungen gegenüber auf eine consequente Dnrchfübrnng verzichten müssen, so muß cs sich jetzt in dem Maaße als diese Forderungen an Starke und Umfang gewonnen, eine völlige Unterordnung gefallen lassen, ist um so weniger berechtigt an das Forum der Geschichte zu appelliren, als diese nur von seinen Niederlagen zn erzählen weiß. Die Genossenschaft für Reform im Judeuthum ist endlich ein Verein zur Bekämpfung der indischen Orlbedorie. Wie schon oben angedeutet, kautet die Parole: Krieg der Orthodoxie, Friede den Orthodoxen. Der Friede mit diesen Letzter» ist um so heiliger, als sie mit dem religiösen Bedürfniß zugleich eine religiöse Befriedigung besitzen und schon durch diese formelle Eigenschaft -dir nächsten Verwandten der Genossenschaft sind und beide nur in den Jndifferentisten ihren gemeinschaftlichen Gegner erblicken. Aber mit der Orthodoxie selbst ist der Friede unmöglich, und wäre ein solches Wort im Munde der Genossenschaft eine Heuchelei, da ihr ganzes Bestreben eine Auflehnung, eine Kriegeserklärung gegen die Orthodoxie, das Prinzip, dem sie Anerkennung und Geltung erringen will, eben das Widerspiel, die Vernichtung der Orthodoxie ist. Aber unblutig ist dieser Krieg, da der wirkliche Feind in Fleisch und Blut gar nicht eristirt, da der Krieg nur gegen ein Phantom ohne faktische Realität geführt wird. Wie die Ausgleichung des Eonflikts zwischen der Religion und dem Lebert in dem Nachweis ruhet, daß ein solcher Constikr gar nicht vorhanden sei, so besteht der Kampf gegen die jüd. Orthodoxie gleichfalls in dem Beweis, daß sie gar nicht eristirt, daß diese in den s. g. orthodoxen Juden stch längst überlebt, sie aus ihr sich längst deranögelebt haben. Man scbe nur auf das Leben der orthodox sich nennenden Juden, wie sie auf jeglichem Schritt und Tritt die Ortbodorie verleugnen, vcrrathe», man lese nur ihre zürn Schutz der Orthodoxie herausgegebenen Schriften, wie sie ein der Orthodoxie feindliches Prinzip athmen, wie sie von einem die Orthodoxie deS avonirenden Bewußtsein getragen sind. Jenes ist wahr, die s. g. orthodoxen Juden sind in vielen Fällen i nconsequent, d. h. nachdem sie das orthodoxe Prinzip in tausend Consequenzen abgemattet und entkräftet haben, tragen sie wieder einzelne abgerissene Fetzen desselben zur Schau. Es ist ferner wahr, daß die Schritten der orthodoxen Juden in noch auffallenderer Weise sich solcher lächerlichen Jnconseqnenzen schuldig machen; nachdem sie ans vielen Blättern das reformatorifche Zeit-