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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-12-28 · Heft 52 (28.12.1845) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 52 (28.12.1845)
Date
1845-12-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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431 Schriften ist der Verfasser auf Juden nicht gut sprechen, und [ selbst die hinzugekommene Taufe scheint auf sein Urtheil oder Vorurthcil keinen Einfluß zu haben, welches letzte sich aus seinem humanistischen Standpunkte nun erklärt. In seiner Brochüre geschieht der Juden zwar nicht Erwähnung, und wir glauben nicht einmal, daß er bei der Stelle, welche wir hier ausheben, an sie viel gedacht hat, allein sie gehört nichts desto weniger als bezeichnend hierher, „Es ist unbestreitbar, daß die Religions- und Glaubensfreiheit, wie cs mehrere Verfassungen der nordamcrikanischen Provinzen ausdrücklich anerkennen, ein heilig zu achtendes Menschenrecht ist, aber daraus folgt nicht, daß bei einer freien Staatsordnung sich die Menschen nicht zum Besten des bürgerlichen Gemeinwesens ihrer menschlichen Ansprüche und deren äußersten Consequcnzen begeben dürften; und mehrere Provinzen selbst in fener Demokratie, die außerhalb unserer europäischen Lage gestellt, ganz andere Verhältnisse haben darf als wir, haben bereits die Nothwendigkeit erkannt, ihre staatliche Anerkennung auf die christliche Bevölkerung, ja ihren Schutz auf eine besondere christliche Confession zu beschränken," S. 71. Der Verfasser hat anzuführen vergessen, daß die Verfassungen, irren wir nicht, derselben nordamcrikanischen Provinzen auch die persönliche Freiheit als „ein heilig zu achtendes Menschenrecht" anerkennen, da aber daraus nicht folgt, „daß bei einer freien Staatsordnung sich die Menschen nicht zum Besten des bürgerlichen Gemeinwesens ihrer menschlichen Ansprüche und deren äußersten Consequenzcn begeben dürften," zugleich daneben die Sclaverei anerkennen. Diese Provinzen hatten sich wahrscheinlich wie der Verfasser S. 71, „die Frage, um die es sich in dieser Beziehung handelte," gestellt, ob sic „den staatauflösenden humanistischen Principien, die die Welt allerdings bewegen und die entferntere Zukunft wohl für sich haben werden, schon jetzt nachgeben wollen, oder ob sie die staatsbilvenden Tendenzen pflegen wollen, um für sich und ihr Volksthum zu leben, ob sie kosmopolitisch oder politisch werden wollen," und haben sich solche wieder mit dem Verfasser dahin beantwortet, „wenn das Letztere, so ist keine Wahl." Um den Verfasser gegen den Vorwurf zu schützen, als wenn er den humanistischen Prinzipien, zu welchen er sich doch mit allen Gebildeten unseres Vaterlandes bekennen will, einen staatauflösenden Charakter beilegte, bemerken wir, daß er hierunter die extremen Richtungen der Neuzeit versteht, welchen er, um es wahrscheinlich mit denen nicht zu verderben, die sie verfolgen, die Zukunft freigebig Preis gibt. Ist aber die Glaubens- und Gewissensfreiheit Ausfluß dieser afterhumanistischen, oder der ächthumanistischcn Prinzipien der Lessing und Herder? Und wenn sie letztes, wie nicht zu bestreiten, sind, wie durfte der Verfasser ihnen untreu werden? meint er durch Wortstellungen und Wortspiele irre zu machen, so hätte die, wie er versichert, so allgemein verbreitete Bildung und Einsicht ihn von diesem Versuche abbringen sollen. Er hat aber auch den Grundsatz der Duldung etwas früh verläugnet, wenn er die „ Nothwendigkeit, die staatliche Anerkennung auf die christliche Bevölkerung, ja, den Schutz auf eine besondere christliche Confessivn zu beschränken," jetzt schon in Aussicht stellt, oder doch in Erinnerung bringt, wodurch er sich vaS Ansehen gibt als hätte er nichts dagegen, wenn den Deutsch - Katholiken im Vaterlande ausschließlich staatliche Anerkennung und Schutz zu Theil würde; dieser vermeintlich höheren Politik das Wort zu reden ist selbst unpolitisch in gewöhnlicher Bedeutung. Man werfe uns nicht, wie so vielen unserer Glaubensgenossen mir Recht, den einseitig jüdischen Standpunkt vor; wir kennen und erkennen die Verdienste des Verfassers um die vaterländische Literatur, wir wissen selbst an der vorliegenden Brochüre die tüchtige Gesinnung, die richtige Würdigung mannigfacher Verhältnisse, den im allgemeinen unbefangenen Blick zu würdigen, und es schmerzt uns mehr noch als es uns ärgert, wenn wir sehen, daß unsere hervorragendsten Geister sich zu einer ganz ungetrübten Weltanschauung nicht zu erheben im Stande find. Wir sind weit entfernt die Juden immer en beau zu malen, davon gaben diese Blätter Zeugniß; gerade aber weil wir überzeugt sind, daß sie ihre unsäglichen Leiden und unendlichen Drangsale, ihre unglückliche und verkehrte Stellung im Staate und Leben großentheils dem Particularismus zuzuschreiben haben, den sie Jahrhunderte lang eigensinnig festgehalten, weil wir wollen, daß sie diesen endlich ganz abstrcifen, fühlen wir uns aufgcforvert der Ausschließlichkeit entgegenzutreten, wo sie sich ihnen hindernd in den Weg stellen will, und können dies hier um so freier, als wir zugleich ein unantastbares, heiliges Recht der Menschheit im Geiste der ächten Humanität, im richtig verstandenen Interesse unseres Vaterlandes, und im Sinne der wahren Politik, welche von der Moral nicht so verschieden ist als man gewöhnlich annimmt, zu vertheivigcn uns bewußt find. Den Verfasser wollen wir schließlich noch darauf Hinweisen, daß, wenn nur die erste Reformation eine religiöse, die zweite des vorigen Jahrhunderts aber eine wissenschaftlich-literarische gewesen, und letzte den Luftkreis bildet, aus welchem das heutige gebildete Deutschland den Lebensodem schöpft, dieses auch aufgehört hat, geistig in Religionen und Consessionen zu zerfallen; Christen wie Juden, Katholiken und Protestanten haben denselben Läuterungsproceß gleichmäßig durchgemacht, und harren nun vereint am Eingänge einer neuen Zeit.

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