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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-12-21 · Heft 51 (21.12.1845) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 51 (21.12.1845)
Date
1845-12-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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415 werfen würden. Daher haben sie den Rabbiner Schott, welcher doch die gleiche Heldenthat des Ausscheidens verrichtet, unberücksichtigt gelassen; denn er kann nicht schreiben, während Frankel eine Zeitschrift herausgibt und in persönlichen Verdächtigungen sehr geübt ist. So haben auch unsere hiesigen Orthodoren einem vor Kurzem hier durchgereisten Judenmissiouär wegen seiner Auslassungen gegen den Rabbiner Dr. Geiger und die jüdischen Reformatoren überhaupt nicht nur auf die freundschaftlichste Weise zu sich geladen und ihn mit Wohlthaten überhäuft, sondern die Wortführer derselben haben ihm auch Empfehlungsschreiben mitgegeben. Der Herr Missionär sprach sich zwar unverholeu dahin aus, daß er und Consorten die Bekehrung der Juden zum Katholizismus betreibe und daher auch die jüdischen Reformen bekämpfe; aber das schadete bei unfern Orthodoren nicht; als Verleumder des Hrn. vr. Geiger griffen sie ihn sofort auf und kümmerten sich um dessen weitere Bestrebungen nicht. Auf gleiche Weise beadressirten sie auch den vr. Frankel, obgleich ihnen feine gemäßigtem Reformvorschläge nicht minder verhaßt find. Als im vorigen Jahre das Col-Nidre abgeschafft werden sollte, welchen Lärm gab es da nicht im Heere der Orthodoxen! jetzt, da auch Frankel dieses Stück entfernt hat, werden sie ihm folgen? Nimmermehr! Sie werden ihm dies nur verzeihen, werden keine Notiz dav«,nehmen, um ihn »wch ferner zum Werkzeuge gebrauchen zu können. Daß dieselben Motive auch den Adressen der oberschlesischen Rabbiner, der Frankfurter und der andern Orthodoren zum Grunde lagen, kann nicht bezweifelt werden, und es ist daher wahrhaft lächerlich, wenn Hr. Frankel seine kindische Freude über diese Adressen ostentirt, als wenn er nicht wüßte, daß sie nicht ihm gelten! Wie sehr übrigens unter den hiesigen Orthodoren, den angeblichen Anhängern des vr. Frankel, der gräßlichste Aberglaube noch zu Hause ist, beweist das mit aller Gewißheit von denselben gebildete Gerücht, daß das unbeschnittene Knäblein in Folge der Nichtbeschneidung gestorben wäre, indem sich ihm gerade an der pruecutis eine Pestbeule gebildet hätte. Dieses Gerücht verbreitete sich namentlich am Versöhnungstage, von welchem die orthodoren Wunderseher erwarteten, daß er die alten Wunder wieder erneuen werde. Eine hierauf von dem Vater des Knäbleins in die hiesigen Zeitungen einzerückte Annonce von dem ungeschwächten Wohlsein seines unbeschnittenen Kindes machte freilich unsere Wundergläubigen stutzen, ohne daß sie jedoch die Hoffnung eines baldigen göttlichen Einschreitens aufgegeben. Wie mag wohl der fromme Oberrabbiner vr. Frankel über die kindliche Gläubigkeit seiner Bundesgenossen sich freuen! Jüdische Zustände. (H a m b u r g.) — Ueber die hiesigen Zustände kann ich Ihnen heute nicht viel Interessantes sagen. Es bleibt beim Alten: In der Synagoge wird viel geschrieen, in dem Tempel viel gepredigt, unser Chacham bleibt seiner — unsre Prediger ihrer Methode treu, beide Richtungen haben ihre Anhänger, ihre Verfechter — das gehet so lange wie es gehet, sagt Nathan, und wir sagen dasselbe. Uebrigens wächst die Tempelgemeinve alljährlich, wovon man sich an den nun abgelaufenen hohen Festen überzeugen konnte; in dem großen, wahrhaft schönen Gebäude war kein Raum mehr übrig; der gottesdienstliche Sinn hat bedeutenv zugenommen, denn so oft die Pforten aufgestanden, immer war das Gotteshaus besucht, Nota Bene so oft gepredigt wurde. Der Abendgottesdienst stehet leider! verwaist da! Beim Frühgottesdienst sieht man nur Einzelne beten. Das Mussaphgebet wird nur von den — Leidtragenden mit angehört, die am Ende des Gottesdienstes das Kaddisch recitiren wollen. Warum bei diesen Umständen mit den Gebeten keine Abkürzung vorgenommen wird; warum man die störenden und zum Erbauen schlechterdings nicht geeigneten Elemente aus den Gebeten nicht scheidet und, nach dem Grundsatz d er Alten: „Besser Wenig mit Andacht, als Biel ohne Andacht" zur Erweckung und Erhöhung der Andacht durchaus nichts geschieht, ist mir unbegreiflich. Vielleicht wird es besser, wenn die projectirte Cultus-Commission erst ins Leben getreten sein wird. Begierig bin ich, ob die von der Rabbiner - Versammlung ausgehenden liturgischen Verbesserungen auch von der Tempelgemeinde angenommen, mindestens berückstchrigt werden wird. Ich glaub' es kaum, da die Gemeinde — wie sich das erst neulich der Berliner Genossenschaft gegenüber kund gegeben hat — in der That ihr Gebetbuch für das von plus ultru aller Gebetbücher zu halten scheint. Die Prediger selbst scheinen sehr unter der Gemeinde zu stehen, und es kommt mir vor, als wiederhole sich auch hier die uralte Erscheinung, daß die Heerde — den Hirten zu weiden sich herausnimmt. Da ist denn freilich an keinen Fortschritt zu denken, oder eigentlich, keine Fortbildung zu erwirken. Es wäre nämlich sehr traurig, wenn das Institut, das bis jetzt so vielen Gemeinden nicht nur in Deutschland, sondern sogar in Amerika zum Vorbilde gedient, dermaßen in den Hintergrund treten sollte, daß sein ganzes Verdienst in nichts anderm bestände, als die große Zahl der etwas aufgeputzten Synagogen um eine vermehrt zu haben. In der geistig-sittlichen Welt darf die Mutter sich nie und nimmer von den Töchtern überstreben lassen. Hätte das Judenthum diesen Grundsatz zu allen Zeiten festgehalten, o, es stänve besser um Juden und Judenthum. c

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