Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1845)
- Date
- 1845-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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41« M i s c e l l e n. Die „Times" brachte kürzlich folgenden Artikel: „Hätte man noch vor wenigen Jahren gefragt, was kommt dem Chimborasso an Dauer, was dem Felsen an Unbiegsamkeit gleich, man hätte geantwortet: „der alte Glaube des Zudenthums!" jetzt lautet die Antwort anders. Das alte Volk, welches die Barbarei des Mittelalters passirte, ohne ein Zota von den überlieferten Satzungen der Väter aufzugeben, die ihnen nur diese, aber keine Ruthe Land zu bebauen überliefertenin dieselben Juden ist ein Geist der Reform gefahren, die jetzt auch alle andere Religionsbekenner beschäftigt. Vor kurzem ist hier ein „hoher Priester" *) eingesetzt worden, dem die diesseitigen Juden die höchste Gewalt in geistlichen Dingen übertragen haben, aber wir fragen, ist die Autorität des neuen Hirten auch so allgemein anerkannt, wie es die seines Vorgängers war? Die eine Hälfte der Judenheit auf unserer Insel hält sich nicht mehr den Satzungen verbunden, welche den zerstreuten Stamm durch die ganze Geschichte hindurch mit einem Bande der Besonderheit umschloß. Sie hat sich vom Lande der Verheißung losgesagt und ist erfreut ob dem neuen Vaterlande. Religiöse Bräuche, durch ein hohes Altcrthum ehrwürdig geworden, und gewissenhaft beobachtet, wie das mosaische religiöse Gesetz selber, werden jetzt als Aberglaube aufgegcben und für nutzlos gehalten. Früher hielt sich der Jude für keinen Juden, wenn er sein Gebet nicht in der hebräischen Sprache verrichtete. Diese Meinung ist geschwunden. Unsere Mundart wurde in ihren Cultus eingeführt (dies wird erst der Fall sein, wenn die Burton-Street-Synagoge sich nicht fangen läßt). Aber noch größere Wälle haben die frü¬ *) Wir wollen diese Verwechslung Jerusalems mit London, Aarons mit Herrn Dr. Adler dem Redakteur pasfiren lassen. (Corresp.) her Unbeugsamen übersprungen. Wohin zielt dies? Wir können darauf nicht antworten, obgleich uns die Schrift zu Conjekturen hierüber führt. (In Betreff dieses Punktes irrt sich der Redakteur gar sehr!) Dies Urtheil, natürlich von einem unpartheiischen Nichtjuden ausgesprochen, zeigt, wie wenig sich der neue streng conservative Rabbiner für Großbritanien paßt, wo den Juden ebenso nothwendig ein bestimmter mit Bildung unv Leben nicht collidirender Glaubensinhalt gegeben werden muß als ip Deutschland. In Paris besteht ein Büreau de bienfaisance, welches einem jeden armen Kinde bei seiner Communion die Summe von 20 Fr. verwilligt. Bis jetzt waren jüdische arme Kinder von dieser Wohlthat ausgeschlossen. Auf den Vorschlag eines Einzigen seiner Mitglieder hat das Büreau einmüthig beschlossen, daß fernerhin auch unsere arme Schuljugend bei ihrer Einsegnung dieser Summe theilhaftig werden soll. — Herr Halphen ein stanz. Glaubengenosse, wurde zum juge suppleant am hiesigen Handels - Tribunal ernannt. — Die Juden zu Lille haben in der Synagoge eine Orgel eingeführt. Der Oberrabbiner in Paris hat darüber seine Mißbilligung in einem Briefe an die betreffende Gemeinde zu erkennen gegeben; diese ließ das großrabbinische Schreiben mit einem bittern Commentar durch die Presse veröffentlichen, und erbaut sich noch sofort in ihrem von der Orgel begleiteten zeitgemäßen Gottesdienste. In Straßburg geht man mit einem ähnlichen Plane um, und sammelt fleißig Stimmen für seine Realifirung. — Es bildet sich hier eine Gesellschaft, welche sich die große Aufgabe gestellt, den Juden in den Landen, wo sie der bürgerlichen Gleichheit noch verlustig gehen, zur Emancipation mit allen Kräften zu verhelfen. . Literatur - Blatt zum Israeliten des 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von Dr. M. Heß. Von Neujahr 1846 an erscheint unter Mitwirkung der namhaftesten jüdischen Theologen, als Geiger, Holdheim, Herzfeld, Wechsler, Maier, Rebenstein, Auerbach, Herxheiwer, Adler, Einhorn u. m. A., wöchentlich ein Literatur-Blatt zum Israeliten des 19. Jahrhunderts. Dasselbe soll ein Organ für die höhere Wissenschaft des Zudeuthums bilden; es wird Recensionen, Abhandlungen und literar. Aphorismen enthalten, und sich dadurch auszeichnen, daß es das einzige gelehrte Organ sein wird, welches dem wirklichen Fortschritte huldigt und den Reformbestrebungen durch die Wissenschaft einen Anlehnungspunkt verschafft. Indem sich die meisten Mitglieder der Rabbiner-Versammlung als Mitarbeiter angeschlossen haben, wixd die Bedeutung des Blattes nur gehoben, und kann solches in so fern gewissermaßen als deren Organ angesehen werden. In Betreff der Preise ist Folgendes festgesetzt: das Literarur-Blatt, welches nicht ohne den Israeliten abgegeben wird, kostet inet, desselben 5 Thlr. oder 8 fl. 45 kr. jährlich; der Israelit allein, wie bisher 3 Thlr. oder 5 fl. 15 kr. jährlich. Verlag der I. C. Her mann'scheu Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.