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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-12-21 · Heft 51 (21.12.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 51 (21.12.1845)
Date
1845-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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4L4 die Stelle einer allein seligmachenden, eine allein deutsch machende Kirche gesetzt sehen, freilich nicht durch gewaltsame Mittel. Allein würden diese ausbleiben? Würde sein oberster „Grundsatz der Duldung, der Verträglichkeit und Anerkennung^ fortwährend, oder nur nach seiner Andeutung, S. 10, wie bei andren „Religionsunv Sektenstiftern für den Anfang" zur Anwendung kommen? Seine eigenen Aeußerungen lassen, wie wir unten zeigen werden, daran zweiflen. Nach den öffentlichen Blättern soll die russische Negierung in solch hoher politischer Ansicht ihre polnischen und deutschen Provinzen zum Vortheile der griechisch - katholischen Kirche bearbeiten lassen; der Verfasser könnte dem seine Billigung nicht versagen. Doch er bekennt sich auch, wie wir bereits bemerkt haben, zu einem andern höchsten Prinzipe, zu dem „der geistigen Freiheit und Mündigkeit," und wir wollen sehen, wie er dieses begreift, und ob er ihm treu bleibt. „Wir haben," sagt der Verfasser, S. 32, 33, „keine Perioden in unserer neuern deutschen Geschichte, als die religiöse der Neformationszeit, unv die wissenschaftlich - literarische des vorigen Jahrhunderts. Diese zweite Periode hat, wie es in der Natur jeder reichen Entwicklung liegt, außer ihrem eigenen Werke der Schöpfung von Kunst und Wissenschaft aller Art, auch das religiöse Werk der Reformation neu ausgenommen und in einem purgatorischen Kampfe geläutert. Es wandte sich der protestantische Geist in Luthers Sinne gegen Luthers eignes Wort, und es haben uns die Lessing und Herder auf einen Hellern, freien Standort des religiösen Lebens geführt, auf dem zu weilen für uns gut ist. Dieß sind in der That die Reformatoren dieser heutigen Reformation; dieß sind die großen Männer, die man vermisse, und die in den Tiefen ihres Geistes jenes Leben vorgelebt haben, das die Nation nachzuleben seitdem nicht unterlassen hat. Lessing schrieb seinen Nathan und starb: ihm war es nicht vergönnt, im unmittelbaren Kampfe weiter zu wirken; Herder aber vollendete sein theologisches System in den 90er Jahren, als die großen weltlichen Ereignisse in Europa den Neligionsinteressen keinen Raum ließen; und seine Schule artete aus in dem Gedränge zwischen französischem Atheismus und deutscher Romantik, zwischen dem Verfall des deutschen Lebens und dem kriegerischen Getöse des Zeitalters, so wie auch diese jetzige Regung, wenn eine kriegerische Krise sie überfallen sollte, schleunig ausarten würde. So gestatteten die Zeitverhältnisse nicht einen unmittelbaren Einfluß jener Männer auf die Masse des Volks, aber dafür haben die großen und größeren Zeitgenossen ihren Standort Alle getheilt. Es haben sich die Göthe und Schiller, die Voß und Jean Paul, die Winkelmann unv Wieland, die Förster unv Lichtenberg Alle der Schranken des dogmatischen Ehristenthums entledigt; ihrem Beispiele ist in dem gebildeten Theile der Nation jeder nach seinem Vermögen nachgefolgt; sie und ihr Beispiel verdammen und verwerfen, heißt diese Nachfolger zu dem Worte jenes Normannen reizen, der lieber mit seinen rüstigen Kampfgenossen in der Hölle, als mit den Mönchen die ihn bekehrten im Himmel sein wollte. Auf dem Standpunkte dieser Männer stehen wir durchschnittlich betrachtet noch immer, und es kommen die kleinen Fluctuationen der Restaurationszeit und der theologischen Doctrinen gegen den ganzen Strich der Sitte und der Geistesbildung der Nation nicht in Betracht." Welcher aber, fragen wir, war der Standpunkt dieser Männer, war er was man einen christlichen nennt, oder war er ein humanistischer? Lessing, der Dichter des Nathan, Herder, der Philosoph der Menschheit, Göthe, der große Heide, Schiller der Evangelist reinmenschlicher Gesittung, auf welchem kirchlichen Boden haben sie gestanden? Wir find zwar daran gewöhnt, von christlichen Theologen, protestantischen zumal, allen menschlichen Tugenden die Benennung christliche beigelegt, den Stammbaum des Seelenadels gleichsam von Christi Geburt datirt, und die vorhergegangenen unzähligen Geschlechter der Menschen als aller höheren Eigenschaften baar dargestellt zu sehen. Allein der Verfasser, welcher sich so viel auf seine Geschichtskunde zu gut thut, kann diese Ansicht nicht theilen, und theilt sie wirklich nicht; er bekennt sich offen zum religiösen Standpunkte der Lessing und Göthe.— Hier müssen wir uns eine Abschweifung erlauben, um dahin zu gelangen, wo eigentlich die Broschüre zur Besprechung in diesen Blättern Veranlassung bietet. (Schluß folgt.) /ranket und seine Partei. (Von der Oder, im Nov.) — Unsere Zeit ist eine Zeit der Demostrationen und Adressen. Auch innerhalb des Judenthums find in der letzten Zeit verschiedene Adressen versendet worden; einige derselben waren an die Rabbinerversammlung gerichtet, die andern an ihren Gegner, den Obcrrabbiner Dr. Frankel. Während aber die ersteren weniger den Persönlichkeiten der Rabbinerversammlung, als dem von dieser vertretenen Fortschritt überhaupt gegolten, waren die letzteren meist nur persönlich, sie galten nicht dem von Frankel festgehaltenen Systeme, sondern seinem Akte der Ausscheidung aus der Rabbinerversammlung: sie waren aber auch nicht eine Demonstration gegen die Rabbinerversammlung, sondern nur gegen die betreffenden einzelnen Rabbiner aus derselben. Hrn. Frankel wollten die Adressanten nur als künftiges Werkzeug gewinnen, das sie nach geleisteten Diensten wieder ver-

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