Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1845)
- Date
- 1845-12-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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413 Reform - Bewegung im Katholicismus anzuknüpfen scheine, unv angedeutet, daß der Jude auf solche Weise seinen Glaubensgenossen Verlegenheiten und Nachtheile bereiten dürfte (Nr. 23 d. I.) Der achtbare Verfasser entgegnete (Nr. 27 d. I.), die Brochüre sei älter als die jüdischen Reform-Bewegungen zu Berlin und Breslau und habe blos die deutschen Juren ermahnt, von den Männern, die in den deutsch - katholischen Gemeinden an die Spitze treten, ein Beispiel zu nehmen, und sich mit der Befteiung ihrer selbst aus den Banden des Rabbinismus nicht zu begnügen, sondern auch für die Befteiung ihrer Glaubensgenossen im allgemeinen aus denselben zu sorgen. Nur zu bald aber sollte unsere Voraussicht ihre Rechtfertigung, unsere Befürchtung ihre Verwirklichung finden; der zu Würzburg erscheinende Religions- und Kirchenfteund nahm von der Brochüre und insbesondere von jener Anknüpfung Veranlassung zu einem heftigen Ausfälle gegen Juden und Judenthum überhaupt (Nr. 40 d. I.), mit dem es in Breslau nichts auf sich haben, der aber in Würzburg weniger gleichgültig sein dürfte. Wenn wir demungeachtet der Schrift: „Die Mission der Deutsch - Katholiken" von Gervinus in diesen Blättern Erwähnung thun, so kann es deshalb ohne Jnconsequenz unserseits geschehen, weil sie diese Mission nicht vom kirchlichen Gesichts - und Standpunkte aus aufgefaßt und beurtheilt, sondern als eine Erscheinung angesehen wissen will, „die auf dem Impulse der wirksamsten Triebkraft der Zeit ruht und die von der ganz instinktiven Regung einer größer» Masse getragen wird," S. 8, als eine Bewegung, welche anstrebt, die „Constituirung einer Kirchenverfaffung, wie sie einzig der Zeit gemäß ist, mit dem großen Grundsatz der Duldung, der Verträglichkeit und Anerkennung, der geistigen Freiheit und Mündigkeit, und in diesem Punkte den ächten Geist der Zeit, der in Wahrheit kein anderer als der Geist Gottes ist, getroffen hat," S. 10, 11. Nach dem Verfasser wäre der Deutsch - Katholiken, ihnen selbst nicht bewußte oder nicht klare Mission, „die bestehenden Confessioncn der christlichen Kirche (Deutschlands) in Eine große, christlich - nationelle Gemeinschaft zu vereinigen," S. 10, noch eigentlicher soll diese Reformation nach dreien Jahrhunderten den Riß ausgleichen, welchen die Luthers, wenn auch ohne ihre Schuld, S. 50, in die deutsche Nationaleinheit gebracht hat. Der Verfasser täuscht sich über die Schwierigkeit der Ausführung keineswegs, und hat wohl selbst nichts dagegen, wenn man von ihm sagt, was er von Leibnitz: „er sah nichts Widersinniges oder Unmögliches darin, daß diese große Umgestaltung der Welt schon früher hätte erreicht werden können, wenn die Päpste sich nur mit den Concilien hätten in Eintracht halten wollen und so das Schisma verhindert hätten, und wenn noch einige andere Wenn dieser Art in Erfüllung gegangen wären, die Friedrich II. mit ironischer Welterfahrung „Bagatellen" nannte, als ihm S. Pierre die Verwa.- lichung seiner Träume vom ewigen Frieden an ähnliche Bedingungen knüpfte, S. 52, 53. Bleibt ihm das Verdienst, daß er mit vielem Scharfsinn und richtigem Geschichtstakt die vaterländische und politische Seite hervorhebt, so können wir jedoch nicht loben, daß es auf Kosten seiner eigenen Ueberzeugung geschieht, daß er zwar die Saite, welche im Volke so gewaltig nachklingt, als die humanistische nachweist, an derselben aber einen national-politischen Dämpfer anbringen zu müssen glaubt. Wir gehören nicht zu denen welche sagen, ubi bene, ibi pntria; unS fließt die Liebe zum Vaterlande aus derselben Quelle wie die zur Familie, sie ist uns vorzügliche Grundlage der socialen Einrichtungen unv Ansichten; wir begreifen auch, daß in gewissem Sinne Religion als Theil der Politik angesehen werden mag, wie Napoleon, z. B., in seiner egpptischen Reise-Bibliothek nach Sa Vary s Angabe in dessen Memoiren Bibel und Koran unter die Rubrik: Politik rangirte. Allein wir vermögen letzteres nur als Thatsache, als Erfahrungssatz, als Schlußfolgerung zu toleriren, nicht aber als Princip anzuerkennen. und wo es uns gar als System entgegentritt, was beim Verfasser keineswegs geschieht, eckelt es uns wie Lüge und Tauschungsmitiel an. Auch die Vaterlandsliebe hat ihre Grenzen; wie es ein öffentliches und ein internationales Recht gibt, gibt es eine öffenkliche und eine internationale Moral, deren neutrales Gebiet unter keinem Vorwände verletzt werden darf. Auf diesem Gebiete wurzelt die Gewissensfreiheit, und jede Beeinträchtigung derselben ist eine Verletzung der öffentlichen Moral, für die wir keine Entschuldigung, geschweige eine Rechtfertigung gestatten können. Und unter Gewissensfreiheit verstehen wir nicht das Recht in unserm Inneren zu glauben, was wir wollen, das uns freilich niemand entziehen kann, sondern die Bcfugniß uns auch nach Außen zu jedem Glauben zu bekenyen, ohne daß uns daraus ein gesetzlicher Nachtheil erwachse. Wenn wir dem Verfasser zum Vorwurf machen, daß er der Politik zu großen Spielraum gönne, so nehmen wir dieses Wort in zwiefacher, in höherer und niederer Bedeutung, in erster fällt es mir seinen Rücksichten aufvaterländische Interessen zusammen. Nur wer die Religion als blos menschliches Institut betrachtet, kann heute noch von einer Sraatsreligion reden, d. h., die Religion dem Staats Organismus als eigene Institution anpaffen; im christlichen Mittelalter war der Staat eine Institution der Kirche. Die verschiedenen christlichen Kirchen sind zwar derselben Wurzel entwachsen, sie find aber in verschiedener Ausbildung auf unsere Zeit gekommen, jede hat eine mehrhundertjährige Specialgeschichte, und das ineinander greifende Geräder des gläubigen Lebens gestattet nur eine immer gefahrvolle Ausschneivung. Der Verfasser möchte an