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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-12-14 · Heft 50 (14.12.1845) · page 10

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 50 (14.12.1845)
Date
1845-12-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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SS die Behauptungen der M. ruhen und wie man zu denselben gekommen ist, fahre ich fort: „Es mußte aber dabei auch geschieden werden, die wirkliche, von unbefangenem Standpunkte objektiv erkannte Meinung der M. von der, welche die Gemara ihr unterlegt' und es bedurfte da ebensowohl des Nachweises, daß die gegebene Erklärung in Wahrheit der Absicht der M. entspricht, wie dessen, was die Gem. daraus gemacht hat. Hierdurch erhielten diese Anmerkungen auch .den Charakter, die weitere geschichtliche Entwicklung der Ansichten im Verlaufe des Iudenthums darzustellen, aber blos insofern, als durch diese Fortbildung und Umwandlung dir Erklärung der M. selbst influirt ward. Bei der Nachweisung der Mißverständnisse, welche der Gem. aus dem Streben entsprangen, die M. ganz in ihrem Sinne reden zu lassen, mußte auch auf den Unterschied aufmerksam gemacht werden, welcher auch hier wieder zwischen der fer. und der bab. G. sich zeigt, indem auch in sachlicher Auffassung jene sich dem alten Standpunkt enger anschmiegt als diese, nicht aus klarer objektiver Erkenntnis, sondern weil in ihrer Gegend die Entwicklung keine so selbstständige war und daher der eigne Standpunkt mehr der alte blieb. So bieten denn die Anmerkungen zugleich Einleitendes in die Geschichte der Mischnah - Erklärung. Wer nun von der wissenschaftlichen Behandlung alter Werke, reren einzelne Thelle aus verschiedenen Zeiten herrühreu, keinen Begriff hat, wer an jener flachen und vulgären Methode festhält, ohne geschichtliche Sonderung sich Alles durcheinander würfeln zu lassen, wer ohne alle Ahnung von Kritik die verschiedenen Zeiten bunt und wirr durcheinander reden läßt, wie etwa der Ree. meiner „Lesestücke" im Orient, der muß natürlich durch dieses neue Verfahren einer selbstständigen Mischnah - Erklärung ganz verblüfft werden, und sein unwiffen'chaftlich - unkritisches Bewußtsein geräth in Allarm. Wie, fragt er sich, ist wirklich der Verf. verständiger als die Erklärer aller Jahrhunderte, die in naivem Glauben verharrten, die Mischnah meine nichts Anderes, als was die G. sie sagen läßt? Und wer mit diesem gemeinen Raisonnement noch das Bestreben verbindet, mit hochtönenden Phasen zu prunken und das unkundige Publikum in ein gewaltiges Staunen vor der stupenden Gelehrsamkeit zu verletzen, der malt dann, wie es derselbe Rec. thut, die Jahrhunderte lange Thätigkcit berühmter Rabbinen aus, spricht von „kairucinschen Schulen", das will sagen, von den Arbeiten des Chenanel und Nusfim Ben Jakob, die er natürlich nicht kennt, von den „kritischen Toßafothschulen, dem tiefen Nachmanives, dem klaren Addercth u. s. w. u. s. w.", Phrasen, Nichts als Phrasen. Als wenn jene Männer, welche ganz und gar in der Richtung der Gemara aufgingen, trotz ihren sonstigen Geistesfähigkeiten, nur im Geringsten auf den Gedanken hätten kommen können, dieser Richtung entgegenzutreten, sich über sie zu erheben! Dabei hatten alle diese Männer niemals den Zweck, Commentare zur Mischnah zu schreiben, sondern sie gingen auf das praktische halachische Resultat aus, als welches für sie der Schluß der Gem. galt, so daß selbst eine Abweichung der M., wenn sie eine solche auch gefunden hätten, bedeutungslos gewesen wäre. Ja, selbst diejenigen, welche wirklich Commentare schrieben, wo sie entweder die Mischnah auch, wie Raschi, oder dieselbe ausschließlich, wie Maimonides, Bartinora, Lippman Heller u. A. erklärten, hatten immer die Absicht, die M. so zuzubereiten, daß man die spätem Resultate darin kurz mit aufnehmen konnte, und diesem Zwecke, nicht einem strengen, an den Inhalt der M. sich haltenden Verständnisse sollte ihr Commentar dienen. So hat Raschi sehr häufig die M. so erklärt, wie die G. sie Anfangs auffaßt, während derselbe später von der anfänglichen Erklärung adweicht; Raschi behält zur M. diese vorläufige Meinung (den "l"Dp) bei, damit der Gang der gemaristischen Discussion dadurch um so verständlicher werde, also er erklärt die M. nach einer von ihm selbst als irrig verworfenen Meinung, weil es ihm eben nicht um eine abschließende Erklärung derselben, sondern blos um eine Einleitung, eine Grundlage zur Verhandlung der G. zu thun ist. Hingegen Maimonides und Bartinora haben mit ihren Commentaren den Zweck, an diesen kurzen Leitfaden, welchen die M. ihnen darbietet, das Wichtigste der spätem Resultate anzuknüpfen, denen Heller sich ergänzend und discutirend anschließt. Also der Zweck aller frühem Arbeiten war auf ein eigentliches Eingehen in den selbstständigen Sinn der M. durchaus nicht gerichtet, und sich auf sie berufen, um die Selbstständigkeit der M. zu bekämpfen, heißt eben der Kritik ganz baar und ledig sein. Was der Rec. von Kritik versteht, beweist er eben, indem er den „Toßafothschulen" dieselbe als Prädikat beilegt; die kritischen Toßafothschulen, welch ein prächtiger, auf Stelzen einhergehender Ausdruck! Wenn nur etwas dahinter wäre! Allein jene französischen Rabbinen, deren Kraft darin bestand. Widersprüche in verschiedenen Talmudstellen aufzufinden und sie bongre malgre zu vereinigen, übten wahrlich nicht das Geschäft einer wissenschaftlichen, historischen, auf die Entstehung des Widerspruches eingehenden und ihn dadurch lösenden Kritik. Wenn das Verfahren der Thoßafisten ein kritisches genannt werden soll, dann wären auch die Männer, welche „herbe Rambam's" ausfindig machten und mit allen Arten luftspringerischen Scharfsinnes zusammenleierten, ausgezeichnete Kritiker! Man braucht übrigens nur den Commentar zur Bibel von dem Thoßafoth, wie er in den Werken D’JpT njn (Livorno 1783) und D’JpT vn vorliegt, anzusehn, um den kritischen Geist derselben kennen zu lernen, und in der Bibelerklärung hatten sie schon vielfache Muster einer nüchternen Auffassung vor sich! Dennoch sind sie ganz in die talmudischen Ausdeutungen vertieft, hängen sich an riD’n Win und nixnüDVl, und der natürliche Sinn kommt bei ihnen niemals zu Worte. Ein flüchtiger Blick auf diese Werke genügt, um diesen Geist bannen zu lernen, und selbst die klaren Erklärungen Raschi's, Samuel's ben Meier, Josef Kara's u. A., dienen ihnen zu Grundlagen für ausschweifende Deutungen. *) *) Bei aller Liebe, mit welcher Zunz in seinem neuesten Werke: „Zur Geschichte und Literatur" sich in die Arbeiten der Thoßafisten versenkt, muß sein nüchterner Sinn doch in dieses Urtheil einstimmen, vergl. das. S. 199. Daß z. B. dem Comentator Jehudah B. Elieser selbst die Kenntniß der einfachsten grammatischen Regeln abging, mögen einige Beispiele darthun. (1.M.29,10) wird erkärt: bloslegen. aufvecken, als käme es vonweil nämlich das Gimmel mit einem Segol stehe, denn sollte es von^2 Herkommen, so müsse es ja mit einem Cholem stehn (Minchath Jehudah z. St. 16 a); also er wußte nicht, daß in keiner Conjugation von n1?: die Form richtig ist, diese vielmehr das Hifilvon^ä ist. Zu^Y^ (1. M. 33, 12) wird bemerkt, dies müsse Futur nnd Kal sein, indem das

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