Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1845)
- Date
- 1845-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt. -■— —— - Stellage zum Israeliten -es IS. Jahrhunderts. 0 Sonntag den 14. December 1845. lieber selbstständige Mischnaherklärung. Zu den wichtigeren Resultaten einer wissenschaftlichen Forschung über den geschichtlichen Gang des Zudenthums und die Epoche machenden Abschnitte in dessen religiöser Literatur, ein Resultat, das für das richtige Verständniß theils dieser Literatur-Ueberreste selbst, theils der oft seltsamen Ausbildung der Satzungen ein unentbehrliches Hülfsmittel ist, — dazu, sage ich, gehört vorzüglich die Einsicht, daß in der talmudischen Literatur selbst, welche im Laufe von mehreren Jahrhunderten hinter einander ausgearbeitet wurde, verschiedene Anschauungsweisen geltend waren, daß in ihr selbst Abschnitte vorhanden find. Nach dem Abschlüsse eines solchen Abschnittes hält die darauf folgende literarische Thätigkeit eine in Frage stellende Discussion über die bereits festgestellten Behauptungen kaum für statthaft und es treten nun zwei Momente mit einander in Widerspruch; die Ueberzeugung, daß die frühere Behauptung unantastbar sei, läßt dieselbe nicht aufgeben, allein die nun umgewandelte oder mehr -verhärtete Ansicht wurzelte auch ihrerseits so fest, daß. man von ihr nicht lassen, überhaupt sich einen Standpunkt außerhalb ihrer gar nicht denken konnte. Diesen Widerspruch auszugleichen, diente das Mittel, das in allen solchen Fällen angewendet wird, man deutete den frühem Ausspruch nach der gegenwärtigen Ansicht um, man faßte die frühere Behauptung nach dem eignen-Standpunkte auf und drehte und deutete so lange an ihm herum, bis er zur Uebereinstimmung gebracht wurde. Hat es die Mischnah und die Gemara so mit der Bibel gemacht, so machte es auch die Gemara, und besonders die babylonische, so mit der Mischnah. Mit dem Abschlüsse der Mischnah, und dies ist ebendieses ftuchtbareResultat der neueren Wissenschaft, war auch ein Abschluß für die von derselben ausgesprochenen Verpflichtungen erfolgt; während die früheren Lehrer, die in langer Aufeinanderfolge diesen Stoff verarbeitet hatten und deren Ansichten in der Mischnah zusammengetragen find, mit voller Selbstständigkeit verfuhren, war nunmehr den Schülern Richtung und Resultat vorgeschrieben, von denen sie nicht abweichen durften. Allein trotz der principiellen Unterwürfigkeit unter die Aussprüche der Mischnah erzeugten sich doch neue Ansichten, Abweichungen im Leben und im Gebrauche, die unversehens sanctionirt wurden; was konnte man diesem nicht zu duldenden Widerspruche gegenüber thun? Eine Abweichung von der Mischnah konnte man nicht eingestehen, ja sie war kaum denkbar, eine Verwerfung der gegenwärtigen Ueberzeugung ebenso wenig, man fand viel zu sehr darin, um sich von ihr entfernen zu können; es mußte wieder ausgeglichen, die Mischnah den gegenwärtigen Ansichten gemäß erklärt werden, mochte es gehen wie es wolle. Es ist natürlich, daß diese Auffassung der Stellung von der Gemara zur Mischnah für vie Erklärung dieser von großem Einflüsse ist. Hatte man früher die Mischnah blos als den kurzen Tert betrachtet, an den sich die Gemara als der treue weiterausführende Commentar anschloß, als einen Tert, der oft ohne den Commentar nicht verständlich war, oft erst durch den Commentar berichtigt werden mußte, jedenfalls allein für uns keinen besondern Werth hatte: so muß nun die Mischnah als ein selbstständiges Werk betrachtet werden, das eine spärere Zeit in der Gemara ganz umarbeitete, bald Entwicklungen hinzufügend, von denen jenes Nichts weiß, bald es meine Weile umdeutend, der eine unbefangene Betrachtung desselben geradezu widerspricht. Wie jedoch die kritische Bearbeitung des Talmud noch sehr im Argen liegt, so ist auch diese wichtige Scheidung zwischen Mischnah und Gemara noch nicht durchgreifend ausgesührt, ja kaum durch einzelne Nachweisungen ins rechte Licht gesetzt worden. Blos gelegentlich habe ich es ftüher an einigen Beispielen nachgewiesen, so zur Erklärung der wichtigen Mischnahstelle: ^228^2' ~"2 nsn Ya nm (Edujoth 1,5) in meiner Zeitschrift B. 11. S. 482 ff.' über den verschiedenen Begriff, welchen Mischnah und Gemara mir rr-irrrn^rraij/ verbinden (Khethuboth 7, 6) das. B. III. S. 366 f. A., über die verschiedene Auffassung der am Sabbarh verbotenen Arbeiten, welche unter der Kategorie von nns? gezählt werden, bei der Mischn. und der Gem., das. B. IV. S. 185 ff., und meine Skizze über das Berhältniß des natürlichen Schrinsinnes zur talmudischen Schriftdeutung in Bd. V vers. Zewchr. brachre mehrere dahin gehörige Untersuchungen. Bei der Herausgabe meiner „Lesestücke aus der Mischnah" kam ich selbst zu immer größerer Klarheit darüber und mußte in meinen Erklärungen es auch Andern zu größerer Klarheit bringen, daß die Gemaristen die Muchnah sehr oft mißverstanden haben, weil sie sich nicht mehr in ihren Gedanken ganz hineinversetzen konnten, well sie Voraussetzungen mrtbrachten, die sie in der Mischnah durchaus wiedersinven wollien und daher nicht darauf ausgingen zu erfahren, was eigentlich die M. sage, sondern zu bewirken, daß sie das sage, wovon sie überzeugt zu sein glaubten, daß sie es sagen müsse. Dieses spreche ich in dem Vorworte klar und bestimmt aus; indem ich den Zweck der Anmerkungen angebe, daß sie weniger dem sprachlichen, zuiueist dem sachlichen Verständnisse dienen und Nachweisen sollen, worauf