Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1845)
- Date
- 1845-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567014--1743-2569551- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
408 anbildung so gearteter Candidaten von Seiten der Regierung, trotz wiederholentlicher Aufforderung zur Creirung von Seminarien und Rabbinerschulen, nichts geschehen. Sollte daher gedachtes Decret zur Zeit unverschieblich in Kraft treten, was im Interesse der sittlichen und geistigen Förderung unserer Gemeinden sehnlichst zu wünschen wäre, so würde man, da diePaduaner Schule uns bislang nur einen einzigen, den erwähnten Rabbiner Ehrenreich geliefert, genöthiget sein, sich von auswärts, etwa von Böhmen, zu rekrutiren, welches immer seine schlimme Setten haben dürste. Um in Galizien mit Kraft und erwünschtem Erfolg anfzutreten, müßten die neuzuinstallirenden Rabbiner einerseits gründliche umfassende talmudische Kenntnisse besitzen, um den sogenannten Lomdim imponiren und andererseits tüchtige für ihr Fach begeisterte Schulmänner sein, um vorzüglich für das im Argen liegende Schulwesen mit Eifer und nachhaltig wirken zu können, wo dann die üppigsten Früchte bei der lebhaften Empfänglichkeit der Polen nicht lange auf sich warten lassen möchten. Eine gute Requisition in letzterer Beziehung hat die Lemberger Gemeinde an dem ehrenwerthen Herrn Prediger und Religionslehrer A. Cohn gemacht, der auch seinen rastlosen Eifer in der dortigen auf seine Anregung neu creirten Schule mit günstigem Erfolge gekrönt sieht. Den Berichten von dorther zufolge, soll sich derselbe überhaupt eines gesegneten Wirkens zu erstellen haben und sein Anhang sich von Tag zu Tag mehren. Die Tarnopoler Gemeinde, deren Rabbinat seit Abgang des Hrn. Rappoport verwaist ist, hat, dem Vernehmen nach, ihr Augenmerk auf den Hrn. Dr. Steinschneider gerichtet, es wird aber gezweifelt, ob derselbe dem Rufe folgen werde. Wir unsererseits finden blos für nöthig, zu erinnern, ohne hierdurch Hrn. vr. St. im Mindesten nahe steten zu wollen, daß, wie gesagt, für unsere Gemeinden eher ein bewährter Schulmann als filbenstechender Bibliograph noth thue. In der dortigen istaelttischcn Schule soll auch das Studium der hebräischen Sprache leider! sehr vernachlässiget werden, was, abgesehen von dem dort fühlbaren Mangel eines im hebräischen Fache gebüdeten, wenn auch sonst recht tüchtigen, Schuldirektors, seinen liefern Grund haben mag, auf den wir ausführlich in unserm nächsten Schreiben zurückzukommen gedenken. 0. selbst bewußt ist, so hat er doch nur ein Ziel vor Augen und zwar, wie fast überall, auf dem Gebiete des Fortschrittes. Dieser Fortschritt ist aber leider durch Privatverhältniffe sehr gehemmt und darf, wenn er gesund bleiben will, nur langsam gehen. Es hat sich nämlich ein Verein gebildet, dessen Mitglieder nur ein Ssteben vor Augen hatten, den Gemeindeältesten Vorschläge zur Verbesserung des Gottesdienstes zu machen. Dieser Verein wurde durch drei Reden eingeweiht. Die erste hielt Hr. vr. Philippsohn? der das Thema „Was wir wollen" behandelte, eine Frage, deren Lösung die Tendenz des Vereins im Allgemeinen beleuchtete, ein junger Kaufmann, Hr. W. Wolfsohn, sprach über die geistige Entwicklungsgeschichte der hiesigen Gemeinde und setzte recht gewandt auseinander, wie die Gemeinde seit dem Tode des Predigers J.Wolf in einem schädlichen Stillstände war und die dritte Rede hielt Hr. H. Koßmann, der mit einigen nichtssagenden Worten, Finanzen besprach, die er als Mitglied der Schätzungskommisfion für nöthig erachtete. Er glaubte zu beweisen, wie die Gemeinde einen Ueberschuß von 300 Thlr. hätte und sonach zur Wahl eines Rabbiners schreiten konnte. Mit andem Worten wollte er durch diese Worte nichts anderes sagen, als daß man nun seinen Bruder, den vr. Julius Koßmann, zum Geistlichen wählen sollte. Obschon der junge Mann moralisch einen guten Ruf hat, so sind doch seine rabbinischen Fähigkeiten zu gering, als er einem solchen Amte in unserer Zeit vorstehen könnte. Bei wenigen talmudischen Kenntnissen, bei noch wenigerem Rednertalent ist es wohl keiner Gemeinde zu verargen, wenn sie den Inländer bei der Rabbinerwahl nicht berücksichtigt. Aus diesem Privatverhältniß wird diese nur erschwert und der Forttchritt sehr - gehemmt. So viel von den Gemeindeverhältniffen und jetzt zu unseren Schulanstalten. Die Franzschule erfteut sich immer noch ihres guten Rufes und sucht ihn zu bewähren. Fortwährend von stemden Schülern besucht, aus Rußland, Preußen, Baiern, Oesterreich, haben sich auch ihre finanziellen Zustände verbessert. Die meisten Schüler bilden sich zu Kaufleuten, und in Hamburg, Berlin und Leipzig nimmt man am liebsten Lehrlinge, die in dieser Anstalt gebildet. Auch hat sett Ostern 1845 der vr. Gustav Philippsohn eine neue Pensionsanstalt eröffnet, die sowohl zur Vorbereitung zum Gymnasium, als auch zu der des Kaufmannsstandes hinarbeitct; nur unsere israelitische Töchterschule ist leider im Verfall. Es fehtt an Mitteln, sie wieder zu heben. Bewegungen tn De ssall« (Dessau im Dec. 1845.) — Auch in unserer Gemeinde regt sich seit einiger Leit ein neuer Geist und obschon er sich noch nicht Verlag der Z. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.