Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1845)
- Date
- 1845-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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400 — zu welchem auch die Reim'gkeitsgesetze gehören — als Consequenz resultirt, gilt mir als ein Politisches, das fasse ich unter den Begriff des Politischen, auf auserwahlter Volksthümlichkeit beruhenden, in dem zwar ein religiöser Gedanke, aber doch nur in seiner engen Beschränktheit vorhanden war und gebunden in ihm lag, den die Geschichte wieder frei gemacht hat. Auch das partikularistisch- und tbeokratisch-Religiöse, auch die Ceremonie gilt mir als ein Religiöses, aber nur als ein dürftiges, als ein beschränktes Religiöse im Gegensatz zu dem Rein-Religiösen, das ein höheres, freies, universelles Religiöse ist. Deshalb nannte ich (S. Ceremom'algesetz im Messiasreich S. 13 t) das theokratisch Religiöse ein relativ Religiöses zum Unterschiede von dem Rein- Religiösen als einem absoluten. Alles, was aus dem Verhältniß Zehova's zu seinem Volke Israel bervorgeht, ist mir ein relativ Religiöses und darum ein Vergängliches und wirklich Vergangenes, was aber aus dem Verhältniß Gottes zum Menschen folgt, ist mir ein absolut Religiöses und darum ein Ewiges und Bleibendes. Ich bin auch von Hirsch und vielen Andern hierin mißverstanden worden und muß deßhalb, so gern ich Wiederholung vermeiden möchte, so häufig auf diesen Grundgedanken zurückkommen. Für Sie aber werden hoffentlich diese wenigen Andeutungen ein für alle Mal genügen. Am Schluffe Ihres Sendschreibens richten Sie noch die Frage an mich, ob ich in einem Satze in meiner Schrift: das Religiöse und Politische rc. „Die schauerliche Verworfenheit," den „modernen Heuchlern und Pharisäern" oder dem Talmud zuschreibe? Ich glaube, daß der Zusammenhang meiner Worte klar und deutlich genug Ersteres bezeuge und daß Letzteres mir nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen, so klar und deutlich, daß selbst Hr. Frankel nicht anders als gerecht genug sein wird, das ihm zugehörige Eigenthum für sich zu vindiciren. Mit Ihrer Verthcidigung der sittlichen Würde des Talmuds kann ich ganz einverstanden sein ohne mir im Mindesten zu vergeben. Sie reduciren alle meine Beweise auf den einen Gedanken: „der Talmud hatte noch nicht so entwickelte sittliche Begriffe als unsere Zeit" das gebe ich zu. Was folgt daraus? Wo der Talmud mit unserer Zeit im Widerspruch ist, muß diese gehört werden. Nur das räume ich Ihnen nicht ein, daß ich um die Reform zu befördern, die Blößen des Talmuds aufgedeckt und nicht hinzugefügt, was zu seiner Entschuldigung gereicht. Den engherzigen Partikularismus des talmudischen Bewußtseins will ich unserer Zeit entgegenhalten und sie fragen, ob sie in demselben wurzele? weiter Nichts. Der Talmud bedarf vor unserer Zeit keine Entschuldigung, für unsere Zeit aber, wenn sie talmudisch sein will, gibt es keine Entschuldigung. Ich scheide von Ihnen mit dem Gefühl der Hochachtung, die ich Ihren vielfältigen Verdiensten, durch Ihre Bescheidenheit geziert uud erhöhet, schuldig bin, und mit dem Gefühle des Dankes, durch die würdige Haltung Ihres Sendschreibens zur weitern Aussprache und hoffentlich zur näheren Verständigung über mehre wichtige Punkte veranlaßt worden zu sein. Schwerin den 6. October 1845. Geschichte des Tages. Jüdische Verhältnisse in Aaiern. /V (Aus Mittelfranken.) — Gern möchte ich Ihnen oft Nachrichten für Ihr geschätztes Blatt geben. Allein in Baiern, dem Lande der religiösen Stabilität, gibt es wenig interessante Er. eignisse, und haben Sie den Bericht von dem Zustande einer Gemeinde gelesen, so kennen Sie die Zustände aller israelitischen Gemeinden dieses Landes. Wenn wirklich bei uns eine Reform stattfindet, so besteht fie in Chorgesang, Umwandlung der Stände in Subsellien und mehr dergleichen unwesentliche Dinge. Die ungeeigneten hebräischen Gebete, die Piutim, der zweite Feiertag, überhaupt alles, was nur den Namen einer Reform verdient, bleibt, wie es seit den finstersten Jahrhunderten gewesen; und man begnügt sich selbstgefällig damit, dem baufälligen Gebäude einen weißen Anstrich gegeben zu haben, täuscht sich über seinen inner« morschen Zustand und wird erst dann erwachen, wenn es über die Geblendet en zusammenstürzt. — Doch aus der politischen Welt möchte wohl Folgendes der Mittheilung werth sein: „Es erging nämlich kürzlich an alle Magistrate und Landgerichte die allerhöchste Weisung, über das Treiben und die Beschäftigungsart der israelitischen Unterthanen genauen Bericht zu erstatten, um bei der bevorstehenden Stände- Bersammlnng über die Vorschläge zur Verbesserung ihrer Lage berathen zu können. Wie man vernimmt, gehen von allen Seiten die schönsten Berichte ein, und wie man aus denselben entnehmen kann, beschäftigt sich der größte Theil derselben mit Feldbau und