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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-12-14 · Heft 50 (14.12.1845) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 50 (14.12.1845)
Date
1845-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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4OS «artigen Lebeusverbältnisse nicht paffen, die uns zur Reform des Zudenthums drangen? Hat ja die zweite Rabbiner-Versammlung Glaubensansichten und Hoffnungen, welche lediglich das zukünftige Schicksal des Zudenthums betreffen, wie Rückkehr nach Palästina, die Wiederherstellung des Opfercultus, aus ihrem Bekenntniß gestrichen, sie hat es also vor den Augen aller Welt bekannt, daß sie mit dem talmudischen Zudenthum nicht auf gemeinsamer principieller Grundlage stehe, daß der positive Boden des Talmuds, dem die Gründung eines politischen Reiches, die Sammlung des zerstreuten Israels und Zurückführung desselben in das Land der Verheißung, die Errichtung des Tempels und Altars, die Wiedergewinnung des heiligen Bodens, auf dem die höhere Verpflichtung des auserwählten heiligen Volkes Gottes auf ein besonderes heiliges Gesetz ihren ungeschmälerten Wirkungskreis finden wird, wesentlicher Glaube, principiellcs Zudenthum ist, nicht der ihrige sei. Und dennoch soll auf demselben Boden, der ihren Füßen gänzlich entzogen ist, auf dem sie nicht steht, und der doch allein im angenommenen Sinne des Wortes ein positiver ist, jene historischen Fortbildungen, jener Formenwechsel des Talmuds vor sich gehen, der nicht wie es mit der talmudischen Reform der Fall ist, dem bedrohten Lebensprincip der biblisch-gesetzlichen Anschauung neue Kraft und Stärke wiedergewinnen, sondern den letzten Rest des Lebens nehmen soll? Dieses nennt man, ohne mit dem Talmud brechen zu wollen, das Princip des positiv-historischen Zudenthums? Welcher Widerspruch, welche Selbsttäuschung! Welches kann aber möglicher Weise das positiv-historische Princip der zweiten Rabbiner-Versammlung oder des Ihrigen sein? Wahrlich nicht das des Talmuds, dem die Pulsadern durchschnitten sind, nicht das des traditionellen Zudenthums, dem der Lebknsgeist genommen ist! Ein Talmud ohne politischen Messias, ohne nationale Restauration, obne Sehnsucht nach dem heiligen Lande, ohne Sammlung der Zerstreuten und Rückführung derselben in den heiligen Boden der Väter, ein traditionelles Zudenthum ohne Priester und Altar, ohne Opfercultus, ohne Reinigkeitsgesetze, ohne an dieses alles und das an den Landesbesitz enggebundene Ceremonialgesetz, sieht dem wahren Talmud, dem wahren traditionellen Zudenthum wie die Faust dem Auge ähnlich. Von dem ganzen contreten Inhalt des Talmuds, des talmudisch-ttaditionellen Zudenthums bleibt uns nichts weiter übrig, als der abstracto Gedanke. das talmudische Zudenthum hat den gesetzlichen Theil der Bibel geschichtlich umgebildet und fortgebildet, um dep dem positiven Gesetze zu Grunde liegenden Vorstellungen der Auserwähltheit und der höhern Verpflichtung des israelitischen Volksstammes auch unter völlig veränderten Zeiten und Le^ensverhältnissen eine lebendige Wirksamkeit zu erhalten. Aber die positt've Grundlage, auf welche der Talmud sein Gebäude der historischen Fortbildung hinstellte, ist nicht die unsere, der Kreis biblischgesetzlicher Vorstellungen, innerhalb dessen der historische Entwicklungsproceß des talmudisch - traditionellen Zudenthums stattfand, liegt unserer Anschauungssphäre fern. Auch wir wollen auf positiver Grundlage fortbauen, auch wir wollen innerhalb des positiven biblischen Kreises das Recht der historischen Fortbildung gelten lassen, aber unsere positive Grundlage sind jene in der Bibel geoffenbarten Religionswahrheiten, die noch heute für uns, und wie wir glauben, einst auch für das ganze Menschengeschlecht Wahrheiten sein werden, aber unser positiver Kreis, innerhalb dessen wir die Geschichte walten lassen, ist jener Kreis sittlicher Gebote, deren Geltung niemals angefochten, deren Heiligkeit für das gesammte Menschengeschlecht niemals bezweifelt werden kann. Für diese positiven Wahrheiten und für diese positiven Gesetze überlassen wir es der Geschichte und dem ihr eigenen Amte der Fortbildung, unter allen Lebensverhältnissen die angemessenen Institutionen zu schaffen und jedesmal ihre lebenskräftige Wirksamkeit zu erhöhen. *) *) Im Jahrg. 1844 Nr. 34 und 35 des Israeliten befindet sich eine gediegene, gewiß aus wohlbekannter Meisterhand geflossene Correspondenz (aus Oberschlefien) über diesen Gegenstand, welche die anerkennende Würdigung meines Standpunktes mit der Aeußerung ihrer Anficht über das Beachtenswerthe in der talmudischen Fortbildung verbindet. Wir erkennen die Richtigkeit des dort Gesagten vollkommen an, unterscheiden aber zwischen einer geschichtlichen Fortbildung innerhalb eines pofitiv gegebenen Princips, welche eben im Interesse der Erhaltung dieses Princips den Buchstaben des geschriebenen Gesetzes verlassen und zu dessen Geiste, der dem Princip entströmt und in den Buchstaben fich verhärtet hat, ihre Zuflucht nehmen muß und über das Princip hinaus sich nicht fortbilden darf, weil sie mit dem Buchstaben auch dessen Geist aufgeben würde, welche Fortbildung die talmudische ist, und einer höheren Fortbildung, welche den ganzen beschränkten Kreis, innerhalb dessen eine geschichtliche Fortbildung stattgefunden hat, aufgiebt und zu einem höhern allgemeincrn hinaufsteigt, um innerhalb dieses eine neue

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