Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1845)
- Date
- 1845-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567013--1730-2569537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
390 dem Talmud nicht glauben, so. dürfen wir uns nicht einmal mit gutem Gewissen seiner eigenen Reform bedienen (wie z. B. den Bart zwicken lassen), vielweniger darauf hm, daß -er Talmud im guten Glauben, mit Dr. M. Sachs, der in der Thätigkeit der beiden Talmude, deren überwiegender Inhalt und Mittelpunkt die praktische Halacha ist, nicht blos wie jeder besonnene Forscher Denkmale der Vergangenheit erblickt, sondern sie selbst zur Zeit ihrer Entstehung einer damals schon entschwunden gewesenen Vergangenheit errichtet, der Erinnerung eines damals schon seinen Lebenslauf vollendeten Alterthum geweiht glaubt, der, wie wir oben gesehen, in der Geistesthat der Talmude, in dem Ausbau der Halacha keine ernste Thal des Lebens, sondern nur poetische Reminiscenzen, leere Erinnerungsspiele erblickt, kommt freilich die Ansicht Geigers, dqß der Talmud seine Schriftdeutungen als den offenbarten Inhalt der Bibel glaubte, sehr ungelegen, und er sucht in seiner Schrift die religiöse Poesie rc. S. 160 seine Antipathien gegen dieselbe auszudrücken, die wir ihm, da er sich auf eine gründliche Krttik der Beweise, die Geiger für seine Ansicht auffiihrte, aus leichtbegreiflicheu Ursachen nicht einläßt, lassen müssen. In einer Note zu Seite 161 bemerkte er: Warum in dem gedachten Geigerischen Aussätze die Ansicht, die die Bibelstellen nur als „Anlehung" gelten läßt, eine „nationalistische" heiße, und was am Ende darin fiir ein Vorwurf für sie liege, wenn sie „rationalistische" ist, sieht man nichtein. Sonderbar genug, daß Hr. S. dies nicht einfieht! Das Wesen des Rationalismus besteht eben darin, daß er die Differenz zwischen dem Inhalt der aften Schrift und der neuen Bildung dadurch auszugleichcn sucht, indem er die neue Bildung in die alte Schrift hincinträgt, die Schrift nach den Ideen und Bedürftriffen der Gegenwart umdeutet. Daher nannten wir selbst (Bort, über die mos. Religion. Vorr. S. VH.) das talmudische Verfahren, die Schrift nach den Stimmungen und Ansichten einer später» Zeit umzudeuten und sich derselben anbequemend, der Schrift einen ihr ganz ftemden Gedankeaiuhalt aufzubürden, ein rationalistisches, welches von dem ächten Bibelglauben, der den Inhalt der Schrift unbekümmert daS sagen laßt, was er in der Wahrheit sagt, ensschieden abzuwessen ist. Wie aber der natürliche Schristsinn mit dem talmudischen Zeitalter in Conflict gcrathen war und jenen rationalistischen Deutungsproceß veranlaßte, so ist wie? derum in neuerer Zeit die talmudische Schriftdeutung mit dem aus seinem langen Winterschlaf erwachten exegetischen Gewissen, welches in der Bibel einen ganz andern Gedankeninhalt findet, > ip Widerspruch getreten. Die vernünftige Ansicht weiß sich durch ihre unbefangene historische Betrachtungweise dieses Räthsel zu lösen. Die Rabbiner, sagt sie, haben sich solange in den Buchstaben der Schrift vertieft, bis der natürliche Sinn ihnen ganz abhanden gekommen ist und sie ihre Deutungen mit dem wahren Inhalt der Schrift indentisicirten, d. h. dieselben für wirkliche Exegese hielten, oder mit andern Worten, sie haben sich die Unwahrheit solange 'eingeredet bis sie wirklich daran glaubte» und das Gefühl für richtige Exegese verloren. Die pationad er Bibel in Einklang zu sein, die Bibel mit reformirte, mit bewußter Opposition gegen dieselbe sie gleichfalls refosmiren. Darin, daß zu einer Zeit Reformen stattfanden, ohne daß die Zeitgenossen ein Bewußtsein davon listische Ansicht, die mit der talmudischen Schriftdeutung nicht brechen will, sagt: Nein, der Talmud wußte wohl zwischen seiner Auslegung und dem natürlichen Schristsinn zu unterscheiden und gebrauchte die Deutung blos als Erinnerungsbelege für den auf traditionellem Wege ihm überlieferten Gedankeninhalt. Und das ist das Charakexistische der unhistorischen rationalistischen Weise, die überall die verschiedensten Zeiten und Bildungsstufen auszusöhnen und die in denselben hervortretendcn noch so markirten Widersprüche und Gegensätze zu vertuschen sucht, ohne sich je die Wahrheit eines Gegensatzes einzugestehen. Es ist diese Weise zu den Eigentümlichkeiten des Talmuds zu zählen, dem sämmtliche biblische Schriften, ohne Rücksicht auf die Zeftfolge, in welcher sie entstanden, wie aus einem Gusse kommen und einen völlig adäquaten Gedankeninhalt ausdrücken müssen, dem MoseS mit Ezechel genau übereinstimmen muß, und wenn der Widerspruch zwischen beide» so sehr in die Augen springt, daß selbst dje künstlichste Deutung ihn nicht auszugleichen vermag, wird die Lösung auf die Ankunft Elias verschoben nanrfc Tny irnbx n nar® Menachoth 45. a. Warum die der Geigcrischen cntgegenstehende Ansicht eine „rationalische" genannt werde, und welcher Vorwurf darin für sie liege, wenn sie eine rationalistische ist, wird Hr. vr, Sachs hoffentlich nunmehr einsehen. Wir find ifldeß keineswegesdep Meinung, daß Geigers Ansicht eine durchgängig richtige sei, glauben vielmehr, und haben dies bereits anderswo angedeutet, daß ihrer konsequenten Durchführung Vieles cntgegenstehe. Aber die höchste Beachtung verdient sie von der Wissenschaft, und ist sie unhaltbar, so hat nur diese ihr das Urtheil zu sprechen, keineswegs ist aber die Sache mit einigen nichtssagenden Phrasen des Hrn. vr. Sachs, die nur das Gefühl mit eigener Schwäche dem Manne der Wissenschaft gegenüber dictirt, abgethan, und nicht Geigers wissenschaftlich begründete Ansicht von dem getrübten exegetischen Bewußtsein des Talmuds, sondern Hrn. Sachs unwissenschaftliche Idiosynkrasie gegen dieselbe verräth einen getrübten Blick in die Eigentümlichkeit dieser Werke, wen» cs auch wahr ist, was Hr. S. hinzufügt, daß jede Polemik dagegen zugleich gegen die ihre Entstehung bedingende Voraussetzung gerichtet ist. Mit einer solchen Voraussetzung können die ungereimtesten Widersprüche beseitigt und vo» einer Erforschung der geschichtlichen Thatsachen, wie dem Philpsophen und Geschichtsforscher, dieHr. Sachs bei dieser Gelegenheit nicht aus dem Munde läßt, erscheinen , kann hier nicht mehr die Rede sein. Wir gedenken dieser Arbeit Geigers, so wie wir die geeignete Muße hierzu finden, die wohl verdiente Aufmerksamkeit zu widmen und uns ein wissenschaftliches Urtheil über diesen interessanten Gegenstand zu gewinnen.