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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-30 · Heft 48 (30.11.1845) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 48 (30.11.1845)
Date
1845-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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301 Betrachtungsweise des talmudischen Judenthums abspricht und meint, daß man dadurch mit der Geschichte breche, dem muß ich jedes höhere geschichtliche Verständniß absprechen. Nicht mit der Geschichte, sondern mit dem eingefleischten Vorurtheil, mit dem thierischen Gewohnheitsm'eb muß man, indem man zu ihm sich erhebt, brechen. Ich habe es (in Freund's Monatsschrift 1844 S. 149 ff.) beinahe bis zur Evidenz nachgewiesen, daß in den talmudischen Reformen kein lebendiger Gedanke eines bewußten Reformirens zu finden ist , und konnte, dem innern Lebensprincip von der absoluten Ewigkeit und unvergänglichen Verbindlichkeit des ganzen Ceremonialgesetzes Zufolge, ein solcher Gedanke in ihm nie lebendig werden. Was das Leben und die Geschichte diesem Princip der Stabilität entgegen und im Interesse seiner eigenen Erhaltung gethan hat, ist dem Talmud, dem kein Bewußtsein eines solchen Gegensatzes innewobnte und der es nur sich auf Grund seiner Rückdeutungen in die Vergangenheit, die das Stabilitatsprincip werten, gefallen ließ, nicht zum Verdienst hoch anzurechnen. Wollen wir auf Grund jener winzigen Reformen, welche die Geschichte dem Talmud unbewußt und in gutem Glauben, es sei immer so gewesen und von Uranfang durch das ewige Gesetz festgestellt worden, ins jüdische Leben gleichsam einschmuggelte, unser Recht zu reformiren gründen und deshalb behaupten, daß wir, indem wir dem Talmud seine Pulsadern durchschneiden, mit ihm nicht brechen und in freundschaftlichsten Verhältnissen mit ihm ferner verbleiben, so haben wir uns nicht blos nach unserm Aushängschilde zu talmudischen Stümpern, d. i. zu bewußtlosen Werkzeugen der Geschichte herabgesetzt, sondern, da wir gleichwohl das Bewußtsein unsrer Tbat in uns tragen, auch zur Lüge und Heuchelei erniedrigt. Der Talmud, und wer ihn kennt, er sei orthodor oder Reformer, wird mir beipflichten, würde keine Reform und wäre sie noch so geringe, wenn er sich des Gegensatzes derselben mit der Bibel bewußt wäre, haben durchgehen lassen, würde jeden Ausspruch, dieses oder jenes Gesetz habe weder ideale noch faktische Geltung mehr, als das schrecklichste Attentat gegen die Bibel perhorrescirt haben. Dann kommt noch hinzu, daß wir es nicht bei solchen Reformen bewenden lassen wollen, die dem talmudischen Grundprincip einerseits keinen wesentlichen Schaden bringen, andererseits im Interesse seiner eigenen Erhaltung und Lebensenrwicklung geschehen, sondern wir legen die Art an seine Wurzel, wir greifen sein innerstes Leben an, sagen: der Opferkultus, der Mittelpunkt der mosaischen Theokratie, habe für alle Ewigkeit aufgrhört, die Rückführung Israels nach Palästina, die Gründung eines König- und Priesterthums, die mögliche Anwendbarkeit des ganzen Ceremonialgesetzes werde niemals statlfinden. Und nachdem wir alle diese blutige Thaten vollfübrt, den Talmud und das ganze talmudische Judenthum auf dem Altar unseres eigenen Religionsbewußtseins bingeopfert haben, reden wir das in seinem Blute sich wälzende Schlachtopfer freundlich an: wir brechen mit dir nicht, wir thun blos das, wozu du uns die Befugniß gegeben, wir entfernen uns nicht von dir, wir stehen nur auf dem Boden des positiv historischen Judenthums, bis dein letzter Blutstropfen verronnen sein wird. Das sieht dem Verfahren der spanischen Inquisition nicht unähnlich, die nach Montesquieu die Juden nicht eher verbrannt haben soll, bis sie die unglücklichen Opfer ihres Fanatismus erst recht höflich um Verzeihung gebeten hat. (Forts, folgt.) Geschichte des Tages. vr. Kerzfetd. Braunschweig im Nov. Sie werden sich gewundert haben, daß ich Ihnen Nichts über die hiesigen Vorgänge geschrieben, die von Anderen so breit getreten und mit so boshafter Schadenfreude ausgebreitet worden sind. Aber ich wußte wohl daß Alles nur vorübergehend, nur die Folge auswärtiger Verhetzung sei, und daß eine Gemeinde, wie die hiesige, nicht werde fähig sein, wie eine in Galizien und Siebenbürgen zu handeln, und an einer Handlung ihres Rabbinen Anstoß zu nehmen, die weder widerreligiös, noch unsittlich, sondern höchstens talmudisch verpönt ist. Es würde in der That auch an das Wunderhaste grenzen, wenn bei einer Gemeinde, welche die erste deutsche Rabbiner-Versammlung in ihrer Mitte gesehen und ihren freimüthigen Aeußernngen über die Unverbindlichkeit talmudischer Satzung und Lehre den lautesten Beifall geschenkt, welche eine eben so entschiedene Sprache von der Canzel mit dem innigsten Wohlgefallen hört, und welche selbst in ihrer Lebensweise auf jedem Schritt und Tritt sich über die talmudischen Vorschriften hinwegsetzt, wenn bei einer solchen Gemeinde dennoch die Aufklärung noch so materiell und die ganze äußere Gesetzlichkeit des talmudischen ZudenthumS so vorherrschend wäre, daß sie wohl sich selbst von der Befolgung der separatistjschrnminutiöscn Talmud-Satzung befreit, weil sich das mit ihren Ge-

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