Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1845)
- Date
- 1845-11-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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380 rischen Bildungen und Gestaltungen, die auf Grundlage des talmudischen Princips und aus diesem heraus organisch sich entwickelten, nachdem dieses seinen Geist völlig aufgegeben, für ein anderes und höheres keinerlei Berechtigungen beanspruchen. Jede Aneignung dessen, was aus dem entfremdeten Princip historisch sich entwickelt, und Verwendung desselben für ein anderes, jenem diameteral entgegengesetztes, wäre ein histo rischerMißgriff, eine historische Sünde, oder richtiger ein unhistorisches Verfahren, welches für das neue und höhere Princip und die Entfaltung seiner Lebenskraft von unausbleiblichen nachtheiligen'Folgen begleitet sein müßte. Wie wollte man dem nicht vom Sturme in seiner Lebenskraft plötzlich gebrochenen, sondern in seinen Wurzeln erstorbenen, allmählig zum Tode hinfiechenden Baume Pfropfreiser entnehmen und sie mit dem jungen neugepflanzten Stamm verbinden, daß sie ein gedeihliches Wachsthum befördern? Wie die Natur kann auch die Geschichte selbst aus Tod und Verwesung neues Leben erzeugen, nicht aber das, was in Tod und Verwesung übergegangen, lebendig und organisch fortentwickeln. Nur das, was noch organisches Leben und Lebensfähigkeit besitzt, es mögen beide noch so sehr auf eine niedere Lebensstufe herabgedrückt worden sein, können Natur und Geschichte zu höherm Leben entwickeln und innerhalb einer gegebenen Sphäre zur lebendigern Wirksamkeit entfalten, nicht aber das, aus welchem das organische Leben gänzlich geschwunden ist, noch weniger einzelne erstorbene Theile desselben für einen neuen Lebenskreis, in welchem frische Kräfte walten, verwenden, dem sie dadurch nur Tod und Untergang brächten und ihr eigenes Werk zerstörten. Wir können daher, wenn wir wirklich historisch zu Werke gehen wollen, aus dem Entwicklungsproceß, den die Geschichte auf dem Gebiete des talmudischen Zudenthums vollbracht, nur diejenigen Entwicklungsmomente für das neuere Religionsbewußtsein der Gegenwart verwenden, welche zusolge einer kritischen Untersuchung nicht aus dem untergegegangenen talmudischen Princip organisch herausgewachsen und historisch aus ihr sich herausgebildet haben, müssen hingegen alle historischen Gestaltungen und Schöpfungen entschieden von uns abweisen, die erweislich mit jenem faulen Princip organisch Zusammenhängen und aus ihm hervorgegangen sind. Jene können noch immer religiöses Leben und Lebensfähigkeit für unser Bewußtsein enthalten, diese sind faule Propfreiser, können kein religiöses Leben besitzen, und müssen, unserem innern Lebensbaum gewaltsam aufgedrungen, in ihm nur Krankheitsstoff erzeugen. Keime des Todes und der Verwesung ihm beibringen. Sie sehen mein geehrter Herr College, daß ich meinem Reformprincip der Trennung des Religiösen vom Politischen immer treu bleibe und immer gründlicher von seiner Wahrheit mich überzeuge, ohne es mit der wahren Geschichte und der wahren historischen Betrachtungsweise zu verderben. Auch ich bekenne mich, wenn Sie wollen, zu dem Princip des positiv historischen Zudenrhums, aber in m e i n e m und ich darf sagen, höher» Sinne als dem der s. g. historischen Schule. Die Offenbarung eines persönlichen Gottes, dessen Einheit, Geistigkeit, Heiligkeit nnd Vollkommenheit, dessen Weltregierung und spezieller Vorsehung, dessen erhabener Eigenschaften, dessen heiligen Willens an die Menschen, ihn zu lieben und zu verehren, die Offenbarung des heiligen Sittengesetzes, des Verhältnisses Gottes zu den Menschen als Vater zu seinen Kindern, dem gemäß auch die Menschen als Kinder ihres Gottes und Vaters sich zu betrachten haben und heilig zu sein wie Gott heilig ist, das Gebot, Gott zu lieben mit ganzen Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen und den Nächsten wie sich selbst, ihm zu dienen mit ganzem Herzen und in der Wahrheit, zu wandeln in seinen Wegen und, um diese zu erkennen, sein Nachdenken stets auf Gottes Offenbarungen in der Schrift, Natur und Geschickte zu richten, dieses Alles und noch vieles Andere, was in der Bibel Hohes und Heiliges, Großes und Edles offenbart worden ist, namentlich die Lehre von Buße und Sündenvergebung ohne Opfer, sind für mich positive Wahrheiten, positive Religion, der positive Grund und Boden, auf welchem, oder der positiv gegebene Kreis, innerhalb dessen die historische Fortentwicklung, die höhere Entfaltung der jenen positiven Wahrheiten innewohnenden Lebenskraft vor sich gieng. Ter Unsterblichkeitsglaube ist, wenn auch wie man allgemein annimmt, der biblischen Sphäre nicht fremd, doch in derselben, wenigstens im Pentateuch nicht deutlich offenbart worden. Man will, zumal von christlicher Seite, darin einen großen Mangel der biblischen Religion erblicken, doch weiß ich mich über diesen Vorwurf zu trösten in Rücksicht des in ihm liegenden Zugeständnisses, daS in der Bibel nirgend aus-