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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-30 · Heft 48 (30.11.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 48 (30.11.1845)
Date
1845-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S88 in der Erstarkung unseres sittlichen Gefühls, Ln der Wiederbelebung unserer allgemeinen Menschenliebe und Menschenachtung wie in der Erweiterung unseres Zdeenkreises und der gereiftem Weltanschauung ihren wesentlichen Gruyd und Bodm hat. Um das Erstorbene wieder zu beleben müßten wir gerade das in uns lebendig Gewordene wieder ersterben lassen, den erweiterten Jdeenkreis wieder verengen, das in seiner Reinheit und Allgemeinheit erstarkte Humanitätsgefühl wieder erschlaffen und den unser Inneres erfüllenden Gedanken der allgemeinen Menschenwürde und der gleichmäßigen Berechtigung aller Menschen vor Gott wieder zum engherzigen Privilegiumsdünkel zusammenschrumpfen lassen; mit einem Worte, wir müßten, um das Erstorbene wieder zu beleben, das neugewonnene Leben wieder zur Schlachtbank führen und es auf dem Altar des Egoismus hinopfern. Warum sollten wir an dem zweifeln, was unserem innersten Leben als Licht und Wahrheit aufgegangcn ist? Ebenso müßten wir an unserem eigenen sittlichen Gefühle, an Wahrheit, Tugrnd und Recht verzweifeln und blindlings vor dem Talmud unfern Nacken beugen, daß er ihm das Joch seines Glaubens auflege. Das religiöse Bewußtsein der Juden in der Gegenwart ist in sich erstarkt und erkräftigt und hat das Vertrauen zu sich selbst wieder gewonnen. Auch die Träger der jüdischen Orthodoxie, die orthodoxen Rabbiner und Nichtrabbiner, indem sie in der Gegenwart und den sie bewegenden Stimmungen und Ansichten leben und aus ihm nicht sich ganz isoliren können, müssen, wenn sie nur den orthodoxen Standpunkt recht begreifen, mit ihm zerfallen. Ihr Leben und Wirken, ihre ganze moderne Gefühlsweise, ihr Denken und Handeln strafen ihre eigene Worte lügen. Sie haben den talmudischen Glauben nicht, so sehr sie sich in denselben versenken möchten. Sie haben nur einige Fetzen der talmudischen Religion, die sie zur Schau tragen. Sie haben in ein Lügengewebe sich selbst verstrickt, aus dem sie sich nicht herauswinden können. Sie lecken an den Stachel der Gegenwart und mit wunder Zunge schimpfen sie auf die moderne Anschauung, die sie aus ihrem Innern nicht vertreiben können, und ihre Sache, so kampfhaft sie an dieselbe festzuhalten vorgeben, ist — das fühlen sie selbst und sind um so wüthender — unrettbar verloren.*) *) Wenn die jüd. Orthodoxie der Einführung der deutschen oder Landes-Sprache im jüd. Gottesdienst so hartnäckig wider- Zst aber das gegenwärtige religiöse Bewußtsein der Juden ein ganz anderes als das talmudische, ist in ihm das den Talmud durchdringende und bewegende Grundprinc ip völlig und rücksichtslos aufgegeben, ist in ihm die höhere prophetische Anschauung wieder zum Durchbruch gekommen und ist es seiner entschiedenen und durchgreifenden Opposition mit dem gesetzlichen und talmudischen Partikularismus klar und lebendig sich bewußt und dieser in ihm zum rein humanen veredelt worden, so können alle die histostrebt, so ist dies für mich ein sprechendes Zeugniß, daß sie mit dem ganzen Jdeenkreise, in welchem die bestehende Liturgie sich bewegt, nicht mehr wie sonst in stillem Frieden lebt, und dem Widerspruch, der zwischen diesem und dem gegenwärttgen Bewußtsein stattfindet, zu fühlen begonnen hat. Ihre Oppofiüon ist nicht sowohl gegen die neuere Sprache des Lebens als vielmehr gegen den Anblick des Todes gerichtet, in welchem sie den Inhalt der Gebete auch dem orthodox sich nennenden Bewußtsein erscheinen läßt. Man fürchtet, und mit gutem Grunde, daß dieser Inhalt, der heiligen Gewänder der alten Sprachen entkleidet, nackt erscheinen würde, wovor auch die nicht mehr naive Orthodoxie ein Schaamgefühl nicht mehr unterdrücken kann. — Wäre sie noch so naiv, wie sie einst gewesen, hätte sie sich nicht verleiten lassen zum verbotenen Genuß von den Früchten des Baumes der Erkenntniß, sie hätte noch jetzt kein Gefühl von dem Zwiespalt zwischen dieser und dem Gedaukeninhalt der alten Gebete, sie hätte jetzt eben so wenig wie das ganze talmudische Alterthum von der veränderten Sprache eine Gefahr für denselben befürchtet. Aber das Gefühl innerer Zerfallcnheit hat sich auch der jüd. Orthodoxie bemächtigt, sie trauet dem Inhalt der Gebete keine selbstständige Kraft mehr zu, daß er sich durch sich selbst werde halten können, und glaubt mit Recht den innerlich faulen Stamm nur noch durch seine gesunde Rinde haltbar. — Das ist der Schlüssel zu der räthselhasten Erscheinung, warum das talmudische Alterthum so wenig Werth auf die hebräische oder sonst eine Gebetsprache legte, und warum die neuere Orthodoxie so fest an dieselbe sich klammert, den Hr. Frankel nicht zu finden weiß und mit allerlei leeren Phrasen von historischen Erinnerungen rc. sich aus der Roth zu retten sucht. Im talmudischen Alterthum war der dogmatische Inhalt der Gebete kerngesund und lebenskräftig und es war fitr ihn durch einen Sprachenwechsel kein Jdeenwechsel zu befürchten, im gegenwärtigen orthodoxen Bewußtsein ist ßber eben dieser dogmatische Inhalt erschlafft und kann nur noch durch den Heiligenschein, den die alte und mit Recht ehrwürdige Sprache ihm verleihet, zur Fristung einer Scheinexistenz erhalten werden. Lebte noch die talmudische Anschauung im gegenwärttgen orthodoxen Iudenthum in Deutschland, sie würde ficherlich alle leidigen künstlichen Nothbehelfe verschmähen und alle Sophistik und unsichere Dialektik des Hrn. Frankel würde nicht ausreichen, sie zu überzeugen, daß die Erhaltung der hebräischen Sprache eine die Erhaltung des Judenthums bedingende Voraussetzug sei.

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