Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1845)
- Date
- 1845-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567011--1715-2569520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
383 Die Berliner Vorstands-Wahl. * Berlin. Sehr gespannt ist man auf die Wahl der neuen Gemeindevorsteher, die bekanntlich nach alt hergebrachter Ordnung, alle 3 Jahre am Hoschaino - Rabbe neu creirt werden. Es werden nämlich von den 1200 beitragenden Familienvätern (300 Gemeindemitglieder find ganz unbesteuert) durch's Loos von dem ersten Rabbinatsaffessor fieben gewählt, welche Letzterer alsobald mit den schon zu diesem Behufe bereit stehenden Wagen auf die jüdische Rathßube abholt, und die so lange eingesperrt werden, bis fie unter fich die drei Aeltesten und vier Substituten durch Stimmenmehrheit auf 3 Jahre gewählt haben. Ich erfahre soeben, daß unter den sieben Wählern 3 Reformfreunde gezogen wmden, deren einer, nach Eintreffung am Orte der Bestimmung, gegen die Forderung, von den auf vorgelegter Wahlliste bezeichneten höchstbesteuerten und daher wahlfähigen Gemeindemitgliedern ohne Verzug den neuen Vorstand zu wählen, Protest eingelegt hat, indem viel daraus ankomme, (sagt er) die vorgeschlagenen Candidaten durch eingezogene Erkundigung erst näher kennen zn lernen, was natürlich in der belassenen kurzen Wahlzeit nicht leicht möglich ist. Der Protest wurde zu Protokoll genommen, und der Wahlaet noch vorläufig eingestellt. Es muß indessen bemerkt werden, daß dieser antiquirte Wahlmodus, welcher mit der römischen Papstwahl durch die Cardinäle im Conclave viel Aehnlichkeit hat, auf keine Meise mit Zustimmung der jetzigen jüdischen Verwaltungsbehörde qoch sofort gehandhabt wird, sondern daß er vielmehr auf dem Grund einer Cabinetsordre früherer Iahrhunderde bafirt und als man schon im Jahre 1750 ihn modificirt haben wollte, befahl Friedrich der Große, in einem Rescripte, denselben noch vorläufig in seiner alten Fornr fortbestehen zu lassen, in welcher er nun verblieben ist, bis jetzt, wo auf ein neues Ansuchen an das Wnisterium, denselben einer Veränderung zu unterwerfen, letzteres fich dahin beschied, ihn noch in feiner jetzigen Gestalt so lange zu belassen bis das vorliegende Iudengesetz zur Veröffentlichung reif wäre. Die Aesormgenosfenschaft. 8 Berlin. Auch heute kann ich Ihnen nur Erfteuliches mittheilen. Dieselbe faßt hier immer tiefer Wurzel und nimmt täglich einen höhern Aufschwung. Es haben sich derselben, seil der öffentlichen Probe, welche fie an den vergangenen Feiertagen von ihren Bestrebungen abgaben, nicht nur viele Familien angeschlossen (man spricht von 200) sondern auch Männer, deren Namen sehr guten Klang in der öffenllichen Meinung haben, so daß ihre Bekavntwerdung so manchen Zweifelnden und Schwankenden bestimmen dürfte fich den Reformern anzureihen. Der früher versprochene provisorische Gottesdienst soll, wo möglich noch vor Ostern ins Leben treten. Wie ich höre, beabsichtigten die Bevollmächtigten Behufs der Einrichtung jenes Gottesdienstes in diesem Winter eine kleine Vorsynode zu berufen, um die denselben betreffenden speciell theologischen Fragen vorläufig zu erledigen. Weitere Vorlagen sollen dann der nächsten Rabbinerversammlung gemacht werden, und dann erst soll zur Verwirklichung des ursprünglichen Zweckes zur Berufung einer größern allgemeinen Synode geschritten werden. — Herr Dr. Stern wollte eine jüdische Zeitschrift herausgeben, hat aber diesen Plan wieder aufgegeben, weil er dieselbe nur als Wochenschrift für zweckmäßig hielt, aber nicht als Monatschrift, wozu er allein die Concesfion erhielt. Er hat es daher vorgezogen, seine Muße auf die Ausarbeitung einer Reihe von Vorlesungen über das Judenthum zu verwenden, welche er diesen Winter zu halten beabsichtigt. Das Nadbinar Durgpreppach; Die Ditdung der Lehrer. Die Wahl in Burgpreppach ist vorüber. Nicht mehr als zwei Bewerber waren auf dem Kampfplatze: Ein Bruder des ftühern Rabbiners, Lehrer im Rheinkreife und Candidat Kah n aus Burgpreppach : Der Erstere wurde gewählt. Es sollen jedoch Reklamationen wegen Wahlumtriebe stattgefunden haben. Mehr Beachtung als dieser Wahlkampf verdient eine Erscheinung. die man mit großem Rechte als Rückschritt bezeichnen kann. Es werden nämlich in neuester Zeit wieder Subjekte als Lehrer zu Finalprüfungen zugelaffen undangestellt, die kein Schullehrer-Seminar besucht haben, ja fast ohne eine nur halb genügende Vorbildung diesem Fache fich widmen. Schon wußte in unserem Lande und zumal in unserem Kreise Niemand anders, als daß nur Seminaristen angestellt werden könnten und unser Schulwesen nahm trotz seinen vielfältigen Mängeln einen erfreulichen Aufschwung. Welchen Stoß muß dieser erleiden, wenn eine solche Milderung den Jugend - Unterricht wiederum in die Hände von Individuen legt, die ohne wahre Schulbildung von Pädagogik und Didaktik kein Wort verstehen. Zur Ehre der Gemeinden gereicht es, daß von ihnen aus keine Anträge gestellt wurden, aber auch dagegen ist bis jetzt nichts geschehen, und es läßt mit ziem, licher Gewißheit fich voraus bestimmen, daß bald solche geprüfte Schullehrer den in Seminar Gebildeten werden vorgezogen werden, besonders in jenen Gegenden, die dem Einflüsse gewisser Finsterlinge ganz hingegeben find. — Für den bevorstehenden Landtag wird auch in unserem Kreise eine Petition vorbereitet und mit Bewilligung der k. Kreisregierung demnächst eine Versammlung abgehalte» werden. —