Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1845)
- Date
- 1845-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S8S erweiterte Lebensverhaltnisse und Anschauungen gleichmäßig erweitert war, konnte das einfache Bibelwort, das für den frühem engen Lebenskreis und die in demselben in langsamerm Umlauf sich bewegenden Zustände berechnet war, ganz natürlich auf alle Fragen, wie sie der ausgedehntere Lebenskreis und die reichhaltigere Lebensansicht hervorriefen, nicht genügend antworten, und es mußte in dem Worte selbst eine größere, dem erweiterten Leben gemäße reichhaltigere Lebensfülle gesucht und ein tieferer Lebensquell in ihm gefunden werden, und Alles was aus ihm floß, floß aus unmittelbarer, göttlicher Quelle. Vieles in der Bibel Enthaltene, was nach dem natürlichen Schriftsinn seine Bedeutung verloren. Vieles, was nach der wörtlichen Deutung und dem geistigen Zusammenhang der Schrift seine Lebenseristenz längst aufgegeben hatte, gewann durch den Glauben, daß die Schrift ihrem ganzen Inhalte nach ein ewiger Canon, ein unabänderlicher Regulator des Lebens sei, welcher die Vertiefung in ihr Wort, die Versendung in ihren Geist als die erste und heiligste Lebenspflichtr forderte, neues, warmes und frisches religiöses Leben. Für Verlebtes und unnütz Gewordenes, für das, was einer ältern, bereits uvtergegcmgenen Anschauung angehörte und in den Compler der Gegenwart nicht mehr hinein paßte, ward ein neuer organischer Zusammenhang mit dem Hauptinhalte der Religion bald mit dem engem Bündniß zwischen Jehova und seinem Volke, bald mit der hohem Anschauung der Propheten neugeschaffen, und das unnützeste Formenwerk, die Art und Weise der Ausübung einer religiösen Ceremonie, wie sie das Leben oft zufällig und willkürlich gestaltete, mit dem Geist und Wesen der Religion in innige Verbindung gesetzt. Und was der Gegenwart noch fehlte, das wird ja die nächste Zukunft bringen, die Lücken, die eine unvollständige Gesetzesübung offen läßt, ausfüllen und dem, was jetzt blos ideale Geltung hat, volle Verwirklichung, dem religiösen Gemüth selige Befriedigung verschaffen. Hier zeigt sich die thätige Hand der Geschichte in ihrer großen, mannigfaltigen Wirksamkeit, die, so lange ihr der Lebensboden nicht entrückt, das Princip in seiner Lebenskraft nicht angefochtm ist, in die weiten Verzweigungen desselben immer neues und ftisches Leben bringt. (Fortsetzung folgt.) Geschichte -es Tages. Frankel. Von der Elbe. Etwas ganz Neues vom Jahr 5606 habe ich gestern von Dresden aus erhalten und Sie sollen eben die Frucht — es ist eine Frucht der e rste n Rabbiner-Versammlung — machen: Frankel, der Oberrabbiner Frankel hat das Kol- Nidre aufgehoben, also noleu8 voleus sich pur koro« der Rabbiner-Versammlung angefchloffen: \nx rajp yi ■jaboi Himmel und Hölle! was werden die Gemeinen in Polen und Ungarn, in Galizien und Böhmen, in Frankfurt am Main und Hotzeplotz sagen, die an den Vertreter des Stabilismus so brillante Adressen, kostspielige Pokale geschickt! Ei, ei! Das ist erwiesen, mein Bester! daß sie sammt ihren Rabbinen mit Fug und Recht Hüin paben rufen dürfen, denn sie find allesammt weit betrogen. Ist es nicht so? Der Kauf ist ungültig. Jever Buchstabe in den Adressen — so schreibt man mir — schämt sich und ist blaß geworden. Ja, an den Kirchheimschen, jenes göttlichen*) Schächters zu Frankfurt will man während des Ganzen Jom-Kippur Thränen bemerkt haben; denn das haben Sie jawohl schon Anderweitig vernommen, daß alle jene Adressen in Frankels Studierzimmer unter Glas unv Nahmen prangen, geschmückt mit Bandschleifen und Blumenbouquets, von frommen weiblichen Händen fabrizirt, und da will man denn an den stumm-verschämten Buchstaben jene Trauer-Physiognomit bemerkt haben — schreibt mein Correspondent. Sollte es ein bloßer Scherz von ihm sein? O, es ist Alles möglich. Konnte ja ehemals unter günstigen Umständen der rothe Faden im Heiligthume plötzlich weiß werden — warum sollten bei ungünstigen Vorfällen in unfern Tagen schwarze Adreßbuchstaben im Heiligthum eines frommen Oberrabbiners nicht blaß werden und Thränen weinen können? Warum sollten in unfern Zeiten keine Wunder mehr geschehen? Ist es denn kein Wunder, daß ganze Gemeinden mit den starrsten Rabbinen an der Spitze von Frankels Austritt aus der Rabbiner Versammlung fich — täuschen und verblenden lassen, einen Mann für ihres Gleichen zu halten und als einen Heiligen zu stempeln, der ohne von seiner Gemeinde dazu gedrängt zu werden— das Kol-Nidre abschafft und in seiner Zeitschrift an unzähligen Stellen als der zweideutigste Patron dasteht, und von den im Znoenthum nöthiggewordenen Reformen schreibt und schreiben läßt. Von einem solchen Mann fich täuschen zu lassen, — ist das kein Wunder? *) Gibt es einen göttlichen Sauhirten, warum nicht auch einen göttlichen Schlächter?