Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1845)
- Date
- 1845-11-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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381 der ganze historische Proceß uns klar vor Augen: die vergängliche Seite des Zudenthums mußte zu einer ewigen Grundlage verwandelt werden. Es ist das Eigenthümliche der geschichtlichen Fortbildung innerhalb der engen Grenzen eines gegebenen Princips, daß ihr wie in dem lebendigen Organismus nichts Wesentliches verloren gehen darf, was mit dem Princip organisch zusammengehört und seiner Lebenseristenz, seiner organischen Ausbildung und Fortentwicklung nothwendig oder förderlich ist, und wenn dem einen oder dem andern aus ihm sich abzweigenden Theile im Laufe der Zeit der innere Zusammenhang mit seinem Stamme loser oder gänzlich abhanden gekommen, diesen entweder von neuem zu befestigen oder einen ganz neuen zu reproduciren, der mit gleicher oder noch größerer Lebenskraft die kaum unterbrochene innere Wechselwirkung zwischen den Aestm und ihrem Stamme wieder herstellt und erhält. Dieser geschichtliche Bildungsproceß geht solange seinen ruhigen Gang fort als der Kreis, in welchem er seine Wirksamkeit äußert, unverändert derselbe bleibt, als die Grundlage, auf welcher diese Formationen vor sich gehen, eristirt. Der Baum wechselt seine Blätter und Zweige uud wächst und blühet und treibt Früchte so lange der Stamm gesund ist, die Wurzeln ihre Lebenskraft nicht verloren haben. Ist der Stamm gefällt, ist die Wurzel faul, dann hört der Bildungslauf innerhalb des gegebenen Kreises auf. Aber innerhalb eines größer« Organismus, in einem weitern Kreise, von welchem der kleinere Kreislauf nur ein geringer Theil war, findet dasselbe Wechselverhältniß statt, und es wird dafür gesorgt, daß nichts verloren gebe, was dem Ganzen Schaden bringen könnte und wenn es verloren gegangen f daß es wieder ersetzt werde. Und denselben Bildungsproceß wiederholt der Genius der Geschichte in der geistigen Entwicklung und Fortbildung des Menschengeschlechts. So lange auf der festen Grundlage eines gegebenen Princips, einer zur Herrschaft gekommenen Weltansicht ein lebendiger Kreislauf stattfindet, sorgt der Geist der Geschichte dafür, daß nichts von dem verloren gehe, dessen Verlust der Lebensfähigkeit, der lebenskräftigen Entwicklung des Princips wesentlichen Eintrag thun könnte, und wenn es verloren gegangen, daß es schnell durch ein anderes von gleicher lebenskräftiger Entwicklungsfähigkeit wieder ersetzt werde. Zst aber der innere Lebensquell des Pnncips versiegt, sind die Lebenssäfte in seinen Wurzeln vertrocknet, ist die tiefere Grundlage, auf welcher der geschichtliche Bildungslauf seine Kräfte entwickelte, erschüttert worden, dann hat freilich der ganze Bildungsproceß sein Endziel erreicht, und mag er seine Kräfte noch so sehr anstrengen, er kann kein Leben mehr erzeugen und muß mit dem Boden, der ihn getragen, Zusammenstürzen. Aber auch hier sorgt der höhere Geist der Geschichte, daß in seinem Reiche kein Leben eher zu Ende gehe, bis ein anderes begonnen, daß kein Lebensprincip eher seine Gristenz aufgebe bis es durch ein lebensfähigeres ersetzt worden ist. Und so sehen wir überall, wohin wir den Blick auf die Geschichte richten mögen, ganze Völker und Staaten von gewissen Weltansichten beherrscht, die, so beschränkt und fehlerhaft sie auch, von unserm gegenwärtigen Standpunkt aus betrachtet, uns erscheinen mögen, solange als sie lebendig waren, wirkliches Leben äußerten, hohe, sittliche Lebenskräfte und Gesinnungen weckten und die Glückseligkeit der Menschen förderten. Uns erscheinen sie freilich als vermoderte Leichen, als ein über seinen Wurzeln gebrochener, fauler Stamm; allein den Geschlechtern, die sie trugen, waren sie Lebensodem, die Menschen, die von der Frucht des lebendigen Baumes genossen, lobten den Schöpfer für die erhaltende Lebenskraft. Geben wir nun von dieser allgemeinen Ansicht auf das talmudische Zeitalter über, so wird sich unser Verhälmiß zu ihm wie auch das Maß der historischen Berechtigung, die seine Gestaltungen im Gebiete der Religion für unser gegenwärtiges religiöses Bewußtsein haben können, klar Herausstellen. Das talmudische Judenthum, dessen Thätigkeit auf dem religiösen Boden in den nacherilischen Jahrhunderten ihren Entwicklungsgang begonnen batte, faßte, wie schon oben gesagt, die ganze Theokratie als Religion mit religiösem Geiste auf, und die Politik ward eine himmlische und darum dem Menschen heilige. Die Prophetie war erloschen, das götzendienerische Leben geschwunden, aber mit diesem auch die Unmittelbarkeit, die aus dem Innern sprudelnde Frische und Lebendigkeit der religiösen Anschauung. Die Bibel, das geschriebene Wort, ward gleichsam die Vermittlerin zwischen Gott und dem Menschen. Um den göttlichen Willen zu erforschen, mußte, wie ehemals der Prophet undSeber, jetzt das geschriebene Wort befragt werden, dieses allein konnte Auskunft geben. Da der Gesichtskreis nicht mehr wie früher beengt, vielmehr durch