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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-23 · Heft 47 (23.11.1845) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 47 (23.11.1845)
Date
1845-11-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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38© Ceremonialgesetz für ewige Zeiten verpflichtet und geheiligt habe, und daß die vollständige Lösung dieser seiner ausschließlichen Aufgabe ihm erst in einem politischen Messtasreich möglich sein werde. Die prophetische Fortbildung des Zudenthums fußt also auf einer ganz andern Grundlage, bewegt sich in einem ganz andern Kreise als die talmudische. Auch diese ist eine geschichtliche Entwicklung eines bestimmten Lebensprincips, allein die prophetische ist eine ungleich höhere, um so höher, als das Princip, welches sie fortbildete, ein ungleich b'öberes und das talmudische gegen dasselbe im Ganzen ein großer Rückschritt ist. Zndeß hat die Geschichte auch im talmudischen Zudenthum ihre Aufgabe vollständig gelöst, sie hat dessen Grundprincip des politischgesetzlichen Partikularismus trotz aller äußern und innern Störungen und Hindernisse forrgebildet. Sehr Vieles, dem in dem Zeitenwechsel und totalen Umschwung der tzebensverhältnisse und Anschauungsweisen den eigentlichen Lebensboden entschwunden war, hätte schon damals, nach dem Eril, aus dem Gebiete der Religion ausgeschieden werden müssen. Allein da man das Gesetz nach seinem ganzen Umfange mit religiösem Geiste als ein ewiges betrachtete, konnte an einen Scheidungsproceß nicht gedacht, vielmehr mußte das Ganze in seiner Znregrität erhalten werden; und war für das eine oder das andere Gesetz nach seinem wörtlichen Inhalt in der gegenwärtigen Anschauung der innere Zusammenhang mit seiner Wurzel verloren gegangen, so mußte bald ein neuer gewonnen, d. h., die gegenwärtige Anschauung in das Gesetz zurückgetragen, das Gesetz nach der gegenwärtigen Anschauung umgedeutet und auf diese Weise der Zusammenhang wieder hergestellt worden. Und hier zeigt sich der Bildungstricb der Geschichte in seiner schöpferischen Kraft! Dem religiösen Gemüth des Menschen ist von der Vorsehung eine so überschwengliche Fülle, ein so reicher Schatz von Gefühlen und Empfindungen verliehen worden, daß es ihm gar nicht schwer wird, einen Gegenstand, dessen Eristenz es liebgewonnen, wie eine geliebte Braut mit den schönsten Empfindungen, die es besitzt, auszuschmücken und mit seinem innersten Heiligthum in engste Verbindung zu bringen. Sie habe» recht, wenn Sie sagen, die Agada sei eine Art Mystik, richtiger diejenige Lebenssphäre, in welcher das religiöse Gemüth mit seiner tiefen, sich selbst unergründlichen Mystik sich ergießt und in dem Objekt nur den Refler von den Ausstrahlungen seines subjektiven Lichtstromes erblickt. Aber nicht wie Sie hinzufügen, weil in ihr, der Agada, Vieles noch oder wieder flüßig erscheint, was die Halacha verknöchert hat, Vieles gedacht, gefühlt, was die Halacha proscribirt hat, sondern deßhalb, weil sie das, was bie Halacha als Grundsatz objektivirt und als objektives Gesetz hinstellt, in den Gedanken- und Gefühlsströmungen ihrer Subjektivität auflöst, das Grundprincip, das keinesweges ein verknöchertes ist, mit dem überschwenglichen Gefühl der Anhänglichkeit und Liebe zu demselben es sublimirend, an ihr Herz drückt. Daß Gott z. B. das israelitische Volk zum ausschließlichen Träger des Ceremonialgesetzes auserwählt und ihm um dieser Prärogative willen einen vorzüglich heiligen und reinen Volkscharakter verliehen hat, ist ein streng halachisches Princip, wovon Sie die Consequenzen in meiner Schrift, das Religiöse und Politische, Nachlesen können. Wie hat die Agada dieses Princip behandelt? sie befaßt sich mcht damit, wie die Halacha, die j u r i st i sch e n Consequenzen aus ihr zu ziehen, aber dem Princip selbst huldigt sie mit aller erdenklichen Liebe und Hingebung, trägt und nährt es mit ihrem Blut und Leben und hegt es mit der zärtlichsten Sorgfalt. Was hat nicht die Agada aus diesem Princip heraus Gott mit Zftael für schöne und herzinnige Liebesworte und Reden wechseln lassen! Ich erinnere Sie nur an das hohe Lied und dessen sinnige Ausdeutungen im Midrasch, wo die Sckechina und die Kneset Zisrael die schönsten Liebesworte einander sagen, vor denen die Sentimentalität eines Frankel nur elend und stümperhaft, das buckliche Geschwätz eines Sachs matt und wässerig erscheint. Ist das Alles etwas anderes als eine andere Behandlungsweise eines und desselben Princips? Zch möchte sagen, daß wenn die Halacha das Zudenthum ernst wie ein Vater, die Agada dasselbe zärtlich wie eine Mutter behandelt. — Die Folgen dieser agadisch-mystischen Behandlungsweise des jüdischen Princips finden wir in der christlichen Mystik wieder, die gleichfalls das hohe Lied für das Liebesverhältniß Christi zur Kirche, seiner lieben Braut, ausbeutet nnd ausdeutet. Wissen wir nun, daß die Juden nach dem Eril den prophetischen Standpunkt und dessen Fortbildungssphäre aufgebend, wiederum die politisch-nationale Sphäre des Zudenthums zur religiösen verarbeitete, das Gesetz als Religion mit der ganzen Lebensfülle des religiösen Gemüthes auffaßte, so liegt

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