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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-23 · Heft 47 (23.11.1845) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 47 (23.11.1845)
Date
1845-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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379 prophetischen Anschauung die engen Grenzen des gesetzlichen Partikulansmus zum idealen Universalismus erweitert. Schon darin, daß die Propheten demOpferdicnst wie dem Ceremoni algesetz, in so weit es nicht zu ihrer Zeit noch politische Bedeutung und darum auch noch religiöse Geltung hatte, im Vergleich mit der wahren Gotteserkenntniß und reinen Gottesverehrung in Beobachtung des allgemeinen Sittengesetzes nur einen sehr geringen relativen Werth beilegten, auf diese letztem aber die ganze Menschheit nicht minder als Israel für verpflichtet hielten und die allgemeine Anerkennung dieser Verpflichtung im Messiasreich weissagten, liegt ein großes Zeugniß ausgesprochen von der in der prophetischen Anschauung herrschenden Achtung vor der Menschheit, vermöge deren sie mit Israel eine gleichberechtigte Stellung zu Gott^ einnehmen. Wenn man fragt: worin bei den Propheten der Vorzug und die Besonderheit Israels noch bestand? so wird man antworten müssen, daß bei ihnen Israel in der That nicht quantitativ mehr als die übrigen Menschen, sondern auf die gleiche Aufgabe qualitativ höher verpflichtet sei, in dem Sinne höher, daß Israel vermöge der ihm zu Theil gewordenen providentiellen Führung und Erziehung die allgemeine Aufgabe der Menschheit lebhafter fühlen und ihre Lösung eifriger anstreben müsse, und deßhalb durch ihre Vernachlässigung um so strafbarer in Gottes Augen erscheine. Diese höhere prophetische Anschauung ist die großartigste historische Fortbildung des reinen Judenthums auf seiner ursprünglichen Basis, auf welcher die Patriarchen gestanden und Moses die Theokratie erbauet hat. Sie war mit der starren Gesetzlichkeit in Kampf und Opposition getreten und ging im später» Judenrhum nach dem Eril wieder in dem neu erstarkten gesetzlichen Bewußtsein fast unter. Wenn bei den Propheten das Gesetz zurückgetreten und die Religion zur Herrschaft gebracht worden war, so wurde später, nachdem der prophetische Geist erlosch, wiederum das Gesetz zur Religion erhoben, die Religion zum Gesetz erniedrigt. Der gesetzliche Partikularismus, der in der altern Anschauung als ein politisch-nationaler lebte und gegen welchen die Propheten mit ihrer höhern Religiosität und reinern Messiasidee ankämpften, gestaltete sich später nach dem Eril, als die gesetzlich-religiöse Betrachtungsweise die Oberhand gewann, zu einem religiösen, in dem Sinne nämlich, daß in ihm wiederum. wie im Gesetze wiederholt angegeben ist, der Grund der höhern religiösen Verpflichtung und Heiligung Israels durch die Beobachtung des, besondern ihm als heiligen, auserwählten Volke allein gebotenen Ceremonialgesetzes, angeschauet ward. Und da man mit der Rückkehr zum gesetzlichen Bewußtsein auch zum ganzen Pentateuch zurückkehren wollte, wegen der großen Umgestaltung aller Lebensverhältnisse und seiner zum Theil schon verwitterten politischen Grundlage aber, zu demselben nach seinem ganzen wörtlichen Inhalte nicht mehr ganz zurückkehren konnte, so wurde Manches, welches nur durch seinen ehemaligen Zusammenhang mit den politischen Verhältnissen eine politisch-religiöse Bedeutung hatte, als ein Religiöses gefaßt, das Religiöse wiederum, welches mit dem gesetzlichen Partikularismus in keiner Verbindung stand, als mit demselben zusammenhängend, gesetzlich verarbeitet, und das ganze weite Gebiet der Religion erhielt einen juristischen Pragmatismus, eine strenggesetzliche Ausprägung. Und hier erblicken wir wieder den historischen Proceß mit seinem umbildenden und umgestaltenden Einfluß. Es ist dieselbe Reproductionskrafk, die wie in andern Organismen, auch in dem der Geschichte lebendig wirkt und auf einer gegebenen Grundlage, innerhalb eines beschriebenen Kreises immer neue Formationen ins Leben fördert. Auch im talmudischen Zudenlhum erkennen wir das Werk der historischen Fortbildung wie im prophetischen, aber auf ganz verschiedenen Basen, innerhalb ganz verschiedener Kreise. In beiden sehen wir den Proceß der geschichtlichen Entwicklung und Fortbildung, aber mit dem wichtigen Unterschiede, daß das prophetische Judenthum die reinsten Urideen, die erhabensten Religions- Vorstellungen des Judenthums zum Gegenstände und zur festen Grundlage seiner Fortbildung sich erwählt, den Grundgedanken nämlich, daß die ganze Menschheit hochgeachtet und geliebt sei von Gott, dem Vater, und eine hohe Aufgabe von ihm erhalten habe, die reinste Gotteserkenntniß durch Selbstheiligung, durch Gottes- und Nächstenliebe, durch Tugend und Gerechtigkeit zu verwirklichen, deren würdige Lösung ihr höchstes Ziel auf Erden sei, während das talmudische Judenthum den gesetzlichen Partikularismus zum Zielpunkt seiner Fortbildung genommen habe, den Gedanken nämlich, daß Gott ein für alle Mal den Israelin'schm Volksstamm zu seinem Liebling auserwählt und aus ein besonderes

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