Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1845)
- Date
- 1845-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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378 nach talmudischen Zudenthum erkenne ich in dem Bestreben, für die Gesetze und Gebräuche, deren grundwesentliche Bestimmungen in theokratischen, politischnationalen Vorstellungen wurzelten, nachdem, in Folge des großen Umschwunges, den die Geschichte in den Lebensverbältnissen bewirkt, ihr eigentlicher Lebensboden untergraben war und sie deshalb nicht mehr wie ehemals in ihrer ursprünglichen Stärke als solche im Volksbcwußtsein lebten und auf dessen Kräfte und Gesinnungen so lebendig wie sonst einwirkten, in religiöse umzuwandeln und umzubilden, die das, was die politisch-nationalen Vorstellungen im Verlaufe der Zeiten an Frische und Lebendigkeit verloren, durch ihre neugewonnene religiöse Kraft und Innigkeit ersetzen und sie in veränderter Form erhallen und fortbilden sollen. Dieses urkräfnge Streben der Geschichte nach Fortbildung und Regeneration tritt uns in der biblischen Sphäre in einer höbern und umfassendem Bedeutsamkeit entgegen und zeigt sich im spätem Zudenthum schon auf einen en g e rn Wirkungskreis eingeschränkt, gleichsam auf einer niedrigem Stufe organischer Fortbildungen. Die prophetische Anschauung nennen wir, und mit Recht, eine höhere; sie ist höher als die gesetzliche. Die Propheten haben das Gesetz zur Religion erhoben, d. h., diejenigen Vorstellungen und Lehren des Pentateuch, die der Religion allein angehören, waren bei den Propheten in den Vordergrund des Bewußtseins getreten, das Gesetz als solches, insofem es ausschließlich für Israel allein ist, in den Hintergrund zurückgeschoben. Die Propheten ohne den theokratischen Bund Gottes mit Israel für alle Ewigkeit aufzugeben, haben doch das theokratische Element dadurch vergeistigt, indem sie den Bund nicht als einen politischen Vertrag auffaßten und darstellten, dessen wesentlicher Gehalt auf äußerlicher Erfüllung der ihm zu Grunde liegenden Bedingungen berührt, sondern als einen Bund im Geiste und in der Liebe, der in dem Verhältniß zwischen dem umversellen Gott des Weltalls und der Menschheft seinen Urgmnd und Boden hat, und in welchen die ganze Menschheit in der messianischen Zeit durch reine Gotteserkenntniß und Bruderliebe ausgenommen werden soll. Schon die Zdem einer messianischen Zeit in der Rcinbeü, wie sie bei den Propheten vorherrschend waren, «ußtm dem gesetzlichen Particularismus in ihrem Bewußtsein fein Schroffes und Beengendes nehmen und chn allmählig zum Umversalismus erweftern. Das, welches von ihnen als Ideal in tiefverhüllter Zukunft geschaut oder geahnt war, mußte schon in der Gegenwart als das Bessere gelten und in ihrem Urtheile den Vorzug erhalten. DaS engere Bündniß Gottes mit Israel mußte von ihnen, wenn sie nicht mit ihrem eigenen Urtheil in Widerspruch gerathen sollten, doch nur in dem Sinne gedacht worden sein, daß eö< der ganzen Mmschheit zur Erleuchtung und zur Ausströmung der göttlichen Gnade über dieselbe diene, zu dem Israel wesentlich beitragen soll, und wenn Jeremias sagte, daß, solange Sonne, Mond und Sterne nicht untergehen, Israel nicht aufhören werde, ein Volk vor Gott zu sein, so ist dies einerseits durch die besondere politische Stellung und den Patriotismus dieses Propheten zu erklären, andererseits ein Beweis, wie auch der Prophet den Widerspruch zwischen der mit der höher» Anschauung zusammenhängenden geahnten Bestimmung des ganzen Menschengeschlechtes, in einem Gottesreiche als Gleichberechtt'gte und Gleichvcrpflichtete vereinigt zu werden, und der Liebe zu dem engern Lebenskreise der Gegenwart, in welchem er wirksam war, nicht zu lösen vermochte, wie auch wir trotz der Ueberzeugung einer bessern und schönem Zukunft die Liebe zum gegenwärtigen Leben nicht aufgeben. Wenn Sonne, Mond und Sterne keine Welt mehr zu erleuchten haben werden, werden sie in der That untergehen, so wie Israel seine Volkseristenz aufgab, als diese für die Erleuchtung der Menschheit nicht mehr geeignet war. Weil bei den Propheten Gott sich nicht mehr so ausschließlich mit Israel, sondern gleich sehr mit der ganzen Menschheit beschäftigt, weil er sich vorzugsweise Gott des Weltalls und Regierer der Menschheit nennt, weil er von Israel vorzüglich das fordert, was er auch von der ganzen Menschheit und jedem einzelnen Menschen verlangt, weil ihm das, was Israel besonders ihm leistete, wenn es die allgemeinen Forderungen an die Gesammtmenschheit nicht erfüllt, noch mißfälliger erschien, und ihn Nichts, Tempel^ und Altar, Priester und heilige Gewänder, Opfer- und Räucherwerk über den Abgang dessen entschädigen und sühnen kann, was ihm als das ausschließend Heilige und Wohlgefällige gilt, weil endlich bei den Propheten von einer messianischen Zukunft so vorherrschend die Rede ist, in der nicht etwa blos die Zerstreuten gesammelt werden, sondern die ganze Menschheit erleuchtet und in den großen Bund der Liebe ausgenommen sein wird, haben sich in der