Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1845)
- Date
- 1845-11-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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374 und mit eiserner Konsequenz durchgeführtes Princip aus einem andern freiem heraus anzukämpfen, flüchten sich als Feiglinge aus emem starren Elemente der strengen Halacha, in dem sie sich nicht frei bewegen können, in das flüssigere der Geschichte und suchen mit Waffen, die sie hier in ihrer Roth zusammenrafften, die Beschneidung von religiösen, gleichsam historischen Gesichtspunkten zu vertheidigen. Da hatten sie aber in mir eben den rechten Gegner gefunden, der sie ob dieses verderblichen, ketzerischen Gelüstes derb zurechtwies. Wie lange wollt ihr noch, rief ich ihnm mit dem Propheten Elias zu,* auf zwei Seiten hinken! Entweder müßt ihr auf dem talmudischhalachischen Standpunkt ganz verharren und mit diesem den Juden nur nach seiner politisch-nationalen Seite würdigend, die Beschneidung als einen integrirenden Thcil des Ceremonialgesetzes, auf welches ausschließlich die jüdische Geburt als ein fait accompli den Juden verpflichtet erkennen, oder ihr verlaßt diesen Standpunkt und bekennt euch ganz zu einem freiem historischen, auf welchem nicht die Volkstümlichkeit, sondern die religiöse Eigenschaft des Individuums in Betracht kommt, nicht die blindzufällige bewußtlose Thatsache der leiblichen Abstammung, sondern das bewußte geistige Bekcnntniß, die sittlich freie Ueberzeugung das vorwiegende /^charakteristisch confessionelleElement bildet, auf diesem historischen Standpunkt aber müßt ihr wiederum, dem in»ernPrincip desselben getreu und cousequent die Beschueidung in rein religiöser Beziehung als eine leere und überflüssige Form erklären. Wie ihr jetzt thut, schwebt ihr zwischen zwei einander entgegengesetzten Principien in der Mitte und gebet vollgültiges Zeugniß, daß ihr weder das eine noch das andere seinem innern Wesen nach begriffen habt. Ihr wollt, von dem Gebiet der strengen Halacha auf den Standpunkt der historischen Fortbildung euch flüchtend, die dort gesuchte religiöse Geltung der Beschneidung für eure beliebigen Zwecke gebrauchen, und ahnt nicht, daß eben dieser historische Standpunkt der Anfang einer feindlichen Opposition gegen das starre Princip der talmudischen Halacha sei, daß diese oppositionelle Feindschaft mit jedem Schritt historischer Fortbildung an Größe zunehme, daß die Behauptung, der Jude werde durch etwas anderes als durch die leibliche Geburt aus dem geheiligten Saamen Abrahams ein heiliges Mitglied des heiligen Volkes, ein schreckliches Attentat auf das talmudisch-halachische Grundprincip sei. Ich sagte, daß der historische Standpunkt, der die religiöse Geltung der Beschneidung sucht, der Anfang einer Opposition gegen das starre Princip der talmudischen Halacha sei. Es ist deshalb der Anfang nur, weil es die religiöse Geltung für etwas sucht, welches in dem ganzen Compler der altern Anschauung nur deshalb religiös sei, weil es politisch ist. — Der historische Standpunkt, indem ihm diese in der politischen Natur der Sache begründete religiöse Eigenschaft nicht mehr als religiöse genügt und sie dennoch nicht ganz aufgiebt, sondern sie anderweit religiös zu begründen sucht, ist in dem ersten Stadium seiner Entwicklung begriffen, ist sich seiner Opposition gegen die antiquirte Anschauung noch nicht deutlich bewußt. Erst in der Gegenwart ist diese Opposition zum klaren Bewußtsein ihrer selbst gekommen; die volksthümliche Eigenschaft des Juden wurde ganz aufgegeben; auf das unverdiente, durch blinden Zufall der Geburt erworbene Erbrecht der besonder» Gnade Gottes wurde freiwillig verzichtet; der Raten unterschied und die auf denselben basirte Auserwähltheit wurde im Gefühle persönlicher Würde und allgemeiner Menschenachtung nicht ohne Indignation zurückgewiesen und in der reinrcligiösen Sphäre blieb kein Plätzchen für die Beschneidung übrig, sie wurde im Zusammenhang mit dem ganzen Cercmonialgcsetz gewürdigt, für eine unserer religiösen Anschauung völlig entftemdete Erscheinung, für eine leere Form erklärt. — Die Herren Mannheimer, Frankel und Sachs, da sic wegen mangelhafter Kenntniß des Judenthums das talmndisch - halachische Princip in seiner Wesenheit nicht erkannt und als natürliche Folge auch die auf dem historischen Standpunkte gegen daffelbe sich manifestirende Opposition nicht begriffen haben, buhlen mit zwei feindlichen Parteien, es mit keiner verderben wollend, entlehnen von der einen Waffen, um die andere, nicht zu bekämpfen, sondern zu vertheidigen, wollen mir dem historischen Standpunkt den talmudisch - halachischen stützen und merken nicht, daß sie Oel ins Feuer gießen. O heilige Einfalt! (Forts, folgt.)