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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-11-16 · Heft 46 (16.11.1845) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 46 (16.11.1845)
Date
1845-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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371 edelten Gottesverehrung weidlich schimpfen und sie als Götzendienst verläumden: das religiöse Bewußtsein der Einsichtigsten in Israel hat sie schon gerichtet und wird sie, je mehr diese höhere Anschauung sich weitere Bahnen brechen und größere Kreise erhellen wird, noch mehr richten. Sie als Mann der Wahrheit, als treuer Hirt in Israel, dürfen auf das Zetergeschrei der falschen Propheten nicht hören und müssen der Kraft der göttlichen Wahrheit trauen. Sie wissen, daß das Volksbewußtsein der heutigen Juden im civilisirten Europa so wenig wie das Ihrige und das meinige im Talmud wurzelt, mit dem talmudischen Bewußtsein zu identtficiren ist. Das Volk kennt diesen Gegensatz in seiner ganzen Größe nicht, weil es den Inhalt, noch weniger den Geist und die Grundansichten des Talmuds kennt und über diese Unkenntniß in einer argen Selbsttäuschung absichtlich erhalten wird. Es lernt den Talmud in den Predigten und Anthologien nur von seiner besten und schönsten Glanzseite, durch seine gediegenen moralischen Sentenzen und Kernsprüche kennen, und glaubt dadurch, sein religiöses Bewußtsein sei mit dem talmudischen identisch. Es erfährt aber dadurch nicht, daß diese veredelte Gottesverehrung wie sie in den ihm zur Kenntniß gekommenen vereinzelten Aussprüchen allerdings enthalten ist, dem Talmud als solchem, dem talmudischen Bewußtsein, eigens lich der talmudischen Religion, nicht genüge, daß es von ihm neben jener veredelten Gottesverehrung hauptsächlich und vorzüglich auch noch eine andere fordere, die es zu leisten weder gesonnen, noch im Stande ist, daß der Talmud von ihm die strenge Uebung eines Ceremonialgesetzes verlange, und, was die Hauptsache ist, als Bedingung seiner Seligkeit von ihm verlange, von dem es sich in seinem Gewissen vermöge der ihm aufgegangenen höheren Anschauung sich entbunden fühlt. In allen den rabbinischen Blumenlesen und sublimirten Predigten, in welchen seine schöne Sentenzen figuriren, wird dem jüdischen Volksbewußtsein nicht mitgetheilt, daß der Jude bei aller höhern Sittlichkeit, bei aller reinen Gottesverehrung, wie sie in jenen Sprüchen verlangt und gelehrt wird, dennoch nach den klaren Aussprüchen des Talmuds durch die Uebertretung einer rabbinischen Satzung, wie z. B. das Schema nicht zur gehörigen von den Rabbinen vorgeschriebenen Zeit gelesen zu haben, des Todes schuldig sei. Die talmudische Werkheiligkeit, der talmudische Ceremonimdienst, die Glieder - Religion lernt man nicht aus den talmudischen Sittensprüchen, sondern aus dem ganzen Compler der Halachah und der sie bewegenden, der prophetischen Anschauung entgegen laufenden Ideen kennen. Sobald das jüdische Volksbewußtsein erfährt, was der Talmud außer jenen Sprüchen noch Wesentliches enthält, wie er neben der Moral eine Werkheiligkeit, einen Formendienst von ihr verlangt, die mit der in ihm lebenden und auch als die des Talmuds geglaubten höheren Anschauung im Widerspruche sich befindet, gewahrt er zugleich den schroffen Gegensatz zwischen dem talmudischen Bewußtsein und dem seinigen. Freilich die .Schwachen und Kurzsichtigen im Volke werden sich von den gemüthlichen Schwätzern noch immer beschwichtigen lassen: der Talmud fordere beides, eine veredelte Gottesverehrung und ein Ceremonialgesetz; das eine ist ihm so heilig wie das andere und das eine diene zur Befestigung des andern, das Ceremonienwerk ist die Leiter, die dich in dm Himmel einer reinm und veredeltm Gottesverehrung hebt, und bist du leichtsinnig genug, ohne diese Leiter dich in die Höhe empor zu schwingen, so magst du zusehen, daß du nicht in der Luft schweben bleibst. Allein die Einsichtigen und in dem prophetischen Glauben Erstarkten wissen nur allzugut, daß eine veredelte Gottesverehrung nur dann und nur darum eine veredelte ist, wenn und weil sie keine unveredelte neben sich duldet, daß sie in dem Maße nur eine veredelte ist, als sie die unveredelte von ihrem Wesen ausschließt, daß die Addition einer unveredelten Gottesverehrung zu einer veredeltm das Facit einer unveredelten giebt, daß der reine Gottesglaube, die reine Gottesfurcht und der Wandel in Gottes Wegen dem Mmschen genügen muß, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen und daß, wenn dieses ungenügend erklärt und etwas Anderes an sich Werthloses als Seligend bedingend noch dazu gefordert wird, die Gottesverehrung, der Gottesglaube nicht mehr als wahr und rein, sondern als getrübt und verfälscht erscheinm muß. In der biblischen Sphäre ist diese höhere Anschauung, daß der Mensch nur durch geistige Gottesverehrung im reinen Glauben und reinen Wandel ohne alles Andere Gott wohlgefällig werde, zum Durchbmch gekommen, in der talmudischen dagegen wird dem Ceremonialgesetz in der durch dm talmudischen Deutungsproceß gewon- I nenen Gestalt und Ausprägung ein selbstständiger, die

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