Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1845)
- Date
- 1845-11-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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99© Zeit zu Zeit att Einzelne sich vernehmen ließ; aber in Sachen der Gesetzentscheidungen durfte auch dieses consequenter Weise nicht mitsprechen r02 prwwpo px. Wenn wir also dieser später» Zeit gegenüber in welcher der ehemalige lebendig fließende Strom des unmittelbaren religiösen Denkens und Schaffens zu einem ftillstehenden Bache mit engbegrenzten Ufern zusammengeschrumpft war, auf eine frühere Periode des in seiner ursprünglichen Frische und Lebendigkeit sich bewegenden religiösen Lebens uns berufen und die höhere Anschauung, die in ihr zum Durchbruch gekommen war, uns zum Leitstern für die Gegenwart nehmen, so kann nur einseitige Bornirtheit uns historische Würdigung der Verhältnisse absprechen. Verhalt es sich aber auch also mit unserem Berufen ans den Talmud? Ist auch diesem die höhere Anschauung, die wir proclamiren, zum Bewußtsein gekommen? Zum Durchbruch gestehen wir selber ein, sei sie dort nicht gekommen, aber doch von wenigen Einzelnen destalmudischen Zeitalters geahnt worden. Kann aber dieses dem Volke genügen, ihm für das, was wir ihm als das Wahre und Göttliche anpreisen, eine höhere Bürgschaft leisten, wenn ebendieses nur von wenigen Einzelnen geahnt, während das ganze talmudische Zeitalter von ganz andern Ideen, Gefühlen und Hoffnungen durchdrungen war? Hat nicht die Orthodoxie recht, wenn sie uns der Unredlichkeit zeihet, wenn sie uns anklagt, daß wir das Volk täuschen, berücken wollen, daß wir „vereinzelte fteisinnige Aeußerungen" als das talwudische Bewußtsein ihm geben — und solange wir von dem großen Gegensatz dieser Aeußerungen mit dem ganzen Talmud schweigen, geben wir sie ihm als talmudisches Bewußtsein — während diese mit dem ganzen Inhalt und Geiste des Talmuds im schneidendsten Widerspruche sich befinden.? Mag cs geschehen, wie Sie sagen, „um am Ende eine veredelte Gottesverebrung herbei zu führen," das thutnichts, der Zweck kann das Mittel nicht helligen. Solange das Volk nur dadurch für eine veredelte Gottesverehrmtg zu gewinnen ist, daß es glaubt: der Talmud lehre und verlange dieselbe, wird es für sie nimmer gewonnen werden, werden die Gegner einer solchen veredelten Gottesverehrung leichtes Spiel haben, das Volk vom Gegentheil, d. h. vom wahren Inhalt des Talmuds, nämlich daß der Israelit nur durch strenge Beobachtung des Ceremonialgesetzcs nach talmudischer Bibelinterpretation und durch rabbinische Rechtgläubigkeit, nicht aber durch eine veredelte Gottesverehrung im prophetischen und in unserem Sinne selig werden kann, zu überzeugen. Mehr als dadurch wird das Volk für eine veredelte Gottesverehrung im Geiste und in der Wahrheit *) gewonnen werden, wenn wir offen und redlich mit ihm zu Werke gehen und den vollen Gegensatz, der zwischen der talmudischen Grundanschauung und Lehre von der ewigen Verbindlichkeit des Ceremonialgesetzes und der höheren Anschauung der Propheten in seiner ganzen Größe offen darlegen und dem Volke, wenigstens dem eutpfänglichern Theile desselben, Nachweisen, wie diese höhere prophetische Anschauung wie einst in der biblischen Sphäre auch in der Gegenwart und in d em Bewußtsein der Juden selbst zum Durchbruch gekommen ist. Sie sagen: „ich bilde mir nicht ein, mit meinem Bewußtsein im Talmud zu stehen, wie Sie mir aufbürden; ich bin mir vollkommen bewußt, daß mein Bewußtsein ein ganz anderes als das talmudische ist." Also trotz den vereinzelten freisinnigen Aeußerungen, die Sie im Talmud gefunden, fühlen Sie doch lebhaft genug den großen Gegensatz zwischen dem talmudischen Bewußtsein und dem Ihrigen. Und das Volk sollte sich immer einbilden, mit seinem religiösen Bewußtsein im Talmud zu stehen, dem Volke wollen Sie aufbürden, was sie so entschieden von sich abweisen? Lassen sie Männer wie Hr. Frankel und dessen unwissende Nachbeter und Nachtreter sich selbst erniedrigen, um mit perfider Gemüthlichkeit und süßlichem Geschwätz dem Volke zu schmeicheln und ihm seine liebgewonnenen Jrrthümer zu vergöttern, es aus den Talmud und dessen Mißgeburten hinweisend, ihm zuzurufen: das sind deine Götter Israel! Lassen Sie Männer von diesem Gelichter auf die auch bei uns zum Durchbruch gekommene höhere Anschauung einer ver- *) Man hält dieses in christlichen Kreisen allgemein für eine neutestamentliche Phrase und beruft sich auf sie als die wichtigste Belegstelle, daß Christus durch sie das Ceremonialgesetz, das er nach den vielfachen historischen Zeugnissen im Leben streng beobachtet, abgeschafft haben soll. Allein außer dem mosaischen Hauptgebot: und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen, welches gewiß ein Dienst im Geiste und in der Wahrheit ist, hat der Prophet Samuel dieses mit fast denselben Worten gesagt: „und fürchtet Gott und dienet ihm in der Wahrheit mit euerm ganzen Herzen" 1. Sam. 12, 24. S. meine über diesen Text jüngst im Druck erschienene Predigt: der Gottesdienst in der Wahrheit.