Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1845)
- Date
- 1845-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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368 hiesige jüdische Bevölkerung liest jetzt Alles, was nur an Reform, oder religiösen Conservatismus anstreift. Dies zeigt eine kleine Broschüre, die vor Kurzem ein hiesiger Schneider unseres Glaubens, für die conservative Partei in's religiöse Schlachtfeld rücken ließ. Die Flugerscheinung wurde indessen doch mehr von der Rcformgemeinde, allerdings zu ihrer Belustigung, gelesen, als von den alten Synagogaten, da sich diese, wenigstens die einigermaßen gebildeten unter ihnen, ihrer sehr schämen. Zustände in der Pfalj. Aus der Pfalz. — Ich habe Ihnen schon lange keine Nachrichten über unsere religiösen Zustände gegeben, was sie von einem in aller Form wohlbestallten Correspondenten vielleicht auffallend finden. In unserer Zeit allgemeiner Bewegung, tief umgreifenden Refomrstrebens, lohnt cs kaum der Mühe, Einzelnes in die Oeffentlichkeit zu bringen, oder gar auf der Oberfläche hastende Versuche weiter zu besprechen. Allerdings setzt fich das Allgemeine in den menschlichen Erscheinungen aus Einzelnem zusammen, baut die Geschichte sich ihren Bau aus den scheinbar kleinen Steinen, die sie aus allen Ecken und Enden zusammenträgt , und ist der Geist, der auf der Oberfläche fich zeigt, oft der Funke, der tief aus dem Innersten hcrvorsprüht und bald zündend wieder in dasselbe zurückgeht. Indessen die einzelnen, oft bedeutenden, Erscheinungen muß ich aus Gründen Andern zum Berichte überlassen, wenn sie es der Mühe werth erachten; nur Einiges, was die ganze Pfalz betrifft will ich in vem Folgenden kurz besprechen. Ueber das israelitische Schulwesen ist unter dun 17. April d. I. auf die Vorstellung pfälzischer Rabbiner eine Entschließung der königl. Regierung ergangen, welche den denkenden Israeliten in mancher Hinsicht mit Betrübniß erfüllen muß. Auf der einen Seite sucht man den Juden von aller Einwirkung auf christliche Volksschulen oder allgemeine Schulanstaltcn (lateinische Schulen, Gewerbsschulen) mit sichtbarer Aengstlichkeit möglichst fern zu halten, und wurde daher die Bitte der Rabbiner, daß überall*) Israeliten als Mitglieder der Ortsschulcommissionen ernannt werden möchten, nur mit der Einschränkung genehmigt, daß diese Mitglieder nur dann den Sitzungen beiwohnen sollen, wenn über die israelitischen Schulen berathen wird; auf der andern Seite läßt man den christlichen Geistlichen umgekehrt, den möglichst größten Spielraum in der Einwirkung auf israelitische Schulen zwar so, daß dieselben nicht nur die Bezirks - Schulinfpectoren find, welche jährlich die Prüfungen vornehmen, sondern auch die Local - Schulinspectoren selbst am Sitze des Rabbiners, selbst wo der letztere ein in seinem Amte ergrauter wissenschaftlich gebildeter Mann ist, der christliche Geistliche dagegen zufällig ein junger Vicar, der eben erst in das Amt getreten, und hat man die deßfavsige, auf die allerhöchste Verordnung vom 20. August 1820 wornach ausdrücklich der Pfarrer nur der Local - Inspector der Schule seiner Confession ist, fich stützende bescheidne Bitte ver Rabbiner zurückgewiesen. Me man dabei aber noch von einer Einhett und Gleichheit des deutschen Schulwesens sprechen *) In einigen Landkommiffariaten war dies schon ftüher der Fall. kann, wie es in dem erwähnten Rescripte geschehen, ist in der That unbegreiflich, da nichts die Ungleichheit und den innern Zwiespalt wenigstens in Bezug auf die Israeliten deutlicher darthun kann. Es ist übrigens ein Beweis von unserm tiefen Verfalle, daß israel. Lehrer in der Allg. Zeit, des Iudenthums einen Jubel über diese Entscheidung anstimmen konnten, ja sogar eine Dankadresse an k. Regierung deßhalb unterzeichnet haben wollen. Jubel über unsere Zurücksetzung, eine Dankadresse über unseren politischen Druck: denn nur darin allein hat jene Entscheidung ihren Grund. Oder glauben Sie wohl, daß man auch für katholische Schulen einen protestantischen Pfarrer oder umgekehrt als Bezirks - Inspector oder gar als Local - Inspector und Katechet ernennen wird? Es gehört die ganze Flachheit, der ganze Mangel an Innigkeit, die ganze Theilnahmslofigkeit an dem Schicksale unserer Glaubensgenossen dazu, und dabei der ganze Egoismus, der dem Privathasse gegen Einzelne das Wohl des Ganzen kalt und teilnahmslos zum Opfer bringt, der einen Theil unserer heutigen Glaubensgenossen auszeichnet, daß isralitifche Lehrer ihre Stellung so ganz vergessen konnten. Doch zur Ehre unserer großenteils sehr wackeren, achtenswerten Lehrer muß bemerkt werden, daß verhältnißmäßig nur Wenige, und namentlich kein Einziger aus dem Rabbinatsbezirk Landau, und, so viel wir wissen, auch aus dem Bezirke Zweibrücken, an diesem verächtlichen Treiben fich betheiligt hat, obgleich es dazu an Anregungen aus andern Bezirken bei Einzelnen nicht fehlte. Die Bitten der Bezirks-Rabbiner, daß für den so nötigen Religions - Unterricht an den lateinischen und Gewerbs - Schulen, so wie an den Gymnasien gesorgt werden möchte, wurde ebenfalls — „aus Mangel an Mitteln" zurückgewiesen. Und dennoch besitzt unser Kreis einen sehr bedeutenden Kreisschulfond, der aus den Beiträgen Aller seine Mittel schöpfte, aus welchen nicht selten, die kleinsten katholischen over protestantischen Gemeinden sehr große Zuschüsse zur Besoldung ihrer Lehrer erhalten; besitzen viele Städte, in welchen solche Schulen bestehn, sehr großes Communal - Eigentum, woran nach unfern Gesetzen der Jsraelite das nämliche Recht wie der christliche Einwohner hat, aus welchem Gesammteigenthum oft sogar Privatinstitute mit Zöglingen von lauter reichen Leuten bedeutende Unterstützungen erhalten. — Es wäre Sache der israelitischen Deputirten, welche alle drei Jahre zur Repartition des Rabbinatsgehalts zusammen kommen, bei dieser Gelegenheit auf solche auffallende Mißstände aufmerksam zu machen und auf deren Abstellung zu dringen. Allein diese haben jedesmal weit Wichtigeres zu thun. Da kommen sie zusammen, und jeder Schritt, den der Rabbiner in den letzten 3 Jahren gethan, wird einer einseitigen, gehässigen Kritik unterzogen, und das ganze Streben, wenigstens einzelner Stimmführer, geht dahin, dem Rabbiner 6 oder 12 Kreuzer jährlich per contribuirende Familie an seinem Gehalte abzuzwackcn. So bringt man den Rabbiner um Ansehen und Achtung bei den Behörden, ohne zu bedenken, daß man durch soches Verfahren fich selbst doch am meisten schadet und im höchsten Grade kleinlich erscheint. So können fteilich am Ende beide, Rabbiner und Gemeinden, für die allgemeinen Interessen nicht mehr wirken; denn wo man keine Achtung genießt, da hört auch erfolgreiches Wirken auf. (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.