Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1845)
- Date
- 1845-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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367 dem wir dies thun, in vollkommener Uebereinstimmung mit der Wahrbeit. Wir haben gar nicht nöthig, dem Volke ein Hehl daraus zu machen, daß wir unserem erstarkten religiösen Bewußtsein auch dann trauen und folgen würden, wenn die höhere Anschauung in der biblischen Sphäre noch nicht zum Durchbruch gekommen wäre und wir auch mit dieser brechen, d. h., dasselbe thun müßten, was die Propheten vor Jahrtausenden, als die höhere Anschauung ihrer Seele zuerst aufging, gethan haben, ohne ein historisches Zeugniß, wenigstens kein so klar und deutlich ausgesprochenes wie wir es in den prophetischen Aussprüchen besitzen, gehabt zu haben, an das sie anlehnen konnten. Aber wir dürfen uns jenes Zeugnisses der Geschichte freuen, welches dem höhern Bewußtsein wie wir es dem Volke verkünden, /eine höhere Sanction eine göttliche Bürgschaft verleihet. Wir freuen uns, nicht erst die Religion reformiren zu müssen, sondern die längst vollendete Reform von den später» im Verlaufe der Zeit angesetzten Auswüchsen zu befreien, indem wir mit dem Alten brechen, auf eine noch höhere Stufe zurückkehreu zu können. Das ist unser redliches Amt und Werk, wenn wir die in der biblischen Region zum Durchbruch gekommene höhere Anschauung der Propheten zur Geltung und zur Herrschaft zu bringen streben. Wir geben hierbei historisch zu Werke, indem wir auf das Zeugniß der Geschichte uns berufen, daß in der Zeit, wo die Religion noch in lebendiger Fortbildung begriffen war und der Quell der göttlichen Offenbarung noch frisch sprudelte, die höchsten Wahrheiten von Gottesmännern, kämpfend und ringend verkündet worden. Aber nicht mit jener gleichfalls historisch sich nennenden ängstlichen Befangenheit, die immer das z u l e tz t zur Geltung Gekommene als das allein Berechtigte und Maßgebende anerkennt. (Forts, folgt.) Geschichte des Tages. Die Perliner Desormgenossenschaft. Berlin, im Oktober. Mit der neuen Lirturgie, welche an den drei heiligen Festtagen die Anhänger der neuen Gemeinde zu Gott erhob, ist die Reform in das zweite Stadium ihrer Verwirklichung getreten. Der neue Gottesdienst ist die erste That der Neformgcnoffcnschaft, und muß eben als solche hoch angeschlagen werden, obgleich es auf der andern Seite nicht zu leugnen ist, daß eine Reform des CultuS noch keine Reform des Juventhums ist, da bekanntermaßen das Wesen unsrer Religion nicht im Gebete, sondern im Gesetze, in der That, besteht. Allein man muß sich doch gestehen, daß der Cultus für diejenigen, welche bis jetzt dem Lebensnerv der Gesetzgebung nach Erkenntniß und Thal fremd geblieben, nichts weniger als eine Nebensache ist. Da die wahre Bedeutung desselben erst durch das neu zu belebende religiöse Bewußtsein, welches durch eine bevorstehende Synodal-Versammlung nach Inhalt und Form zu gestatten ist, kund werden soll, so müssen wir ihn bis dahin als das Vehikel ansehen, durch welches das rege Interesse an der Fortentwicklung des Judenthums in der religiösen Masse lebendig erhalten werden muß. Ueberdies fällt der neue Cultus für das quantitative Wachsthum der Reformangelegenheit sehr in die Wagschale ihrer künftigen glorreichen Eristenz. Es nahmen an ihm nicht nur die bereits erklärten Anhänger der neuen Sache Antheil, sondern es fanden sich auch viele zu der gottesdienstlichen Versammlung der Fortgeschrittenen ein, welche bis jetzt auf zwei Schwellen hüpften. Letztere scheinen sich an ihm sehr erbaut zu haben, da die meisten von ihnen theils nach dem Neujahrs-, theils nach dem Versöhnungsfeste ihre Beitrittserklärung einschickten. Unter diesen befinden sich einige sehr reiche verwittwete Frauen, die fich schon während der kurzen Zeit ihrer Mitgliedschaft als eifrige Beförderinnen ihrer neuenHerzensangelegenheit gezeigt. Auch hat der Reformgottesvienst auf die innere Religiosität seiner Anhänger schon vortheilhaft eingewirkt, da sie sämmtlich diesmal am Versöhnungstage den Laden geschloffen hatten, während man mehrere unter ihnen bezeichnet, welche in ftüheren Jahren am genannten Tage weder einem öffentlichen Gebete beiwohnten noch das Geschäft geschlossen hielten. In Hinblick auf die gedechliche Fortentwicklung, deren sich die Reformsache in Folge des zeitgemäßen und Allen verständlichen Gottesdienstes zu erfreuen hat, geben auch schon jetzt die Bevollmächtigten mit dem Plane um, fich ein geeignetes Teraui zu verschaffen, um auf demselben baldigst ein Gotteshaus aufzuführen welches, nach vorläufiger Bestimmung, 1000 Sitzplätze enthalten.soll. Die zusammenzurufende Synode behält indesscn die Genossenschaft scharf im Auge, jedoch glaubte sie dieselbe nicht eher in's Leben treten lassen zu können, als bis sich im deutschen Vater, lande wenigstens 10,000 Gleichgesinnte für die jüdische Reform erklätt. Allem Anscheine nach wird dies kaum ein Jahr dauern; überdies will man auch die bevorstehende Rabbinerversammlung erst noch einmal zusammentreten lassen, indem man von ihr die eigentlichen Präliminarien zur Synode erwartet. Da fich sowohl diese, wie auch die Aufführung eines neuen Gotteshauses noch etwas hinziehen dürfte, so geht man mit dem Plane um, um keine Erkaltung in dem neubelebten religiösen Leben auskommen zu lassen, im Laufej des Winters religiöse Zusammenkünfte zu bewerkstelligen, in welchen religiös-jüdische Angelegenheiten verhandelt werden sollen; auch werden von Zeit zu Zeit Generalversammlungen gehalten werden, deren nächste schon dieser Tage abgehalten werden wird. Ueberdies beabsichtigt auch Herr vr. Stern in diesen Wintermonaten dem jüdischen Publikum wieder Borträge zu halten, welche ähnlichen Inhalts sein sollen, wie die des vorigen Jahres. Herr vr. Sachs geht, wie ich höre, mit einem ähnlichen Projekte um, obgleich die Absicht eine andere sein dürfte. An Zuhörern wird es wohl beiden nicht fehlen, da sämmtliche Judenheit der Residenz in eine religiöse Rührigkeit gesetzt ist, wie Ke vielleicht seit langer Zeit in der religiös indifferenten Stadt nicht dagewesen. Die